Aber in diesem Augenblicke fühlte Pieter Maritz ein inneres Widerstreben, zu schießen. Er hatte noch niemals Menschenblut vergossen, und ihm schauderte bei dem Gedanken, den schwarzen Krieger gleich einem Wild zu töten. Jager bog den Hals und streckte seinen Kopf dem Zulu entgegen, schwellte die Nüstern auf und schnob, indem er den Geruch des Fremden witterte. Noch eine Sekunde zauderte Pieter Maritz, indem verschiedene Empfindungen ihm durchs Herz gingen, dann rief er leise in der Zulusprache: »Geh zurück, Zulu!«

Ein freudiges Licht blitzte in den Augen des Kaffern auf, und perlenweiße Zähne wurden zwischen den dicken Lippen sichtbar. Dann glitt die geschmeidige Gestalt in die Flut zurück und schwamm einem Aale gleich zum jenseitigen Ufer. Pieter Maritz aber wandte sein Pferd und jagte die Reihe der Posten entlang. »Paßt auf,« rief er ihnen zu, »die Zulus kommen!«

Die Reiter horchten auf, ritten nahe an den Fluß heran, und als jetzt die Sonne über dem Horizont auftauchte und mit einem Schlage strahlende Helligkeit über das Land ergoß, wurden die Gestalten vieler schwarzer Männer sichtbar, die am Boden niedergeduckt jenseits des Flusses heranschlichen oder schon im Wasser lagen, mit einer Hand rudernd, mit der andern die Waffen emporhaltend. Jetzt begannen einzelne Schüsse zu krachen, Pulverwölkchen stiegen diesseits und jenseits des Flusses auf, und an mehreren Stellen färbte das Wasser sich rot, während der Todesschrei der getroffenen Schwimmer die Morgenluft durchzitterte.

Pieter Maritz schickte eine der Vedetten nach dem Lager zurück, um zu melden, der Feind rücke an, und ritt selber am Flusse hin, um zu beobachten, an welchen Punkten und in welcher Menge die Armee der Zulus herankommen werde. Es kam ihm so vor, als seien, weiter stromabwärts, dort, wo die englischen Reiter sich an die Buernposten anschlossen, mehr schwarze Gestalten zu sehen als hier, wo er war, und er eilte dorthin. In der That erblickte er jetzt, indem er den Vedetten auf dem rechten Flügel zujagte, in weiter Ferne dunkle Massen, die dem Flusse näher kamen. Das Ufer war hier von felsigen Erhöhungen eingefaßt, und mehrere Thalsenkungen zogen sich von jenseits herüber, auch im Wasser selbst lagen große Felsen, und an einem Punkte ergoß sich der vom Gewitterregen geschwellte Fluß in einem brausenden Wasserfall nach unten. Das Land war nicht recht übersichtlich, Buschwerk und Bäume bekleideten die felsige Einfassung und die Hügel drüben am Inyezane; aber Pieter Maritz täuschte sich nicht: eine starke Heeresmasse wälzte sich heran und richtete ihre Spitze gegen die rechte Seite des Lagervierecks. Noch war sie weit entfernt, aber die Zulus marschierten schnell.

Inzwischen hatte sich das Feuern auf der Postenlinie verstärkt, mehrere einzelne Schützen waren schon diesseits des Flusses und kauerten, aus dem Versteck feuernd, in dem schilfigen Uferrand. Die Buern waren zum größern Teil zurück nach dem Lager geritten, auch die englischen Vedetten hatten sich zurückgezogen, und nur noch wenige Reiter hielten stand und schossen sich mit den an Zahl immerfort zunehmenden Zulus herum. Pieter Maritz harrte aus, der Anblick des Kampfes fesselte ihn, und er hielt hinter einem Gebüsch verborgen unweit des Wasserfalles, um so lange als möglich beobachten zu können.

Er sollte sich gar bald überzeugen, daß ein ernster Angriff beabsichtigt war. Jetzt erschienen drüben in einem engen Thale geschlossene Reihen zwischen den Felsen, kamen in schnellem Schritt heran und stürzten sich ohne Besinnen ins Wasser, kaum fünfhundert Schritte unterhalb des Wasserfalles. Ihre Front war nur zehn Mann breit, aber Reihe folgte auf Reihe, so daß sie sich gleich einem Nebenflusse zwischen den Felsen hervor in den Inyezane ergossen. Sie kamen Schulter an Schulter, Schild an Schild gedrängt, und zwischen den Schilden blitzten die Speerspitzen und Gewehrläufe in der Morgensonne. Pieter Maritz erkannte das Regiment; es waren die Blauschilde, mit denen er einst auf die Jagd gezogen war, und er erkannte auch den Induna, der vor ihnen herzog und sich allen voran in den Fluß warf. Es war ein schöner, schlanker Mann, und sein blauer Federschmuck war von einem goldenen Stirnreif umwunden. Mit eng geschlossenen Gliedern, ein Damm, der sich durch die Strömung schob, schwammen sie hindurch; die schwarzen Fäuste griffen in das weiß schäumende, spritzende Wasser, die wilden Gesichter mit dem blauen Haarschmuck blickten trotzig über die Flut hinweg. Wohl gingen einige Leute verloren, die an der äußeren Ecke der Kolonne von der starken Strömung fortgespült und hinuntergerissen wurden, so daß Pieter Maritz mit Entsetzen das Verschwinden dieser tapferen Leute sah; aber stetig ging die Masse vorwärts, und nun stieg schon der Kommandant mit dem Goldring ans Land.

Pieter Maritz trieb sein Pferd an und ritt seitwärts, halb nach dem Lager zurück, halb zum Flusse gewandt. Er konnte seinen Blick noch nicht völlig von dem kühnen Übergange der Feinde abwenden. Denn er sah nun oberhalb der Stelle, wo die Blauschilde kamen, ein anderes Regiment in breiterer Front heraneilen. Sie trugen Streifen von Leopardenfell um den schwarzen Federschmuck des Kopfes gewunden, und Pieter Maritz erkannte eines der alten Regimenter von Mainze-kanze. Doch nun galt es für ihn kein Säumen mehr, er war der letzte Reiter außerhalb des Lagers, und im Galopp kehrte er zurück und schlüpfte durch die letzte Öffnung hinein, welche noch nicht verbarrikadiert war.

Ernst und still war es im englischen Lager, alle wußten, daß es einen heißen Kampf geben würde. Viele Offiziere, auch Lord Chelmsford selbst, standen auf den höchsten Punkten der Umwallung und blickten durch Fernrohre und Doppelgläser nach dem Feinde aus. Pieter Maritz stieg ab und kletterte die Brüstung hinan, um Meldung über das zu machen, was er gesehen hatte. Lord Chelmsford hörte ihm aufmerksam zu, als er berichtete, daß der Kern der Zuluarmee im Anmarsch sei, und daß zum Teil dieselben Truppen heranrückten, welche bei Isandula unter Dabulamanzi gefochten hatten. Der General vernahm mit lebhaftem Interesse, was der Buernsohn ihm über die Art des Angriffs in jener Schlacht erzählte, und ein Strahl von Kampfeslust erleuchtete seine dunklen melancholischen Augen. Doch nur kurze Zeit dauerte diese Unterhaltung, denn gar bald erschien die Zuluarmee selbst, um durch den Augenschein zu zeigen, welche Kampfart sie hatte. Wie ein großer Bogen spannte sich dort eine schwarze Masse über dem vom Regen erfrischten, herrlich grünen und bunten, wellenförmigen Lande aus und schien das Lager in der Front und von zwei Seiten umspannen zu wollen. Lord Chelmsford zog seine Uhr.

»Vier und ein halb Uhr,« sagte er zu einem seiner Adjutanten. »Die Entfernung beträgt jetzt etwa dreitausend Schritt. Lassen Sie mit Shrapnels beginnen.«

Der Adjutant legte die Hand an den Helm, wandte sich zu dem Kommandanten der Artillerie, welcher erwartungsvoll sein Auge auf den Oberbefehlshaber gerichtet hielt, und winkte mit dem Taschentuch. Fünf Sekunden, nachdem der General gesprochen hatte, erschütterte die brüllende Stimme eines Neunpfünders die Luft, und unmittelbar darauf erschien ein weißes Wölkchen über der Mitte der dunklen Heereslinie in der Ferne. Schlag auf Schlag folgten sich jetzt die Donnerschläge aus der Verschanzung, ein Geschoß nach dem andern sauste den Zulus entgegen, und der blaue Rauch des Pulvers erfüllte das todsprühende Viereck. Es war von der Brüstung aus deutlich zu sehen, daß die englische Artillerie ihrem stolzen Ansehen in der Armee Ehre machte; Shrapnel nach Shrapnel explodierte in und über den Reihen der nackten Krieger, und eine Lücke nach der andern wurde in die dichten Haufen gerissen.