Als er nun zurückkam und den Platz erreichte, wo er die Seinigen verlassen hatte, da hatte sich das Bild der Landschaft verändert. Er hielt Jager an und blickte sich voll Spannung nach allen Seiten um. Die Leute, welche ihn verfolgt hatten, waren nicht mehr zu sehen, und auch der Lickasikral war völlig verschwunden. Die Kavallerie des englischen Heeres zog sich auf das Karree zurück. Das Karree selbst kam langsam heran. Eine sonderbare Erscheinung aber fesselte vor allem seinen Blick: parallel mit dem englischen Heere, in einer Entfernung von kaum zweitausend Schritten, marschierte ein Zuluheer auf der rechten Flanke des Karrees. Es war in einem dichten viereckigen Haufen und glich fast dem Schatten der englischen Armee. Still und finster zog es daher, mit derselben Langsamkeit wie diese.

Die Sonne stand schon ziemlich hoch am Himmel, es war zwischen acht und neun Uhr morgens. Das afrikanische Land lag in der vollen Pracht seiner Farben da. Der Himmel war strahlend blau, die Erde grün, und die Ferne war mit duftigem Violett umzogen. Die klare Luft ließ alles sehr deutlich erkennen. Pieter Maritz sah die roten Linien und blitzenden Waffen der englischen Infanterie, die prächtigen, mit vielem Weiß besetzten Uniformen der Ulanen, sah die buntgestickten, seidenen Fahnen der verschiedenen Regimenter über den Helmen flattern und hörte den Klang des »Rule Britannia« aus dem Karree herüberschallen. Lord Chelmsford ließ zur Ermutigung seiner Truppen die Musikcorps spielen. Dagegen zogen neben den Engländern die Zulus schweigend und drohend einher, auf den Augenblick wartend, wo sie sich mit Vorteil auf den Feind stürzen könnten.

Da erblickte Pieter Maritz, indem er sich umsah, ein zweites Zuluheer. Es kam plötzlich hinter einem lang gestreckten niedrigen Gehölz hervor und marschierte neben der linken Flanke der Engländer, doch in weiter Entfernung. Und nun endlich erschien ein dritter schwarzer Schlachthaufen von Ulundi her, der gegen die englische Front heranrückte. So war das heranmarschierende Viereck von drei Seiten umgeben, König Tschetschwajo aber sah aus der Ferne der Schlacht zu, welche über das Schicksal seines Reiches entscheiden sollte, und mochte wohl hoffen, daß die Engländer im offenen Felde dem Ansturm seiner Regimenter nicht würden standhalten können.

Pieter Maritz setzte jetzt sein Pferd in Galopp und folgte den übrigen Reitern, die noch in der Ebene verteilt gewesen waren, in das hohle Viereck hinein. Die Zulus kamen näher und näher heran und konnten, wie Pieter Maritz bemerkte, ihre drei Heerhaufen zu ihrer alten Angriffsfront, der Linie mit vorgebogenen Flügeln, vereinigen, sobald es ihnen günstig erschien. Sie bewegten sich mit erstaunlichem Geschick, und da sie mit zwei Heerhaufen schon zu beiden Seiten des Feindes waren, hatten sie dessen Umklammerung schon vollzogen, ehe sie noch eine zusammenhängende Linie gebildet hatten. Pieter Maritz bemerkte, daß Lord Chelmsford und sein Stab voll Bewunderung des kunstvollen Manövers der Zulus waren. Der Oberbefehlshaber ließ einigemal halten, um den gelockerten Zusammenhang seiner Truppen wieder zu festigen, dann ließ er wieder vorwärts gehen. Er erriet den Plan der Zulus, das Viereck im Marsche immer zu bedrohen und sich darauf zu stürzen, sobald es sich etwa irgendwo öffnete. Endlich aber beschloß Lord Chelmsford, Halt zu machen und den Angriff der Zulus auf sich zu ziehen. Die Signale ertönten, die Front hielt, die Flanken und die Rückseite schlossen an, und die Artilleristen richteten ihre Geschütze auf den Feind. Lord Chelmsford hatte einen vorteilhaften Platz ausgewählt. Die Armee befand sich gerade auf einem sanft abfallenden Höhenrücken, so daß der Anlauf der Zulus bergan gehen mußte, was für den Speerangriff nachteilig war.

Kaum war der erste Kanonenschuß gefallen und das erste Hohlgeschoß über der Zulumasse vor der rechten Flanke zersprungen, so stürmten die Feinde heran. Zunächst nur der starke Haufen, der zuerst sichtbar geworden war. Er entfaltete sich zu einer langen Linie und lief vor.

Die beiden vorderen Glieder der Engländer knieten nieder, die beiden hinteren Glieder streckten die Gewehre über die Köpfe der knieenden vor, und ein furchtbares Schnellfeuer begann. Ohne Wall, auf freiem Felde mußte heute gefochten werden und Standhaftigkeit die fehlende Brustwehr ersetzen. Trotz des Hagels aus den Gewehren und trotz der Artilleriegeschosse kamen die Zulus mit der alten Tapferkeit heran, leichtfüßig springend, in ihrem hüpfenden Sturmschritt laufend. Aber nicht wie sonst ertönte ihr Schlachtgesang, sie kamen in finsterem Schweigen heran, ganz lautlos, und da auch ihre Schritte und das Klirren ihrer Waffen im Lärm des englischen Feuers nicht zu vernehmen waren, glichen sie einem Heere stürmender schwarzer Schatten. Manchem unter den Europäern, der schon mit den Zulus gefochten hatte, erschien diese Stille schrecklicher als der donnernde Kampfruf. Sie verkündete die Verzweiflung der tapferen Männer, welche zum letzten Kampfe unter den Augen ihres Königs vorgingen. Bis auf siebzig Schritte vom Karree kamen die schwarzen Linien heran, dann machten sie Halt und fingen an zu feuern, indem sie sich niederwarfen. Deutlich erkannte Pieter Maritz jetzt, wie sehr die alten Regimenter zusammengeschmolzen waren. Die Regimenter der roten, der blauen und der schwarzen Schilde besonders hatten gelitten und bildeten nur noch kleine Haufen von vierhundert oder fünfhundert Mann. Viele ganz junge Leute waren zwischen den älteren Männern. Deutlich erkannte er auch in dieser Nähe den Prinzen Dabulamanzi, der inmitten des Kugelhagels auf einem schwarzen Pferde hinter seiner Schlachtreihe emporragte. Er allein war aufrecht, und er kümmerte sich nicht um die Shrapnels und Büchsenkugeln, die unter seinen Leuten aufräumten und ihn selber umpfiffen. Er winkte nach rückwärts und ließ seine Reserve heranlaufen, um das vordere Treffen zum neuen Angriff vorwärts zu tragen.

Zu gleicher Zeit brachen jetzt die feindliche Mitte und der feindliche rechte Flügel, der von Sirajo geführt wurde, zum Angriff vor, und das Feuer ward allgemein, indem die beiden äußersten Enden der Flügel zusammenschlossen und auch die rückwärtige Front angriffen. Manche Kugel schlug in das Viereck ein, und mancher Mann stürzte zusammen.

Pieter Maritz hielt seinen Blick hauptsächlich auf Dabulamanzi gerichtet, der ihm der Beachtung am meisten würdig erschien. Er sprengte mit hoch geschwungenem Speere die Linie entlang und trieb seinen Flügel und die Mitte zum Angriff. Und die Zulus gehorchten. Sie verachteten den tödlichen Bleihagel, der Mann nach Mann in ihren Reihen niederriß, und stürmten vor. Bis auf dreißig Schritte kamen viele an das todsprühende Viereck heran. Die englischen Soldaten sahen die drohenden schwarzen Gesichter mit dem hochragenden Kopfputz deutlich vor sich. Aber nur wenige, nur die glücklichsten unter den Tapferen, kamen näher. Das Feuer war noch stärker als bei Gingilowo, denn die Artillerie war zahlreicher, auch schossen heute vier Glieder zugleich mit Martini-Henry-Gewehren, und unablässig versorgten Soldaten, die zwischen den feuernden Gliedern und den Munitionswagen hin und her liefen, die Patrontaschen und Magazine mit neuen Patronen. Keine Tapferkeit konnte den nackt und ohne Schutz bergan laufenden Zulus helfen, sie stürzten in Massen zu Boden. Nur Dabulamanzi, obwohl beständig dem Feuer ausgesetzt, blieb wie durch ein Wunder am Leben. Er war überall zu sehen, wo die Gefahr am größten war, während Sirajo sich mehr zurückhielt. Er rief den Weichenden zu, er führte wieder und wieder zusammengeraffte Haufen vorwärts, und rund um ihn her fielen die Männer. Aber er blieb auf seinem Pferde.

Mehr als einmal griff Pieter Maritz nach seiner Büchse, und er traute es sich wohl zu, den Prinzen herabzuschießen. Die Engländer zielten wenig, sie schossen in die Masse hinein, kein Buer stand in der äußeren Linie. Aber ein Gefühl der Scheu hielt den Buernsohn zurück. Er mochte den tapferen Mann nicht fällen. War er dem Degenstoß bei Gingilowo nicht erlegen, so wollte ihn eine höhere Bestimmung wohl nicht durch die Hand fallen lassen, die damals das Schwert gegen ihn führte. Pieter Maritz getraute sich nicht, auf Dabulamanzi zu schießen.

Jetzt trat unter den ungeheuren Verlusten, welche die Zulus erlitten, ein Stocken in ihrem Angriff ein, ein Schwanken ward in ihren Schlachthaufen bemerklich, die Regimenter schienen sich aufzulösen. Sirajos Flügel strömte bald darauf rückwärts, das Centrum wich langsam unter den unaufhörlich einschlagenden Shrapnels und Gatlinggeschossen. Ein lautes Hurra ertönte in den von Pulverdampf umwallten Gliedern der Engländer.