Aber immer wieder schlossen sich die Lücken, und ohne Aufenthalt, mit erstaunlicher Schnelligkeit und Ordnung kam die Zuluarmee heran. Ihre Massen bedeckten jetzt alle die Hügel diesseits des Flusses, und wie ein schwarzer See wogte es von den Hängen herab. Jetzt war die Entfernung bis auf zweitausend Schritte vermindert, und das knatternde Geräusch der Mitrailleusen mischte sich in den Donner der Kanonen. Inmitten des furchtbaren Feuers und ganz ohne Deckung frei einherlaufend, vollzogen die Zulus jetzt eine Bewegung, welche von ihrer früheren Taktik abwich. Sie mochten das Manöver des Umklammerns bei einem befestigten Lager für unthunlich halten. Denn sie zogen sich nach links hin, so daß ihr rechter Flügel der englischen Front gegenüberstand, und machten einen Angriff allein gegen die Front, während sie den linken Flügel zurückhielten.
Die englischen Soldaten hinter der Umwallung standen still und erwartungsvoll. Es war ihnen anzusehen, daß ihnen das Herz an die Rippen schlug. Sie hatten genug von den Zulus gehört, um zu wissen, daß es sich um Tod und Leben für sie handelte. Lautlos lehnten sie gegen den Wall, den Blick auf den Feind gerichtet, das Gewehr auf die Schanze gestützt und die Fäuste fest am Schaft. Erst wenige Kugeln der Feinde hatten getroffen, die Entfernung war noch weit, und die Schützen, welche den stürmenden Heeresmassen vorausliefen, hatten kein günstiges Ziel. Ihre Geschosse schlugen in den Wall oder in die Dächer der Wagen, und erst drei oder vier der Verteidiger waren verwundet worden. Doch flogen die feindlichen Kugeln mit jedem Augenblick dichter, Lord Chelmsford und sein Stab verließen den freien Stand auf dem Walle und stiegen zu Pferde, um vom inneren Raum des Vierecks aus mit ihren Feldstechern die Bewegung der Zulus zu überwachen. Auch Pieter Maritz stieg wieder zu Pferde und hielt neben dem Leutnant Dubois vor der Schar der Buern, die neben den Pferden am Boden saßen. Er war ganz in der Nähe des Oberbefehlshabers, der in der Mitte des Lagers hielt.
Jetzt kamen die Kugeln der Zulus häufiger und häufiger. Eine Bewegung gab sich in der Front kund; Oberst Northey, der Kommandant des 60. Regiments, welches diese Seite verteidigte, war schwer verwundet niedergesunken. Er hatte über die Brüstung weg nach dem Feinde ausgespäht, da riß ihm die Kugel eines gut zielenden Zulu das Doppelglas aus der Hand und traf ihn am Kopfe, daß er zusammensank.
Die geschlossenen Regimenter des Feindes waren jetzt bis auf tausend Schritt Entfernung herangekommen, und die Scharfschützen, deren Kommando an Oberst Northeys Stelle der nächstälteste Offizier übernommen hatte, begannen ein Schnellfeuer aus ihren Remingtons, welches mit unaufhörlichem Knattern die Front entlanglief und nun die Grundmelodie zu den Donnerschlägen der Neunpfünder und dem Rasseln der Gatlings bildete. Ein Rauch entwickelte sich, der gleich dichtem Nebel den Saum des Lagers einhüllte und nichts mehr vom Feinde erkennen ließ, doch bemerkte man nun seine Nähe an einem furchtbaren Schlachtgesang, der mit seinem mächtigen Schall und wildem Klang selbst das starke Feuer der Engländer übertönte. Bei diesem Gesang ging ein Beben der Aufregung durch das große Viereck, und Pieter Maritz sah, wie die dunklen Massen der Zulubataillone hinter den roten Linien der abgesessenen Dragoner gleichsam erzitterten, wie die Köpfe sich drehten und senkten und die Schilde unruhig wurden. Nur Humbati stand gelassen vor seiner Schar, die Arme über der Brust gekreuzt und stetig vor sich hin blickend.
Indem der Gesang näher kam, erhob sich plötzlich ein Wind von Nordwesten her, der den Nebel nach dem Meere zu trieb, und die Reiter erblickten von ihren Pferden aus wieder die Regimenter der Zulus. »Ah, seht doch, seht doch!« rief Lord Chelmsford mit dem Tone der Bewunderung, indem er den Arm nach der Front hinausstreckte. Pieter Maritz sah das Gesicht des Generals erbleichen und seine Augen in kriegerischer Erregung funkeln.
»Seht doch!« rief Lord Chelmsford von neuem, »sie tanzen in die Schlacht. Ah, die tapferen Leute!«
Pieter Maritz folgte mit dem Blick der Richtung, welche die Hand des Generals bezeichnete, und sah den Angriff der Zulus mit derselben staunenden Bewunderung, wie der englische Heerführer, der die russischen Kolonnen bei Sebastopol, den Angriff der fanatischen Inder im Sepoyaufstande und die wilden Scharen des Kaisers Theodor von Abessinien gesehen hatte. Er erblickte eine Angriffsmasse der Zulus, die so breit war, wie die englische Front. In der Mitte war das »Regiment des Königs«, ihm zur Rechten das Regiment der weißen, links das Regiment der roten Schilde. Wie eine Mauer kamen sie fest geschlossen heran, den Schild vor der Brust, den Stoßassagai in der Rechten, die Federn des Kopfputzes und die weißen Ochsenschwänze auf der Brust und vor den Schienbeinen im Winde wehend, und deutlich waren die gefleckten und farbigen Stirnbänder über den wilden Gesichtern zu erkennen. Das Schießen hatte aufgehört, die vor den Regimentern einherlaufenden Schützen waren verschwunden, und aus den geschlossenen Massen wurde kein Schuß abgefeuert. Sie kamen im Laufschritt heran, ganz frei und ohne Deckung, die vornehmsten Indunas mit den Goldringen voraus, und in der That glich die Art ihres Laufens einem Tanzen, wie Lord Chelmsford es bezeichnet hatte. Denn ihr schneller Schritt war hüpfend und springend, wie wenn sie im stolzen, freudigen Bewußtsein ihrer früheren Siege zu einem Feste eilten. Nichts vermochte sie aufzuhalten. Die Shrapnels fuhren in ihre Reihen hinein, und krachend explodierten inmitten ihrer dicht aufeinander folgenden Glieder die gefährlichen, mit Kugeln gefüllten Hohlgeschosse. Sie sprangen über die Toten und Verwundeten hinweg und schlossen sich wieder zusammen. Die Raketen sausten zischend und flammend in die Massen hinein, aber vermochten nicht, sie zu erschrecken. Die Stellen, auf welche die Gatlings gerichtet waren, wurden wieder und wieder gelichtet und zerrissen unter dem stürmenden Hagel der kleinen bleiernen Bolzen, aber unaufhörlich sprangen die Hintermänner vor, um die gefallenen Vordermänner zu ersetzen. Schuß nach Schuß aus den Remingtons durchbohrte Schild und Brust, Stirnband und Stirn, aber das wütende Jauchzen und der schnelle Takt des Kriegsgesanges hörten nicht auf. Jetzt waren sie nur noch zweihundert Schritte entfernt, jetzt waren die weißen Zähne und die rollenden Augen deutlich zu sehen, und in den nächsten Minuten füllte sich das Terrain dicht vor Graben und Wall mit nackten, schwarzen Gestalten. Aber kein Mann wich in der Front von der bedrohten Umwallung. Mit zusammengebissenen Zähnen standen die Engländer hinter der Brüstung, Büchse reihte sich an Büchse, und das hintere Glied steckte die Mündungen durch die Lücken des vorderen. Was weder Shrapnels noch Raketen noch die Kugeln der Gatlings vermocht hatten, das vollbrachte jetzt das tödliche Feuer der Hinterlader. Kein Schuß ging fehl in dieser Nähe, und das grüne Gras vor dem Graben färbte sich mit Blut und verschwand unter Leichen. Wohl erschienen einige Köpfe mit drohend nickendem Kopfputz über dem Rande des Walles, aber sie sanken wieder zurück, und die Masse kam nicht herauf. Unter so furchtbaren Verlusten wankten selbst die Zulukolonnen; das gellende Jauchzen, welches nahe dem Lager an Stelle des donnernden Gesanges getreten war, verstummte, rückwärts flutete die schwarze Menge, und erleichtert atmete die Brust der tapferen Verteidiger auf.
»Hurra für Altengland!« hörte Pieter Maritz eine Stimme halblaut sagen. Er blickte nach Lord Chelmsford und sah, wie der General das Glas von den Augen nahm und mit unwillkürlicher Handbewegung den Hals seines Pferdes streichelte. »Hurra für Altengland!« tönte es im Stabe wieder, und »Hurra für Altengland!« rollte es im Triumphschrei durch das Lager.
Da bemerkte Pieter Maritz hinter den zurückfliehenden Trümmern des Königsregiments eine Reiterfigur auftauchen. Dabulamanzi flog heran, den Speer in der Rechten schwingend, und suchte den Lauf der Flüchtigen zu hemmen. Er ritt einen Fuchs, und Pieter Maritz erkannte das Leopardenfell auf dem Rücken des Pferdes. Ohne Sattel und Bügel saß der Bruder des Königs auf dem feurigen Tier und ließ es sich bäumen inmitten des flüchtigen Haufens, während er mit dem Speer in die Menge hieb. Hinter ihm aber wälzten sich neue Haufen heran, die Reserve, welche der kriegskundige Prinz zurückgehalten hatte und nun heranführte, um die weichende Schlachtlinie aufzunehmen und neu zu stärken. Drei frische Regimenter stürmten heran, hemmten die zurückstürmende Flut und schwemmten sie im eigenen Anlauf wieder vorwärts. Kaum war noch der Jubelruf im Lager verhallt, da nahte mit derselben Wucht und Schnelligkeit des ersten Angriffs der zweite.
Ein warnendes Kommando lief durch die Reihen der Engländer hin, aus den Munitionswagen des 60. Regiments wurden neue Patronen in den Gliedern verteilt und mit gesammelter Kraft, in düsterm Schweigen erwarteten die Weißen den erneuerten Sturm ihrer schwarzen Feinde.