Er kam heran wie eine Gewitterwolke, düster, drohend und mit dem alten erschütternden Gesange. Doch flogen jetzt auch zugleich die Kugeln von Feindesseite. Dabulamanzi ließ die zerstreuten Haufen der geschlagenen Regimenter vor und neben seiner zweiten Schlachtlinie herlaufen und mit kluger Berechnung von den Seiten her das Lager mit Schüssen beunruhigen. Dies Feuer blieb nicht ohne Wirkung, manche Kugel fand ihren Weg durch die Geschützscharten hindurch und über den Wall und die Wagen weg in das Innere. Oberst Crealock, vom Stabe des Oberbefehlshabers und neben ihm haltend, ward verwundet, Major Barrow vom 10. Husarenregiment und Leutnant Johnson vom 99. Regiment sanken getroffen zu Boden.

»Major Walker!« rief Lord Chelmsford, »lassen Sie die Buern zur Verstärkung des 60. Regiments vorrücken.«

Der riesige Major drehte seinen Gaul und ritt näher an die Reiter heran, welche neben ihren Pferden standen, und befahl ihnen, die Tiere zurückzulassen und sich zur Front zu begeben. Nur ein kleiner Teil blieb zurück, um nach Buernsitte die Pferde zu halten, die Hauptmasse ging vorwärts und kletterte auf die Verschanzung. Auch Pieter Maritz stieg ab und gesellte sich, die Büchse auf der Schulter, zu seinen Landsleuten. Die Buern mischten sich zwischen die Rotröcke, und neben den weißen Helmen blickten jetzt Hunderte von dunklen Hüten über die Brüstung hinweg, und Hunderte von Repetiergewehren verstärkten die Linie der Remingtons. Kopf stand an Kopf gedrängt, und Mündung neben Mündung starrte den Zulus entgegen, die im vollen Feuer der Geschütze mit der alten Tapferkeit unerschütterlich herankamen.

Nun waren sie so nahe, daß das Infanteriefeuer wirken konnte, und die Buern zugleich mit den Schützen des 60. Regiments eröffneten ein mörderisches Feuer. Mann nach Mann stürzten in den Reihen der Zulus, Assagaien und Schilde entsanken den Händen der Getroffenen, der Todesschrei vieler Krieger mischte sich in den Schlachtgesang, und der Weg, den die stürmenden Massen zurücklegten, ward durch Haufen von schwarzen Gestalten bezeichnet, die sich am Boden wälzten.

Pieter Maritz bemerkte den Unterschied, der sich zwischen dem Feuer der englischen Scharfschützen und dem der Buern zeigte. Während er selber feuerte, streifte sein Blick die Linie der Männer neben ihm, und er sah, daß die Engländer ihre Gewehre nur auf die Masse richteten und unaufhörlich feuerten und luden, daß die Buern aber bedächtig zielten und nach Art geübter Jäger immer einen bestimmten Feind aufs Korn nahmen. Auch ersparte ihnen das Magazin ihrer Büchsen das häufige Laden, und sie vereinigten bei ihrem Schießen die Genauigkeit mit der Schnelligkeit. Sie setzten die Waffe nur selten von der Backe ab, eine Kugel folgte der andern mit tödlicher Sicherheit.

Der Wind trieb noch immer den Rauch nach rechts und ließ die Kolonnen der Zulus, indem er das Schußfeld frei erhielt, deutlich erkennen. Pieter Maritz hatte im gemeinsamen Kampf und in der Notwendigkeit der Gegenwehr die frühere Scheu vor dem Töten verloren, und während die Kampfeswut, die alle Herzen entflammte, auch sein Gemüt immer mehr berauschte, schickte er manche treffsichere Kugel in die schwarzen Reihen. Es galt jetzt zu siegen oder unterzugehen. Wenn nur an einer einzigen Stelle die verzweiflungsvoll anstürmenden nackten Krieger die Verschanzung überstiegen oder durchbrachen, so lebte nach einer halben Stunde kein Mann mehr im weiten Umkreise des Lagers. Keiner von allen Verteidigern erblickte das Licht eines neuen Tages, wenn ihre Linie sich auch nur in einem einzigen Punkte schwach erwies. Das wußten sie alle, die auf dem Walle standen, und regelmäßig wie Maschinen, doch mit flammenden Augen, Gesicht und Hände vom Pulver geschwärzt, glühend von Hitze und ganz in Schweiß, arbeiteten sie an dem Werke des vielfältigen Todes.

Da schien es Pieter Maritz, obwohl die Zulus dicht vor ihm seine Aufmerksamkeit gleich der aller andern Männer in der Front in Anspruch nahmen, als ob sich hinter dem wallenden Rauch, der nach rechts wehte, eine Bewegung vollziehe. Das Terrain war nur schwer übersichtlich, da nicht allein der Pulverdampf aus den Gewehren, sondern namentlich die dichten Wolken der auf den Ecken stehenden Gatlings und Neunpfünder es immer von neuem verhüllten; aber der Buernsohn glaubte doch ein Blitzen von Speeren dahinter bemerkt zu haben, und er erinnerte sich jetzt des eigentümlichen Manövers, welches die Zulus zu Anfang der Schlacht ausgeführt hatten. Während sie sonst den Feind zu umklammern suchten und eine Schlachtlinie ähnlich dem Stierhaupt mit gebogenen Hörnern bildeten, hatten sie ihren linken Flügel heute zurückgehalten. Sollten sie auf den Rauch und Wind gerechnet und einen überraschenden Angriff gegen die rechte Flanke des Lagers geplant haben? Pieter Maritz sah sich um und blickte nach Lord Chelmsford, indem er sich zugleich duckte, um den Kopf nicht preiszugeben. Der General hielt auf seinem Platze in der Mitte und überwachte den Kampf in der Front, aber jetzt nahm Pieter Maritz die Gestalt Humbatis wahr, der mit einem leichten pantherähnlichen Satze von einem Wagen der rechten Lagerflanke heruntersprang und sich dem Oberbefehlshaber näherte. Lord Chelmsford neigte sich zu ihm vom Pferde hinunter, um seine Stimme im Lärm des Kampfes vernehmen zu können, und richtete dann sein Glas auf jenen Punkt in der rechten Flanke, den auch Pieter Maritz bemerkt hatte. Dann schickte er einen der Adjutanten zu den Matrosen und dem 57. Regiment. Dieser ritt die Linie entlang und benachrichtigte die Offiziere, die Augen der Verteidiger auf dieser Seite wandten sich einer neuen Gefahr entgegen.

Und nicht lange währte es, da zeigte sie sich in naher Gestalt. Während noch die Front bestürmt wurde und die Zulus trotz ihrer schrecklichen Verluste nicht abließen, immer von neuem heranzulaufen, ertönte der dröhnende Schlachtgesang auch von rechts her, und aus dem dichten Pulverrauch tauchten die frischen Regimenter des linken Flügels auf. Sie kamen, ohne zu feuern, im schnellen Laufe heran und umgaben mit weiter Schwenkung nicht allein die rechte Flanke, sondern auch die rückwärtige Linie, welche von den Schotten besetzt war. Ihr Angriffsschrei belebte den wankenden Mut des rechten Flügels, und nun stürmten dichte schwarze Haufen von drei Seiten auf das Lager ein. Es glich einem Krater, der Feuer speit, und das Getöse so vieler Feuerwaffen und rufender Männer war betäubend. Auf allen vier Ecken waren jetzt die Kanonen und Mitrailleusen in Thätigkeit, die Raketenbatterie feuerte unaufhörlich, und Tausende von Gewehren mischten ihre Stimme in das Krachen der Geschütze. Dazu umtobte wie ein Gesang aus der Hölle das Brüllen und gellende Jauchzen der Zulus die kugelspeienden Wälle, und gleich dem Meere, das an dunkle Felsen brandet, schlugen Menschenwellen gegen den festen Wall an.

Mehreremal schienen die Zulus ihr Ziel zu erreichen. Über die Leiber der Gefallenen hinweg, die den Graben füllten, stiegen sie reihenweise bis zur Brüstung empor und blickten mit ihren Tigeraugen in das Innere des englischen Lagers. Mehrfach krochen sie unter den Geschützen weg und neben den Lafetten zu den Artilleristen heran. Aber keiner kam lebend davon. Die Matrosen hatten die Hirschfänger auf ihre Martini-Henrys gesteckt und stachen Mann für Mann nieder, wie sie über den Wall guckten. Die stämmigen Hochländer schlugen mit den Kolben auf die schwarzen Köpfe; als sich aber die Schädel zu hart und der Haarputz zu zähe erwies für eine gute Wirkung des Schlages, da stachen sie gleich den übrigen. Die Artilleristen schossen mit Karabinern und die Offiziere mit Revolvern die einzelnen Leute nieder, welche durch die Geschützscharten kamen. Es war ein wildes Gemetzel.

Endlich ließ der Ansturm nach, und das gellende Jauchzen verstummte. Das Schnellfeuer der Europäer hinter den Wällen war zu mörderisch für den Feind, die Taktik der Weißen war dem schwarzen Manne zu mächtig. Die Zuluregimenter, kläglich zusammengeschmolzen, schwankten und wankten, strömten rückwärts und lösten sich auf.