»Ein alter Soldat, Kaiserliche Hoheit,« entgegnete er. »Ich diente fünfunddreißig Jahre lang unter der dreifarbigen Fahne.«

Der junge Mann streckte seine rechte Hand aus, welche der Leutnant ehrfurchtsvoll ergriff, und sagte mit bewegtem Tone: »Ich bin sehr erfreut, einen Landsmann getroffen zu haben. So begegnen sich Frankreichs Söhne während des Unglücks ihres Vaterlandes auf fremder Erde. Ich bin im Lager Englands, um den Krieg kennen zu lernen. Wie glücklich würde ich sein, wenn Gott in seiner Gnade es fügen wollte, daß treue verdiente französische Offiziere wieder unter dem einzigen Namen vereinigt wären, der ihnen die wahre Anerkennung verschaffen kann.«

Er grüßte mit einer leichten, höflichen Handbewegung und kehrte zu dem General zurück, während Leutnant Dubois mit strahlendem Gesicht, leise Flüche vor sich hinmurmelnd, hinter ihm hersah. Pieter Maritz getraute sich nicht, den Leutnant zu stören, obwohl er gern gefragt hätte, wer jener Fremde sei. Aber während er schweigend neben dem Franzosen hinritt und beide die Buernschar, hinter welcher sie etwas zurückgeblieben waren, wieder einzuholen trachteten, brach jener das Schweigen von selbst, entlastete sein Herz zuerst durch einige schwere Verwünschungen und sagte dann: »Es ist der kaiserliche Prinz von Frankreich, der Sohn Napoleons III. So tief ist Frankreich gefallen, daß der Erbe seines Thrones nach Afrika gehen muß, um den kriegerischen Ruhm seines Namens aufrecht zu erhalten.«

Der Marsch führte nach kurzer Zeit zu einer Stelle, welche Pieter Maritz lebhaft jenen Morgen ins Gedächtnis zurückrief, wo er als Gefangener von dem Unteroffizier, der so gern lachte, geführt worden war. Die auffallende, hochragende Gestalt des Isandulaberges lag vor seinen Blicken, und dort unten war der Platz, wo das Lager gestanden hatte. Alles war grün, von der mächtigen Pflanzenwelt Südafrikas überkleidet, doch beim Näherkommen sah Pieter Maritz die Spuren jenes Kampfes, dem er zugeschaut hatte. Er zeigte dem Leutnant Dubois die Stellungen, welche die englischen Truppen gehabt, und indem dieser es dem General mitteilte, wandte sich die Aufmerksamkeit der Engländer auf den Platz.

Kein Fuß eines Europäers hatte seit jenem blutigen Tage das Schlachtfeld betreten, und auch die Kaffern hatten in ihrer Scheu vor den Toten die Stelle gemieden. Hier lagen tote Körper, Engländer, fast ganz entkleidet, von Raubtieren und Insekten des Fleisches beraubt, in den Stellungen, welche sie sterbend eingenommen hatten. Reihenweise lagen die Gerippe, hier die Knochenhand zur Faust geballt und emporgestreckt, dort noch die Waffe umschließend. So lagen auch die Überreste der Pferde, Maultiere und Ochsen umher, wie sie unter den Kugeln und Speeren der Zulus gefallen waren. Sonderbar sah es bei den zertrümmerten Wagen aus. Das Getreide war aus den Säcken und Kisten herausgefallen und hatte Wurzel geschlagen. Kleine Saatfelder mit schwankenden Halmen, die Ähren im Winde schaukelnd, lagen unter und neben den Wagen, und zwischen dem grünen Mais und Weizen blickten kahle Schädel mit leeren Augenlöchern hervor. Waffen wurden nur wenig gefunden. Alle Gewehre waren samt der Munition von den Zulus mitgenommen und bei ihren späteren Angriffen verwendet worden.

General Marshall ordnete an, daß die Leichen beerdigt würden, und nachdem dies traurige Geschäft beendigt worden war, wurde der Marsch noch über eine Meile weit fortgesetzt, bis dahin, wo Oberst Glyns Kolonne unter Lord Chelmsfords Führung gewesen war, während das Lager in ihrem Rücken von den Zulus überrascht wurde. Kein Feind war zu sehen, alles war still, und die Rekognoszierungsabteilung kehrte zurück.

Aber die Zeit des allgemeinen Vormarsches gegen Ulundi, die feindliche Hauptstadt, ward nun bestimmt, Generalleutnant Sir Garnet Wolseley war am 24. Mai in Port Natal angekommen, große Vorräte an Getreide, Mehl, Schlachtvieh und andern Lebensmitteln, sowie an Getränken, waren herbei geschleppt worden, und an einem der ersten Tage des Monats Juni sollte der Zug beginnen. Pieter Maritz hielt am Morgen des 1. Juni mit einigen Buern im Felde. Er gehörte zu einem Pikett, das vom Lager des Generals Wood aus vorgeschoben war, nicht weit von dem Krale Itelesi an der Grenze zwischen Transvaal und dem Zululande. Er konnte eine weite Landschaft übersehen, die wellenförmig gestaltet und in der Ferne von Hügeln umgeben war. Auch erblickte er mehrere weiß schimmernde Vierecke, die eine halbe Meile weit entfernt waren: das Lager des Generals Newdigate, in welchem die verschiedenen Regimenter ihre Zelte als hohle Vierecke geordnet und mit Befestigungen umgeben hatten. Einzelne dunkle Flecke lagen in dem Grün und Braun der Landschaft: kleine Krale der Zulus, die von den Bewohnern verlassen waren, und von denen kein Rauch mehr aufstieg. Die Morgensonne überstrahlte die weite Fläche, und das hügelreiche Land mit den Zelten der englischen Truppen bot einen lieblichen Anblick. Pieter Maritz sah einen kleinen Reitertrupp vom Lager des Generals Newdigate herankommen und in einiger Entfernung vorbeiziehen. Er konnte die Personen deutlich unterscheiden. Voran ritt eine Gestalt, welche er wiedererkannte, es war der Prinz Ludwig Napoleon. Dicht hinter dem Prinzen und ihm zur Seite ritt ein englischer Offizier, und darauf folgten sechs Kavalleristen und ein Zulu, der ebenfalls zu Pferde saß und wohl der Führer war. Der Prinz hielt auf einem Hügel an, betrachtete die Gegend durch sein Fernrohr und schrieb oder zeichnete dann auf ein weißes Blatt, das er vor sich auf dem Sattel hielt. Dann ritt der kleine Zug wieder weiter und verschwand nach und nach in dem tiefer liegenden Lande.

Pieter Maritz blieb auf seinem Posten, und es vergingen einige Stunden, als sich andere Reiter, vom Lager des Generals Newdigate herkommend, zeigten. Diese Reiter waren General Wood und Oberst Buller mit drei Mann von Bullers Kavallerie. General Wood hielt sein Pferd vor dem Buernposten an und blickte Pieter Maritz scharf ins Gesicht, gleich als erinnerte er sich seiner. Der Buernsohn trug das Viktoriakreuz auf der linken Brust, und der General betrachtete es einen Augenblick, war aber mit etwas anderm so lebhaft beschäftigt, daß er sich nicht auf Fragen hinsichtlich der Persönlichkeit des jungen Buern einließ.

»Haben Sie den Kaiserlichen Prinzen gesehen?« fragte er.

»Jawohl,« entgegnete Pieter Maritz. »Der Prinz ritt mit seiner Begleitung hier vorbei, in der Richtung nach dem Feinde zu.«