Nicht lange nachher öffnete sich ein Thal vor den Blicken der Reiter, und der Schauplatz eines bewegten kriegerischen Treibens lag vor ihnen. Vor allem zeigten sich die hellen Zeltdächer der Buernwagen auf dem grünen Untergrunde der Thalsohle, doch waren die Wagen nicht im Kreise zusammengeschoben, sondern standen reihenweise an verschiedenen Punkten. Zwischen ihnen brannten Feuer, und blauer Rauch kräuselte sich empor, während schwarze Männer und Weiber, mit Zubereitung von Speisen beschäftigt, mit Töpfen und Tiegeln um die Feuer herum hantierten. Viele Pferde waren weidend und mit Leinen an Pflöcke gefesselt zu sehen, und überall gingen oder saßen die Gestalten von Buern umher.
Die Erscheinung des Präsidenten Krüger und seiner Begleiter brachte Bewegung in die Ruhe des Lagers, und viele Männer gingen den Ankömmlingen entgegen. Händedruck und grüßende Worte wurden ausgetauscht, und nach und nach versammelten sich alle Buern in einem weiten Kreise um den Präsidenten, der zu Pferde über aller Köpfe hinwegragte. Gegen sechshundert Männer mochten es sein, die im Lager waren. Sie waren von sehr verschiedenem Alter und Aussehen. Viele waren braun oder blond und zeigten im Schnitt ihres Gesichts den Charakter der germanischen Rasse, andere waren dunkelfarbig von Haut und von schwarzen blitzenden Augen. Viele waren schon graubärtig und trugen Haar und Vollbart ungebändigt durch Schere und Kamm, manche aber waren jung und schlank und hatten offenbar Sorgfalt auf die Pflege ihres Äußern verwandt. Alle aber waren von sehr hohem, stattlichem Wuchse, breitschulterig und mit langen starken Gliedern, standen und gingen mit der der Kraft eigentümlichen nachlässigen Ruhe und drückten in ihrer männlichen Erscheinung Selbstvertrauen und Festigkeit aus. Prachtvolle Gestalten gab es unter ihnen, Männer von herkulischem Bau mit stolzen, tapferen Gesichtern, während wenige überhaupt unter sechs Fuß hoch waren; und im ganzen war es eine Schar, wie sie wohl in keinem andern Lande so eigenartig durch kraftvolles, trotzig-kühnes Wesen gesehen werden konnte. Der Anzug war sehr gleichförmig, obwohl immerhin kleinere Verschiedenheiten zu bemerken waren. Alle trugen den breitkrempigen Hut, doch war er hier von anderer Form als dort und zuweilen mit einem Federstutz verziert, auch von verschiedener Güte und Neuheit des Stoffes. Der eine hatte die Krempe niederhangend über einem düsteren Antlitz, der andere hatte sie keck auf der Seite oder vorn aufgeschlagen und auch wohl mit einer Spange befestigt, um das mit zierlich gestutztem Bart geschmückte, scharf geschnittene Gesicht frei zu zeigen. Eine dunkle Bluse oder auch wohl ein ledernes Koller oder eine derbe Tuchjacke, aus welcher der Hemdkragen und ein Halstuch hervorblickten, umschloß die breite Brust, ein lederner Gürtel die Hüften, und die langen starken Beine steckten ausnahmslos in ledernen Hosen und langen Reiterstiefeln, deren Schäfte zuweilen mit Riemen und Schnallen, den Gamaschen gleich, versehen waren.
In dem Kreise der Buern war auch der alte Baas van der Goot zu erkennen, und neben ihm standen mehrere andere Männer aus der nördlichen Gemeinde, zu der Pieter Maritz gehörte. Sie hatten ihre Familien, Herden und Häuser verlassen, um dem Rufe des Präsidenten Folge zu leisten.
Dieser winkte jetzt mit der Hand, zum Zeichen, daß er reden wollte, und sprach, als Stille entstanden war, mit tiefer voller Stimme: »Meine Freunde, aus euerm Erscheinen ersehe ich eure Bereitwilligkeit, die Politik zu unterstützen, welche mir durch die Lage der Republik geboten erscheint, und ich danke euch im Namen des Staates für euern Eifer. Ich weiß, welche Opfer ihr bringt, indem ihr friedliche lohnende Beschäftigungen verlassen habt, um zu den Waffen zu greifen, aber ich vertraue darauf, daß mit Hilfe des allmächtigen Gottes dies Opfer zu einem Gewinne führen wird, der reichlich für alles entschädigt. Nicht als glaubte ich, daß der Krieg durchaus unvermeidlich wäre. Der Krieg ist ein schreckliches Ding, und namentlich ist der Krieg gegen andere Christen nicht wohlgefällig vor den Augen des Höchsten, wenn er nicht durchaus notwendig ist. Deshalb wird von seiten der Regierung bis zum letzten Augenblicke alles geschehen, um den Frieden zu erhalten. Die Erhaltung des Friedens ist der heißeste Wunsch in meiner und unser aller Brust; sollte aber die Regierung der Königin bis zuletzt für unsere gerechten Forderungen kein Verständnis zeigen, so wollen wir den Krieg mit jener Energie führen, welche die beste Bürgschaft des Erfolgs ist, und wollen dem Feinde zeigen, daß die alte Tapferkeit der Buern, die sich in so manchem Kampfe bewährt und unter der glorreichen Führung des großen Andreas Pretorius zur Errichtung der Südafrikanischen Republik geführt hat, in unseren Herzen nicht erloschen ist.«
Der Präsident blickte im Kreise umher, und ein tiefes dröhnendes Beifallsrufen aus den Reihen der starken Männer zeigte ihm, daß er den empfindlichen Nerv der Zuhörerschaft getroffen hatte.
»Ihr wißt, meine Freunde,« fuhr er fort, »daß nichts unversucht geblieben ist, die Räte der Königin über die wahre Lage der Dinge aufzuklären und ihnen unsern guten Willen und unsere Friedensliebe zu zeigen. Ich selbst war vor drei Jahren zum erstenmal mit unserem gelehrten und tapferen Freunde und Mitbürger Doktor Jorissen in London und legte persönlich dem Kolonialsekretär Lord Carnarvon unsere Petition vor, in welcher wir gegen den eigenmächtigen und ungesetzlichen Schritt des Sir Theophilus Shepstone protestierten. Aber der Lord erklärte uns, das Ansehen der britischen Krone gestatte nicht, daß die Annexion widerrufen werde. Auch die Adressen und Petitionen aus unseren Mutterländern in Europa, zumal dem Königreich der Niederlande, auch aus dem Oranjefreistaat und der Kapkolonie, hatten keinen Erfolg bei dem stolzen Minister der Königin. Wir kehrten heim und fanden, daß in den treuen edlen Herzen der Bürger von Transvaal wohl der Schmerz über den Mißerfolg unserer Sendung, aber auch der kühne Entschluß zu Thaten lebendig war. Im Jahre 1878 sah sich die britische Regierung in den Kapländern genötigt, strenge Maßregeln gegen die Kundgebungen unseres gerechten Unwillens anzuordnen, und sie legte Garnisonen britischer Truppen in unser freies Land. Noch einmal machten wir uns auf nach England. Im Juli 1878 hatte ich, begleitet von dem ehrenwerten Herrn Jakobus Petrus Joubert, eine Unterredung mit Sir Michael Hicks-Beach, welcher dem Lord Carnarvon im Amte gefolgt war. Wir überreichten einen Protest gegen die Annexion, der von 6591 Unterschriften bedeckt war, Namen von ehrenhaften, wackeren, frommen Männern, die ihr Vaterland liebten und den Frieden zu erhalten wünschten.«
Wiederum erscholl der Beifallsruf aus den rauhen Buernkehlen.
»Was antwortete der Kolonialsekretär?« fuhr der Präsident fort. »Sir Michael Hicks-Beach erging sich in den leeren Ausflüchten und hochmütigen Phrasen, welche immer dem Unterdrücker zu Gebote stehen, der die hell leuchtende gerechte Sache dessen, den er für schwach hält, nicht sehen mag. Ihr wißt alle, meine Freunde, welcher Schmerz jedes treue Bürgerherz ergriff, als uns diese höhnische Abfertigung wurde. Schon damals griffen die Fäuste tapferer Männer zu den Waffen, und leise scholl der Ruf durch das Land: Laßt uns die frechen Eindringlinge hinauswerfen! Aber die Klugheit und der recht verstandene Patriotismus geboten Geduld. Denn gerade zu jener Zeit war Schiff nach Schiff auf dem Meere, um englische Truppen zum Kriege gegen Tschetschwajo herüberzubringen, und die Übermacht der Söldner hätte vielleicht den Heldenmut der für ihr Vaterland kämpfenden Patrioten im Blute erstickt. Aber jetzt ist jene Truppenmacht wieder heimgekehrt, und nur eine geringe militärische Macht steht dem Befehlshaber in Natal und dem Gouverneur Lanyon bei Pretoria zu Gebote. Jetzt ist es Zeit, unsere Ansprüche zu erneuern. Vielleicht ist jetzt die englische Regierung bereit, der Gerechtigkeit Gehör zu geben, und dann wird unter Gottes Gnade Frieden bleiben; aber wenn wir wiederum zurückgewiesen werden, müssen die Waffen entscheiden. Euch, meine Freunde, habe ich hierher berufen, um für den Fall der Not zur Hand zu sein. Es wäre nicht klug, den Engländern zu drohen, ohne sofort der Drohung den Schlag folgen lassen zu können. Ihr sollt in der Nähe von Pretoria im geheimen bereit stehen und sofort mit starker Hand auf die englische Garnison bei unserer Hauptstadt schlagen, wenn unser letzter Vorschlag zurückgewiesen werden sollte. Tausende unserer Mitbürger werden euch folgen, sobald der Krieg entbrannt sein wird.«
Die Buern riefen laut und schwenkten ihre Hüte in der Luft.
»Mit eurer Zustimmung, meine teueren Mitbürger,« fuhr der Präsident von neuem fort, »ist eine Regierung ins Leben getreten, welche in dieser schwierigen Lage des Vaterlandes energisch handeln soll. Sie besteht, außer mir als Präsidenten, aus den Herren Pretorius und Joubert. Diese Regierung wird am morgigen Tage offen als Regierung der Südafrikanischen Republik hervortreten und an die englische Regierung die Forderung richten, die Konvention von 1852, welche mit England abgeschlossen wurde, wiederherzustellen. Transvaal soll ein freies Land sein, welches sich selbst regiert, und kein Fremder soll sich in seine Angelegenheiten, namentlich nicht in das Verhältnis zwischen Buern und Kaffern, hineinmischen. Die große Friedensliebe jedoch, welche uns alle beseelt, veranlaßt uns, der englischen Regierung die Annahme unserer Bedingungen dadurch zu erleichtern, daß wir alle während der Annexion vorgenommenen öffentlichen Akte gutheißen und einem britischen Konsul die Residenz in unserem Lande gestatten. Wir wollen keinen Bruch mit England, wir wünschen vielmehr ein Bündnis mit diesem christlichen mächtigen Staate. Nur nicht Englands Sklaven wollen wir sein; eher bis zum letzten Manne kämpfen!«