»Ich danke dir für deine freundliche Gesinnung, lieber Adolphus,« sagte er. »Über das Schicksal des Krieges wird Gott entscheiden. Und ich bitte dich nun noch um eine Gefälligkeit.«
»Jeden Dienst, den die Pflicht mir nicht verbietet, werde ich dir erweisen,« sagte der Lord.
»Wenn ich als Gefangener behandelt werde,« bat Pieter Maritz, »so schicke mein Pferd, meine Büchse und den Degen, den du mir einst geschenkt hast, nach Pretoria an die Adresse, welche ich dir aufschreiben werde.«
Der Lord versprach es, und dann ritten die beiden Freunde lange schweigend nebeneinander her, denn sie waren ein jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und die Ereignisse hatten eine Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet, welche den früheren unbefangenen Ton nicht wieder in der Unterhaltung aufkommen ließ.
Als sie Heidelberg erreichten, wo eine Schwadron Dragoner und eine Kompanie nebst zwei Geschützen das Fort besetzt hielten, ward Pieter Maritz alsbald vor den ältesten Offizier geführt, und Lord Adolphus Fitzherbert stattete seine Meldung ab. Pieter Maritz hatte es der Fürsprache seines Freundes zu verdanken, daß er gut behandelt wurde, aber die Schriften, welche er bei sich geführt hatte, und die Nachrichten, welche bei den englischen Behörden über seine Thätigkeit eingelaufen waren, hatten doch zur Folge, daß er als Gefangener festgehalten wurde. Er sollte am Tage darauf mit noch einem andern Buern, der von einer Patrouille aufgegriffen worden war, nach Potschefstroom gebracht werden, wo Oberst Winslow befehligte. Traurig empfahl er nun Jager und seine Waffen dem Freunde und nahm Abschied von ihm. Dann wurde er in einem steinernen Hause, vor dem eine Schildwache stand, mit dem Landsmann eingeschlossen.
Für Pieter Maritz war es ein großer Trost, in seinen traurigen Betrachtungen jetzt nicht allein zu sein, sondern seine Gedanken mit einem Genossen seines Schicksals austauschen zu können. Wie sehr hatte die frohe Begeisterung, welche er im Gedanken an einen Befreiungskrieg geknüpft hatte, einer niederdrückenden Stimmung Platz gemacht! Er hatte sich schon im Geiste inmitten des Heeres seiner Landsleute den Engländern siegreich gegenüber gesehen, und nun war er Gefangener in einem englischen Gefängnis, und welche Aussicht bot die Zukunft! Auch machte er sich Vorwürfe über seine eigene Unvorsichtigkeit. Hätte er doch gleich beim ersten Anblick der Dragoner die Flucht ergriffen! Er sprach über alle diese Dinge mit seinem Schicksalsgefährten, einem älteren Manne, der sein Los mit trotziger Ruhe ertrug. Dieser Buer hatte Weib und Kind, Haus und Herde verlassen, um dem Vaterlande zu dienen, und in seinem markigen Antlitz und der Haltung seines mächtigen Körpers lag der Entschluß ausgeprägt, Glück oder Unglück mit derselben Fassung zu ertragen. Er saß, mit der Pfeife im Munde, am Tische, den Kopf auf die Hand gestützt, und antwortete nur mit spärlichen Worten oder einem Kopfnicken auf die Klagen seines lebhafteren jüngeren Genossen.
Am folgenden Morgen fuhr ein kleiner offener, mit vier Pferden bespannter Wagen vor dem Hause vor, und die Gefangenen wurden aufgefordert, sich hineinzusetzen. Zwei Polizeileute, mit Seitengewehr und Revolver bewaffnet, setzten sich zu ihnen und fesselten den Gefangenen die Handgelenke mit Handschellen. Dann stieg ein Buer von englischer Abstammung auf den Bock und trieb die Pferde an. Mit großer Schnelligkeit ging die Fahrt nach Westen, auf der Landstraße nach Potschefstroom.
Die Polizeileute hielten strenge Aufsicht über ihre Gefangenen. Sie zeigten ihnen die Revolver und erklärten ihnen, daß sie beim ersten Fluchtversuch Gebrauch davon machen würden. Wenn unterwegs an Wirtshäusern Halt gemacht wurde, um den Pferden Ruhe zu gönnen und sie zu füttern und zu tränken, so wurden den Gefangenen zwar die Fesseln abgenommen, damit sie essen und trinken konnten, aber dann blieb doch immer ein Polizeimann, den Revolver in der Hand, bei ihnen. Pieter Maritz dachte an seine Reise mit dem lachlustigen Unteroffizier zu Anfang des Zulukrieges zurück, wo er ebenfalls Gefangener gewesen war. Wie schlimm unterschied sich diese Reise von der früheren! Wieviel hübscher war es damals gewesen, auf Jagers Rücken, wie lustig im Vergleich zu heute! Er fühlte sich schrecklich gedemütigt durch die Fesseln, und die ganze Welt erschien ihm schwarz.
Drei Tage lang waren sie unterwegs, und bergauf, bergab rollte der Wagen durch das hügelreiche Land im Süden des Transvaalstaates. Sehnsüchtig schweifte der Blick der Gefangenen umher, ob nicht etwa eine Hilfe komme. Sie wußten, daß die Buern vielerorts im Lande sich versammelten, um in bewaffneten Haufen nach der Hauptstadt und der südöstlichen Grenze zu ziehen. Wenn doch nur eine dieser Scharen ihnen hätte begegnen und sie befreien wollen! Aber es war nichts von Waffen zu sehen, das Land schien ganz friedlich zu sein, und die Buern, welche sie auf dem Wege trafen, fuhren ruhig mit ihren Ochsenwagen und achteten wenig auf den Gefangenentransport. Die Polizeileute hielten abends in kleinen Ortschaften an, wo sie bekannt waren, und übernachteten bei Farmern, welche es mit der englischen Herrschaft hielten. Denn manche Buern, namentlich im Süden, waren von englischem Blute und standen den Wünschen und Bestrebungen der Masse des Volkes gleichgültig oder feindlich gegenüber, so daß die Engländer eine Partei für sich hatten und eine Kette von Verbindungen an den wichtigsten Straßen besaßen. Beständig dachte Pieter Maritz an Flucht, aber keine Gelegenheit dazu wollte sich zeigen.
Potschefstroom, die frühere Hauptstadt von Transvaal, hatte ebenfalls ein Fort und eine kleine militärische Besatzung, und die Gefangenen wurden sogleich nach ihrer Ankunft vor den Kommandierenden, Oberst Winslow, geführt. Es machte Pieter Maritz den Eindruck, als ob die englischen Militärs in Potschefstroom sich in großer Aufregung befänden. Im Fort war ein eifriges Kommen und Gehen von Boten und Patrouillen, und ernste, besorgte Mienen zeigten sich. Die Erhebung der Buern übte ihren Druck auf die auf einsamen Posten in dem ausgedehnten Lande stehenden Truppen aus, obwohl noch immer Friede war und nur von Ansammlungen der Buern gesprochen wurde. So wenigstens ergab es sich aus dem Verhör, welches von Oberst Winslow im Beisein anderer Offiziere mit den Gefangenen angestellt wurde. Der Oberst war sehr heftig und fuhr sie hart an.