»Wißt ihr nicht, daß ihr Aufrührer seid?« rief er. »Was wollt ihr Buern? Gesteht die Pläne ein, die ihr verfolgt, legt ein offenes Geständnis ab, oder ich lasse euch morgen erschießen.«
Der ältere Buer schwieg und stand in seiner trotzigen Haltung unbeweglich da, Pieter Maritz aber verteidigte sich voller Empörung.
»Wir haben nichts gethan, was unsere Gefangennahme verdiente,« rief er. »Wir haben mitten im Frieden eine friedliche Proklamation des Präsidenten ...«
»Des Präsidenten!« rief der Oberst, ihn unterbrechend. »Es giebt keinen Präsidenten von Transvaal, und schon die Nennung dieses Namens ist Empörung. Es giebt einen Gouverneur von Transvaal, und das ist Sir Robert Lanyon in Pretoria. Über ihm steht der Generalgouverneur der Kapländer, der in der Kapstadt residiert, als Vertreter Ihrer Majestät der Königin. Aber wer von einem Präsidenten von Transvaal spricht, der ist ein Aufrührer. Ich wiederhole euch: es giebt für euch nur ein einziges Mittel, Verzeihung zu erlangen und euer Leben zu behalten, das ist ein offenes Geständnis. Gebt offen an, welche Pläne die sogenannte Regierung der Republik verfolgt, gesteht ein, ob sie Truppen versammelt hat und wo sich diese befinden, dann soll euch verziehen werden. Sonst lasse ich euch erschießen. Und bedenkt, daß ihr eurem Vaterlande selbst den größten Dienst damit erweist, daß ihr gesteht. Denn wenn diese Empörung im Keime erstickt werden kann, so wird viel Unglück verhütet.«
»Sie können uns erschießen lassen, Herr Oberst, aber dann wird es ein Mord sein,« entgegnete Pieter Maritz. »Die Regierung von Transvaal besteht zu Recht, denn sie ist von den Bürgern des Landes erwählt und einer Verfassung gemäß, die von England selbst vor dreißig Jahren anerkannt wurde. England hat die Verträge gebrochen, die es mit der Republik abgeschlossen hat, und die militärische Besetzung und Annexion des Gebietes der Südafrikanischen Republik ist ein Akt der Gewalt. Wir fürchten nicht, erschossen zu werden, unser Blut wird von unsern Landsleuten gerächt werden.«
Diese kühne Entgegnung verfehlte ihren Eindruck auf die englischen Offiziere nicht, die Furchtlosigkeit, mit welcher beide Buern auftraten, imponierte ihnen. Sie wußten recht wohl, daß sie mit ihrer schwachen Mannschaft für den Augenblick einem allgemeinen Aufstande der Buern gegenüber machtlos und inmitten der Buernbevölkerung von Potschefstroom so gut wie gefangen waren. Die Drohung des Obersten, seine Gefangenen erschießen zu lassen, war nur darauf berechnet gewesen, sie einzuschüchtern, denn eine solche Handlung hätte leicht das Zeichen zur Erhebung des Volkes geben können.
Der Oberst besprach sich leise mit den übrigen Offizieren und dann erklärte er den Gefangenen, sie sollten zum Generalgouverneur selbst nach der Kapstadt gebracht werden. Hierauf wurden beide abgeführt und in einem der Gebäude, die der Garnison des Forts gehörten, eingeschlossen und bewacht. In der Frühe des folgenden Morgens, ehe noch die Sonne aufgegangen war, wurden sie von neuem in den Wagen gebracht und von den Polizeileuten weggeführt. Der Weg ging längs der Grenze des Oranjefreistaats auf dem Gebiete von Transvaal nach Südwesten.
Acht Tage lang waren sie unterwegs, dann überschritten sie die Grenze und kamen nach Griqualand-West. Sie erreichten die Stadt Kimberley. Die Stadt erschien Pieter Maritz unähnlich allen übrigen Städten, die er bisher gesehen hatte. Sie war sehr viel größer als Potschefstroom und Pretoria und machte einen eigentümlich düsteren Eindruck, da fast sämtliche Häuser aus galvanisiertem Eisenblech erbaut waren. Nur sehr wenig steinerne Häuser standen dazwischen. Nichts als Sand und Eisenblech, wohin das Auge auch sah. Der Wagen rollte durch viele Straßen hin, und einige derselben waren sehr eng und krumm, andere dagegen ungeheuer breit. Die Häuser waren meistens nur ein Stockwerk hoch und sahen alle sehr traurig aus, da sie nicht angestrichen waren, sondern überall das bloße Eisenblech zu sehen war. Doch gab es sehr viele Läden und Magazine, und diese waren aufgestapelt voll von Vorräten, namentlich von Spirituosen. Viel Volk trieb sich umher, weiße Arbeiter und noch viel mehr Kaffern; alle sahen elend, schleichend, widerwärtig aus.
Mit einem Male ward Pieter Maritz durch einen sonderbaren Anblick überrascht. Der Wagen kam auf einen freien Platz, wandte links zur Seite an den Häusern hin, und nun zeigte sich rechts, inmitten der Stadt, ein ungeheurer Abgrund. Pieter Maritz sah einen Schlund, der wohl sechshundert Meter im Umfang hatte und so tief war, daß die Menschen, die er dort unten erblickte, kaum so groß wie die kleinsten Ameisen erschienen. Von den Rändern der Grube führten viele Eisendrähte nach unten, wurden auf halbem Wege von hohen Strebepfeilern gestützt und liefen dann weiter bis auf die Sohle des Abgrunds. Sie sahen einem schräg liegenden Spinngewebe ähnlich. Viele eiserne Kasten liefen auf Rädern die Drähte hinab und hinauf und kreischten und rasselten. Sie trugen Erde und Steine von unten empor und fuhren dann leer wieder hinab: dies Loch war eine der Minen von Kimberley, eine Diamantengrube.
»Ich habe hier früher gewohnt,« sagte jetzt der schweigsame Buer, der neben Pieter Maritz saß. »Als aber die Engländer kamen und ihre Polizei einführten, da bin ich getreckt. Sie nahmen uns alles weg, denn wo es etwas zu verdienen giebt, da sind sofort die Engländer da. Es hat sich sehr verändert, seit ich hier wohnte.«