Die Zulus kamen langsam näher und wurden, von Ulanen auf beiden Seiten umgeben, zu der Hauptmacht des Heeres geführt, bei der Lord Chelmsford sich befand. Pieter Maritz blieb auf Befehl des Kommandanten der Vorhut bei ihnen, um mit einer Übersetzung ihrer Reden aushelfen zu können. Voran schritten Prinz Sirajo und der Induna Molihabantschi, in wallende weiße Gewänder gehüllt, goldene Ringe auf dem Kopfe, ohne Waffen, Elfenbeinstäbe mit verzierten Knäufen in der Hand. Ihnen folgten zwei andere Indunas vom Hofe Tschetschwajos in Mänteln von Leopardenfell, ebenfalls ohne Waffen und mit Elfenbeinstäben. Hinter diesen ging eine Reihe von geringeren Männern, die nackt waren und auf ihren Schultern riesige Elefantenzähne und flache Körbe mit goldenen und anderen Kostbarkeiten des Zululandes trugen. Alle gingen schweigend und ernst, auf ihren Gesichtern war zu lesen, daß sie von traurigen Gefühlen erfüllt waren. Doch gingen sie mit dem vornehmen Anstande, den Pieter Maritz an den Zulus kannte und den die Europäer so oft bei den nackten schwarzen Männern bewunderten. Königen gleich schritten Sirajo und Molihabantschi an der Spitze des Zuges, blickten nicht rechts und nicht links, zeigten weder Furcht noch Trotz. Als sie inmitten der prächtigen Ulanen daherkamen, die zu Pferde und mit ihren langen bewimpelten Lanzen hoch über sie hinwegragten, da glichen sie doch nicht etwa einer Schar armer Schächer, sondern vornehmen Fremdlingen, die ehrenhalber von Kavallerie begleitet wurden.

Es war am Nachmittage, und die englischen Truppen hatten ihre Zelte aufgeschlagen. Das Heer hatte seit Beginn des Krieges schon Tausende von Kranken zurücklassen müssen, und keiner der Engländer wagte im Freien zu übernachten. Der Wechsel von Hitze und Kälte, von Trockenheit und Gewitterregen war den Bewohnern der fernen britischen Inseln gefährlich, ihre reichlich genährten und mit Spirituosen erhitzten Körper waren nicht hart genug. So ging der Angriff auf Ulundi nur sehr langsam vorwärts, und immer entstand eine Stadt von Zelten, wenn der tägliche Marsch vollbracht war.

Lord Chelmsford kam, von mehreren hohen Offizieren begleitet, auf den Alarmplatz seines Lagers und empfing die Gesandtschaft inmitten eines weiten, von Waffen starrenden Kreises. Ihm gegenüber stellten sich die Zulus auf, und würdevoll begann Sirajo seine Rede:

»Der König Tschetschwajo grüßt den englischen Induna, und er spricht durch den Mund seines Bruders folgende Worte: Warum krönst du mich am Morgen und tötest mich am Abend? Du warst mein Freund und stütztest meine Herrschaft, als ich jung war und das Zululand zu regieren anfing. Du liebtest mich, als ich dir gegen deine Feinde half. Warum willst du mich jetzt töten? Ich habe den Krieg nicht begonnen; ich sandte dir eine Friedensbotschaft über die andere. Nicht ich kam in das Land der Königin von England, sondern die englischen Krieger kamen in mein Land, und so begann der Krieg. Das Blut vieler Männer netzt das Gras, von dem die Rinder sich nähren sollten, und der Frieden hat seine helle Farbe im roten Schein der Feuer und des Blutes verloren. Aber die englischen Krieger vergossen das erste Blut, steckten die Dörfer meiner Unterthanen in Brand und trieben meine Ochsen zu ihren Feuern. Als meine Regimenter zum Kampfe gegen die Deinen anstürmten, da lagen schon viele schwarze Männer am Boden. Aber ich will nicht klagen über die mächtige Königin, denn sie ist stark, und ich bin schwach. Sie ist sehr groß, und ihr Schatten hüllt das Zululand in Nacht. Ich will ihren Induna um Frieden bitten. Eine englische Botschaft kam zu mir, welche verlangte, daß ich mein Heer verringerte, die Bai von Santa Lucia abträte und einen Gesandten der Königin in meiner Hauptstadt wohnen ließe. Ich wies es zurück, weil ich nicht wußte, wie stark das englische Heer ist. Aber jetzt will ich diese Bedingungen annehmen, und ich bitte, daß man mir Gehör gebe. Tschetschwajo will ein guter Sohn seines weißen Vaters in Natal sein. Er schickt Geschenke, um das Herz des englischen Indunas zu bewegen und legt sie zu seinen Füßen nieder als ein Zeichen seiner Friedensliebe und seiner Unterwerfung.«

Sirajo winkte, und sein Gefolge näherte sich dem Lord Chelmsford und legte die langen Stoßzähne der Elefanten und den Schmuck vor ihm auf den Boden nieder. Dann erwarteten die Zulus schweigend die Antwort des weißen Heerführers.

Pieter Maritz hatte die Worte Sirajos übersetzt und blickte dem Lord gespannt ins Gesicht. Er hatte schon genug vom Lauf der Welt und von der Politik Englands kennen gelernt, um vorher zu wissen, daß Tschetschwajo vergeblich bitte. Zu viel Blut war geflossen und zu viel Anstrengungen hatte England gemacht, als daß ein halber Erfolg und schneller Friede seinen Plänen hätte genügen können. Die Ehre Englands stand auf dem Spiele, englische Truppen waren besiegt worden, der kaiserliche Prinz war gefallen. Nur eine völlige Niederlage Tschetschwajos konnte in den Augen Europas und der ganzen Erde diese Scharten auswetzen.

»Nehmt die Geschenke wieder,« entgegnete Lord Chelmsford, »und tragt sie eurem Könige zurück. Tschetschwajo bittet zu spät um Frieden, und England traut ihm nicht. Er sieht die feindlichen Waffen nahe vor seiner Hauptstadt, darum nimmt er die Maske der Friedensliebe vor. Aber wenn das Heer sich zurückzöge, so würden die Zulus mit dem früheren Stolze und in alter Kriegslust sich erheben. Die Königin will bessere Sicherheit haben als das Wort Tschetschwajos, und folgendes ist meine Bedingung: Tschetschwajo soll sich als mein Gefangener stellen. Er soll sich allen Maßregeln unterwerfen, die ich treffe. Ich will in seinem Lande gebieten, als wäre ich dessen König. Ohne Bedingungen soll sich Tschetschwajo mir völlig unterwerfen. Will er das thun, so werde ich Frieden halten. Als Zeichen, daß Tschetschwajo gesonnen ist, sich zu unterwerfen, soll er zunächst die Geschütze und Gewehre, welche seine Armee erbeutet hat, ausliefern. Er soll eines seiner Regimenter schicken, welches diese Waffen bringt, und selbst die eigenen Waffen vor mir niederlegen. Ich werde bis zum 3. Juli darauf warten und nicht vor diesem Tage Ulundi angreifen, auch den Umvolosi nicht überschreiten. Ist dieser Tag aber vorübergegangen, ohne daß ich meine Waffen wieder habe, so gehe ich über den Fluß und erzwinge mit Gewalt, was ich hier mit Worten fordere.«

Sirajo streckte wie abwehrend die Hand aus und sagte: »Der König der Zulus wird nicht dein Knecht werden. Willst du nicht den Frieden nehmen, wie Tschetschwajo ihn bietet, so hast du den Krieg.«

Stolz wandte er sich ab und schritt davon, sein Gefolge raffte die verschmähten Geschenke wieder auf, und dann ging die schwarze Gesandtschaft mit derselben Würde von dannen, mit der sie gekommen war.

Pieter Maritz blieb nachdenklich auf der Stelle stehen, wo er der Verhandlung als Dolmetscher gedient hatte. Er zweifelte nicht daran, daß das englische Heer auch in dem verzweiflungsvollen Kampfe, der nun noch bevorstand, siegen werde. An Zahl den Zulus beinahe gleich, mußten die englischen Krieger mit ihrer überlegenen Kriegskunst und Bewaffnung über ihre Feinde siegen. Sie hatten Infanterie, Kavallerie und die schreckliche Artillerie, sie hatten dazu Ingenieure, um die Wege zu bahnen, Brücken über die Flüsse zu schlagen und Verschanzungen anzulegen. Was wollten die nackten Schwarzen gegen sie ausrichten? Sie hatten nur Fußvolk, und ihr Mut und ihre Schnelligkeit, ihre Ausdauer und Bedürfnislosigkeit mußten ihnen alle Kunst ersetzen. Pieter Maritz sah im Geiste die Zulus unterworfen und Englands Macht über ganz Südafrika neugestärkt. Er hatte jetzt lange unter den Engländern gelebt und kannte ihre Art zu denken und zu handeln. Sie betrachteten Afrika als ihr Eigentum und blickten mit Verachtung auf die andern Völker. Sie wollten in den eisernen Ring ihrer Herrschaft alle Länder zwingen, welche in Südafrika lagen. Zum Kapland und Natal fügten sie den Oranjefreistaat, Transvaal und nun das Zululand, und mit ihrem Golde machten sie sich die Einwohner gefügig, so daß diese ihnen einer gegen den andern halfen. So hatten sie jetzt viele Buern mit ihren Pferden, Waffen und Ochsenwagen in ihrem Solde, aber sie hatten zugleich ihre Truppen im Transvaalland liegen, und nach Beendigung des Zulukrieges würden sie gebieterischer als je gegen die Buern auftreten. Würde es je gelingen, die Südafrikanische Republik aus dem Ringe zu befreien, den England um alle südafrikanischen Länder gemeinsam schlang?