»Ich schieße nicht,« sagte er. »Die Tiere sind zu schön, und sie thun niemand etwas zuleide.«

»Ich schieße,« entgegnete der Lord, »ich kann es nicht lassen.«

In diesem Augenblicke und als der Engländer seine Büchse erhob, regte sich ein Lüftchen in den Zweigen, und dieser Lufthauch wehte von den Reitern nach den Giraffen hin. Sofort standen sie still, hörten zu weiden auf und richteten ihre wundervollen Augen nach der Stelle hin, wo die Jäger waren, während sie ihre Köpfe hoch in die Luft streckten. Lord Fitzherbert ward unruhig und schoß sehr schnell, weil er fürchtete, die Tiere möchten ihm entfliehen. Sein Schuß mochte wohl getroffen haben, denn eines der Tiere zuckte zusammen. Dann setzte sich die ganze Herde vom Ufer weg in Trab.

»Hinter ihnen her!« rief der Engländer voll Eifer.

Beide trieben ihre Pferde an, und im Reiten schoß der Lord noch zweimal. Aber er hatte ohne Erfolg geschossen, die Tiere liefen weiter. Sie liefen im Trabe, mit großer Gemächlichkeit, wie es schien; aber die Entfernung, welche sie von ihren Verfolgern schied, wurde doch immer größer. Die Jäger ritten den stärksten Galopp, aber sie kamen den Giraffen nicht näher, denn jeder Schritt der langtrabenden hohen Tiere war mindestens zwölf Fuß weit, und es war klar, daß die Pferde mit solchen Beinen nicht wettlaufen konnten. Die Reiter erinnerten sich ihrer militärischen Aufgabe und kehrten um, nachdem sie eine halbe Meile weit in das Land hineingeritten waren. War die Jagd auch erfolglos gewesen, so sollten sie doch auf dem Heimwege Glück haben. Pieter Maritz erblickte mehrere Zulus, die sich in heimlicher Weise durch das Buschwerk schlichen, und es kam ihm so vor, als ob ihm einer davon bekannt sei. Zwar hatte er ihn nur eine Sekunde lang zu Gesicht bekommen, als der Mann quer über einen Pfad sprang, den das Wild gebahnt hatte, aber die hohe und absonderliche Frisur, besonders aber die auffallende Beinbekleidung ließen keinen Zweifel, wer dieser Zulu sei. Nur der Leibarzt König Tschetschwajos trug eine rote Hose. Pieter Maritz sprengte alsbald hinter den Zulus her, und Lord Fitzherbert folgte ihm durch das Gestrüpp. Die Zulus schienen es nicht sehr eilig mit der Flucht zu haben, denn sonst hätten sie wohl in dem dichten Busch den Reitern entgehen können. Aber sie machten es, wie jetzt im Unglück Tschetschwajos die meisten Zulus es machten: sie fügten sich dem Sieger, um nicht ihr Besitztum oder gar das Leben zu verlieren. Kaum hatte Pieter Maritz die Flüchtigen angerufen und ihnen gedroht, er werde schießen, wenn sie nicht stehen blieben, als auch schon der Mann mit der roten Hose still stand und seine Begleiter aufforderte, es ihm nachzumachen. Pieter Maritz und der Lord erkannten mehrere Leute vom Hofstaat Tschetschwajos, die den Leibarzt begleiteten, und sie nötigten sie, als Gefangene mit zum Lord Gifford zu gehen.

Schon unterwegs erzählte der Leibarzt, daß Tschetschwajo in der letzten Zeit häufige Anfälle von Schwermut zugleich mit Atemnot gehabt habe, so daß ihm die Flucht sehr schwer und lästig falle, und als ihm dann im Lager Lord Gifford eine Belohnung zusicherte, verriet er, daß der König sich im Negowewalde, im Krale Molihabantschis, befinde. Molihabantschi habe seine Besitzung im Norden verlassen, um als Minister des Königs an dessen Hofe zu leben; nun aber habe er den König, in dessen Begleitung von Vornehmen nur noch Prinz Sirajo sei, in den versteckt liegenden Kral seiner Heimat geführt.

Lord Gifford versprach dem Leibarzt eine Herde Ochsen, wenn er den König seinen Händen überliefere, und dieser erklärte sich bereit dazu. Dann befahl Lord Gifford dem Oberst Clarke, sich mit dreihundert Mann und einer Schar Zulus aufzumachen, um unter Führung des Leibarztes Molihabantschis Kral aufzusuchen und den König lebend zu fangen. Oberst Clarke brach mit Untergang der Sonne auf und teilte seine Schar in vier kleine Abteilungen, die den Kral von allen Seiten umringen sollten. Die stärkste dieser Abteilungen, welche von Süden kommen sollte, ward von Major Marter kommandiert, und bei dieser, welche aus sechzig Dragonern, vierzig Buern und etwa fünfzig Zulus bestand, waren auch Pieter Maritz und Lord Adolphus Fitzherbert.

Die ganze Nacht hindurch ward marschiert, und das Land ward immer schwieriger zu durchschreiten. Berg und Thal wechselten beständig, tiefe Schluchten, dichtes stachliges Gebüsch und kleine Wasserläufe machten den Ritt sehr beschwerlich. Das Gebrüll der wilden Tiere und das Schreien der Paviane begleitete den Zug unaufhörlich. Bei Tagesanbruch endlich, als sie an den Saum eines Waldes kamen, gab der verräterische Leibarzt ein Zeichen, zu halten, damit die blitzenden Waffen beim Heraustreten aus dem Schatten der Bäume nicht gesehen würden. Major Marter stieg ab und schritt mit dem Leibarzt vor. Nur Pieter Maritz war dabei, um als Dolmetscher zu dienen.

Die Sonne schien hell und beleuchtete eine wildgebirgige Landschaft. Eine einzelne kahle Höhe lag inmitten eines Bergkessels und war ringsum von tiefen Schluchten umgeben. Hohe Bergketten schlossen von allen Seiten in engeren und weiteren Linien den Thalkessel ein, und schwarze Schatten wechselten mit den von der Sonne beschienenen, violett und grün glänzenden Bergseiten ab. Jene Höhe, welche vom Standort der Verfolger etwa eine halbe Meile entfernt sein mochte, ward wie von einem Kranze durch kreisförmig gebaute Hütten gekrönt, den Kral Molihabantschis, wie der Leibarzt sagte. Die Hütten lagen schwarz auf dem gelbgrünen Gipfel des Hügels.

Major Marter beschloß, da ein Hinankommen auf geradem Wege unthunlich erschien, die Höhe zu umgehen. Nach halbstündigem Marsche traten sie wieder an den Waldsaum vor und spähten nach dem Krale. Der Hügel zeigte sich jetzt in etwas anderer Form, und es war zu sehen, daß nördlich von dem Krale ein Waldstreifen bis auf wenig hundert Schritte an die Hütten heranreichte. Es war zu fürchten, daß Tschetschwajo, wenn er etwa den Feind bemerkte, sich in diesen Waldstreifen retten und dann ferner fliehen könnte. Das Terrain war äußerst günstig zu versteckter Flucht und fast gänzlich unzugänglich für Reiter. Auf die Zulus aber, welche am besten dem Flüchtling hätten folgen können, wollte sich Major Marter nicht verlassen. Sie hätten sich vielleicht einschüchtern lassen oder hätten den König wohl auch ermordet. Major Marter wollte den König lebend gefangen nehmen und wollte ihn mit eigener Hand und mit Hilfe zuverlässiger Leute greifen.