Rauch und Hitze machten den Aufenthalt in Ulundi bald unerträglich, und die Truppen versammelten sich wieder in der freien Ebene, wo Lord Chelmsford den entscheidenden Sieg erfochten hatte. Pieter Maritz sah, wie die Flammen sich ringsum in Ulundi verbreiteten, bis der ganze weite Ring von Hütten, der den großen Platz einschloß, einem riesigen brennenden Pechkranz glich. Der Himmel verfinsterte sich durch den ungeheuren Qualm, der von so vielen leicht brennbaren Hütten emporstieg. Währenddessen richtete die Artillerie ihre Geschosse auf die benachbarten Krale, welche ehedem Residenzen der Zulukönige und Zeugen manches Triumphes der siegreichen Eroberer über schwächere Nachbarn gewesen waren. Diese Krale konnten noch Feinde bergen, und die Engländer hielten es für sicherer, sie zu zerstören, oder gaben vielleicht auch nur dem Triebe der Vernichtung nach, der im Kriege in den Herzen der Menschen riesengroß anwächst. Raketen und Shrapnels sausten in die Hüttenringe hinein, und bald schlugen aus allen ringsum sichtbaren Kralen die Rauchwolken und Flammen ebenso wie aus Ulundi empor. Der ganze nördliche und östliche Horizont hüllte sich in schwarzen Dunst, so daß die vorher hell schimmernden fernen Höhenzüge und der klare durchsichtige Äther gleichsam in Trauer gekleidet erschienen.
Lord Chelmsford führte seine Armee in das befestigte Lager zurück, aus welchem er heute morgen aufgebrochen war, und gab Befehl, daß nur eine geringe Macht, hauptsächlich Kavallerie und Artillerie, die Verfolgung der geschlagenen Feinde fortsetzen solle. Die Masse des Heeres sollte zurückmarschieren. Schon im Laufe des Tages der Schlacht, mehr aber noch an den folgenden Tagen zeigte sich die große Bedeutung des englischen Sieges in dem Erscheinen von Zulufürsten, welche ihre Unterwerfung ankündigten. Alle jene Vornehmen, welche nur durch Waffengewalt zum Gehorsam gezwungen worden waren, dazu die Ehrgeizigen, welche hofften, nach der Besiegung Tschetschwajos selbständige Herrscher in ihrem Gebiete zu werden, kamen mit ihren Anhängern in das Lager des mächtigen Siegers und huldigten ihm. Tschetschwajos Macht bröckelte auseinander. Die Indunas berichteten, der König habe nur noch sechstausend Mann um sich, und mit diesen habe er sich nach Nordosten gewandt, um in die fernsten, wildesten Gegenden seines Reiches zu fliehen.
Lord Chelmsford nahm alle Indunas freundlich auf, lobte sie wegen ihrer Gefügigkeit und versprach ihnen die Unterstützung der englischen Macht bei ihren Plänen auf Selbständigkeit. Seine Truppen folgten indessen den Spuren des Königs. Die Ulanen und Dragoner, die Scharfschützen des 60. Regiments, vor allem aber die Buern und Humbatis schwarze Truppen, waren mit der Artillerie vereint im schnellen Marsche hinter der letzten kleinen Armee der Zulus. Es ging zunächst auf Mainze-kanze, wo der König Halt gemacht hatte, wie seine verräterischen Indunas aussagten.
Noch auf dem Wege dorthin, und mehrere Meilen südlich vom Zusammenflusse des Schwarzen und des Weißen Umvolosi, ritt Pieter Maritz eines Abends mit dem Leutnant Dubois zusammen an der Spitze einer Buernschar durch das gebirgige Land, als er Humbati bemerkte, der in Eile vorwärts drängte und einen der englischen Befehlshaber, den Obersten Barrow, führte. Humbati war, nachdem der Sieg bei Ulundi erfochten worden war und während so viele Indunas sich einem neuen Glücke zuwandten, eine sehr angesehene und geachtete Persönlichkeit unter seinen Landsleuten geworden, und viele Indunas bewarben sich wie ehedem, als er noch des Königs Günstling war, um seine Freundschaft. Sie erblickten in ihm einen der zukünftigen Herrscher im Zululande. Er aber behielt das finstere Wesen, das Pieter Maritz schon im Lager am Tugela bei ihm bemerkt hatte, und es schien dem Buernsohn, als sei er mehr von dem Durst nach Rache als von Ehrgeiz getrieben.
Der Abend war vom Glanze des Mondes erhellt, und es war fast so hell wie am Tage, nur gab das silberweiße Licht allen Gegenständen ein geheimnisvolles Aussehen, und die Felsen und Bäume in diesen zerklüfteten Landschaften der Flußufer nahmen oft wunderbare Gestaltungen durch die tiefen Schatten ihrer vom Monde abgewandten Flächen an. Oberst Barrow hatte einen Zug Dragoner hinter sich, und er winkte dem Leutnant Dubois, ihm mit den Buern ebenfalls zu folgen. Humbati schritt leichtfüßig voran, und die Offiziere und Mannschaften folgten ihm in ein Seitenthal. Der Weg wurde schwierig und schwieriger, nur mit Mühe folgten die Reiter dem eilig vorangehenden Zulu. Das Thal war eng und düster, nur oberhalb der Baumwipfel zeigte sich der Streif des hellen Nachthimmels, und die Sterne funkelten hell, indem sie aus dem Dunkel heraus gesehen wurden. Endlich endete das Thal, und ein offener Platz, ringsum von sanften Höhenrücken begrenzt, zeigte sich. Hier standen nur einzelne kleinere Bäume, eine Palmenart, und viele gewaltig große Felsblöcke lagen umher, die zum Teil von Gras und Schlinggewächsen überwuchert waren. Es war ein Platz, der ungemein einsam und versteckt aussah.
Humbati machte Halt und sprach einige leise Worte mit dem Obersten, worauf dieser mehrere Soldaten absteigen ließ. Mit diesen näherte sich Humbati einem der Haufen von Felsblöcken und fing an, die Steine wegzuräumen. Pieter Maritz sah nun, daß alsbald unter den von der Natur ohne Ordnung zusammengewürfelten Steinen ein regelrecht geformter Felsenbau, ähnlich einem ungeheuer großen Kasten, erschien. Die Steine waren lang und platt, schichtenweise gelagert. Humbati schob nun an einem dieser langen Steine, der auf der Kante stand, und brachte ihn mit Hilfe der Soldaten in eine Drehung und zum Falle. Polternd stürzte er von seiner Unterlage herab in das Gras, und nun zeigte sich hinter ihm ein hohler Raum, den er wie eine Thür verschlossen gehalten hatte. Die Offiziere und auch Pieter Maritz näherten sich dem Gewölbe und sahen, daß es mit glänzenden Gegenständen angefüllt war. Goldene Ringe und metallene Gefäße, zusammengeschnürte Ballen, in denen Stoffe und Straußenfedern sein mochten, sowie alle solche Dinge, welche Pieter Maritz wohl als Kostbarkeiten an Tschetschwajos Hofe gesehen hatte, waren in diesem Steingewölbe angehäuft. Humbati hatte den Weißen die Schatzkammer des Königs verraten.
Aber in diesem Augenblicke, als aller Augen sich voller Neugierde auf die dunkle Höhlung richteten und Humbati einen der glänzenden Gegenstände hervorholte, auf welchem nun das Mondlicht spielte, war ein wilder, gellender Schrei zu vernehmen, und in der nächsten Sekunde erschien eine hohe schwarze Gestalt jenseits des Felsenbaues und stürzte zum Angriff heran. Gleich darauf war ein Schar Zulus zu erblicken, welche den gegenüberliegenden Hang herabgelaufen kam.
Es war ein Augenblick der höchsten Gefahr, das fühlte Pieter Maritz. Er sprang alsbald vom Pferde herab und nahm die Büchse zur Hand. Gleich ihm waren die übrigen Buern schnell im Grase und kampfbereit, und die Engländer folgten dem Beispiel und gaben ihre Kampfweise zu Pferde auf, um es den landeskundigen Buern nachzumachen. Schüsse krachten durch die Nacht, und der geheimnisvolle stille Platz, wo König Tschetschwajo seine Schätze verborgen hatte, verwandelte sich in einen lärmerfüllten Kampfplatz.
Pieter Maritz konnte, so sehr er mit der Sorge für sich selbst und für Jager beschäftigt war, den Blick nicht abwenden von der zuerst erschienenen Gestalt. Er hatte Dabulamanzi erkannt, der mit Büchse, Schild und Speer herangestürmt war. Pieter Maritz sah, daß des Königs Bruder keinen andern Feind zu kennen schien, als allein den Verräter, Humbati. Er sprang gerade auf diesen los, und ein wilder Zweikampf entspann sich, denn Humbati dachte nicht an Flucht. Keinen Fußbreit wich er zurück, sondern, wo er gestanden hatte, vor dem Eingang der Schatzkammer, da blieb er stehen und erwartete seinen Feind. Er hatte eine Büchse auf der Schulter, wie auch Dabulamanzi eine Büchse trug, aber in diesem Kampfe, der den persönlichen Haß der beiden Indunas gegeneinander zum Austrag bringen sollte, verschmähten sie beide die fremde Feuerwaffe, warfen die Büchsen hin und griffen zum Assagai. In gewaltigem Satze, dem Löwen gleich, sprang der tapfere Prinz mit hoch geschwungenem Speere auf seinen Feind los, und Humbati duckte sich, wie der schwarze Panther sich zusammenbiegt, wenn er seine Zähne und Tatzen gebrauchen will.
Pieter Maritz vergaß zu schießen, indem der Anblick dieser beiden nackten, herrlich gebildeten schlanken Gestalten, dieser geübten und vornehmen Krieger ihn gänzlich fesselte. In Dabulamanzis Blick und Gebärde las er den Stolz und den Zorn des Herrschers und des Besiegten, die unbezähmbare Kampflust eines wilden Sinnes, den brennenden Wunsch, das erlittene Leid zu rächen und die Wut über die Niederlage des Zulureiches an diesem einen Manne auszulassen, der als Verräter dem königlichen Hause verhaßter war als die siegreichen Engländer. Nun hatte der Prinz ihn auf der That ertappt, sah mit eigenen Augen, wie die königlichen Schätze dem Feinde überliefert wurden, und wollte ihn mit eigener Hand strafen. In Humbatis trotzigem Antlitz dagegen glaubte Pieter Maritz den finsteren Blick wiederzuerkennen, den er damals auf den König gerichtet hatte, als dieser ihm den jüngeren Bruder raubte und zum Tode sandte. Mit schmeichelnden Worten hatte der schlaue Induna den Racheplan überkleidet, den er damals im Herzen trug, aber er hatte niemals die Beleidigung und den Schmerz vergessen, die ihm, dem verdienten Freunde des Königs, dadurch zugefügt wurden, daß sein Lieblingsbruder vor den Augen des ganzen Hofes seiner Ehren und Würden beraubt ward wegen eines Fehlers, der ebensowohl Dabulamanzis Schuld als die seinige war. An dem Bruder des Königs selbst hätte jetzt Humbati gern seine Rache vollzogen und Blut gegen Blut genommen. Dabulamanzi stieß mit dem Assagai zu und richtete die Wucht seines Sprunges und Stoßes gegen des Feindes Brust. Aber schnell und geschmeidig wandte sich Humbati im entscheidenden Augenblick und schlug mit der Hand die Speerspitze zur Seite, so daß sie an seinem linken Oberarm vorbeifuhr. Dann stieß er selber zu, indem er blitzschnell vorwärts sprang. Dabulamanzi trug den Schild am linken Arme, während Humbatis Linke unbewehrt war. Er parierte den Stoß mit dem Schilde, aber die Spitze fuhr in schräger Richtung durch das Ochsenfell hindurch und streifte die Haut. Beide Kämpfer waren so nahe aneinander, daß sie die Speere nicht mehr gebrauchen konnten. Dabulamanzi ließ den Schild fallen, in welchem die Assagaispitze feststeckte, warf den Speer aus der Rechten und griff seinen Gegner mit den Händen an. Humbatis Speer sank mit dem Schilde zu Boden, und auch er warf sich unbewaffnet dem Feinde entgegen. Die beiden nackten nervigen Gestalten umschlangen sich mit den Armen und rangen Brust an Brust. Sie waren fast gleich an Wuchs, Dabulamanzi überragte seinen Gegner nur um zwei Fingerbreiten. Beiden schwollen in der gewaltigen Anstrengung die Muskeln der Arme und der Schenkel, indem sie sich ringend umschnürten und mit den Füßen in den Boden stemmten. Die schwarze Haut der starken Ringer glänzte im silbernen Lichte des Mondes. Jetzt schien Dabulamanzis eiserner Griff die Oberhand zu gewinnen, und die Sehnen Humbatis schienen sich zu erweichen. Ein kräftiger Ruck des Prinzen, und Humbati stürzte zu Boden, Dabulamanzi über ihn her. Aber indem sie das Gras berührten, kam eine neue Bewegung in die aalglatten geschmeidigen Glieder, der Ringkampf ward am Boden fortgesetzt, denn Humbati hatte sich im Fallen zur Seite geworfen. Für eine Zeitlang schien es jetzt, als ob ineinander verwickelte Schlangen in dem hohen Grase kämpften. Die schwarzen schimmernden Glieder waren so ineinander verflochten und in solchem Wirbel schneller Windungen, daß Pieter Maritz nicht mehr zu unterscheiden vermochte, ob er des Prinzen oder Humbatis Arme und Beine aus dem Grase hervorblicken sehe. Sie rollten von der Seite fort, indem ein jeder sich bestrebte, den andern nach unten zu drücken, und zwischen den Felsblöcken hin bewegte sich das kämpfende Paar wie ein einziges seltsames Tier in verwirrender Eile. Nur für Sekunden war ein Gesicht zu erkennen, dann tauchte es wieder unter, und die Gestalten schwebten so schnell und in so unbestimmten Umrissen vorüber, daß der Buernsohn sie nicht voneinander zu unterscheiden vermochte. Nun glaubte er Dabulamanzis kurzes Haar und stolze Augen zu sehen, aber schon war dies Gesicht verschwunden, und der düstere Blick Humbatis funkelte gleich dem des gereizten Tigers, und seine weißen Zähne, in der Kampfwut zusammengebissen, glänzten aus dem schwarzen wilden Gesicht hervor. So entfernte sich der Zweikampf von der Stelle, wo er begonnen hatte, und die Ringenden wälzten sich nahe an die Steine heran, die von der Schatzkammer hinweggeräumt worden waren. Mit einem Male sah Pieter Maritz eine Veränderung in der Scene. Eine Gestalt löste sich von der andern los, Dabulamanzi sprang empor, und Humbati blieb liegen. Er mußte mit dem Kopfe, wie es Pieter Maritz vorkam, an eine scharfe Ecke eines Steines geschlagen sein und das Bewußtsein verloren haben. In den nächsten Sekunden schon hatte Dabulamanzi den Speer vom Boden aufgerafft, den er vorhin von sich geworfen, nun kehrte er mit einem langen Satze zu der Stelle zurück, wo Humbati lag, und mit einem gellenden Triumphruf bohrte er den Assagai dem Besiegten durch die Brust.