Pieter Maritz wurde mit seinem Schicksalsgenossen zusammen in ein und dasselbe Zimmer gesperrt, sie erhielten zu essen und wurden eingeschlossen. Die Einrichtung dieses Gemaches und Hauses machte einen trüben Eindruck auf den an die Freiheit und die lebendige Natur gewöhnten Buernsohn. Alles trug den Stempel wirklicher Gefangenschaft. Denn vorher schon war er freilich gefangen gewesen, und er hatte schon einmal den Druck englischer Behandlung in Utrecht verspürt, aber bis jetzt war er doch immer in Häusern gewesen, die Ähnlichkeit mit den Farmhäusern seiner Heimat hatten, und die Luft der Wiesen und Berge hatte ihn umweht. Aber hier war alles Stein und Eisen. Der Fußboden bestand aus Tafeln von Eisenblech, die schuppenförmig übereinander genagelt waren, ebenso war die Decke beschaffen, die Wände aber waren von Ziegelsteinen und mit Kalk beworfen. Starke Eisengitter waren vor dem Fenster, und draußen schallte der Schritt einer hin und her gehenden Schildwache. Das Mobiliar bestand aus einem Tische, zwei Bänken, die an der Wand befestigt und zum Niederklappen eingerichtet waren, und zwei Schemeln. Ein Trost lag für die Gefangenen noch darin, daß sie zusammen waren und sich unterhalten konnten; aber auch dieser Trost sollte ihnen genommen werden. Gegen Abend kam ein Gefängniswärter herein, der eine Matratze trug. Er klappte die eine Bank herunter, legte die Matratze darauf, um in dieser Weise ein Nachtlager herzustellen, und befahl dem älteren Buer, ihm zu folgen. Auf dessen Bitte, ihn dort zu lassen, entgegnete der Mann, daß ein Raum frei geworden sei und daß nur ausnahmsweise zwei Gefangene bei einander gelassen würden; übrigens würden sie sich am folgenden Tage wiedersehen, denn dann sollten sie weitergeschafft werden.
Pieter Maritz blieb allein, stützte traurig den Kopf auf die Fensterbank und sah zum Himmel hinauf. Wohin war es mit seinen Hoffnungen und seinem Streben gekommen? Nun sollte er nach der Kapstadt geschleppt werden, und was würde ihm wohl dort begegnen? Er war gut bekannt mit den Plänen der Regierung von Transvaal. Zu dieser Stunde waren gewiß die Buernheere schon losgebrochen. Denn sicherlich hatten die Engländer die Bedingungen Transvaals nicht angenommen. Die stolzen, übermütigen Engländer wollten ganz Südafrika zu einem gemeinsamen riesigen Kolonialgebiet zusammenschmieden, in welchem nur noch englische Gesetze gelten sollten. Sie hatten sich um die Forderungen des Buernstaates sicherlich nicht gekümmert. Hatten sie die Zulumacht gebrochen, weil sie überhaupt niemand in Südafrika eigene Bedeutung zuerkennen wollten, so würden sie auch den Transvaalstaat brechen wollen. Wenn aber die Buern losgeschlagen hatten, so war also der Krieg da, und dann würde es den Sendboten, die zum Aufstande gerufen hatten, übel ergehen. Oberst Winslow hatte nicht gewagt, sie erschießen zu lassen, weil er inmitten von Buern war, aber das Kriegsgericht in der Kapstadt würde sie wohl zum Tode verurteilen. Das war ein schrecklicher Gedanke für Pieter Maritz, dessen sonst so frohe Stimmung durch die lange Gefangenschaft getrübt worden war. Auf dem Schlachtfelde fallen, mitten im Kampfe, umweht von Pulverrauch, für das Vaterland kämpfend niedersinken, das war gewiß schön, aber so — —? Sein Blick wurde trüber und trüber, und fast ganz mutlos sah er zu dem grauen, von Nebel verschleierten Himmel empor, der noch der einzige helle Fleck ringsum war. Er dachte daran, daß heute Weihnachtsabend sei, und am heiligen Abend im Gefängnis zu sein, war ihm sehr traurig.
In diesem Sinnen und schwermütigen Nachdenken ward Pieter Maritz endlich auf ein eigentümliches Geräusch aufmerksam, welches er bereits seit geraumer Zeit gehört, aber noch nicht beachtet hatte. Es klang bald wie ein Kreischen verrosteten Eisens, bald wie ein dumpfes Pochen und ward immer vernehmlicher. Pieter Maritz stand auf, ging vom Fenster weg und lauschte. Das Geräusch kam von oben, von der Decke her. Was konnte das sein?
Das Zimmer, in welchem er war, lag im oberen Stockwerk, und er hatte gesehen, daß das Gefängnis nur zwei Stockwerke hoch war. Allerdings war ein Dach darüber, und dies Dach mochte wohl ausgebaut sein und noch Gefangenenräume bergen. Die leise, behutsame Art des Pochens und Scharrens da oben brachte ihn auf die Vermutung, daß ein Gefangener über ihm wohne, der durchzubrechen versuche. Pieter Maritz selbst hatte, solange er gefangen war, beständig über die Möglichkeit der Flucht nachgedacht und diese häufig insgeheim mit seinem Landsmann besprochen, aber die schnelle Reise von Ort zu Ort und die Wachsamkeit der Polizeibeamten hatten bis jetzt keine günstige Gelegenheit entstehen lassen. Nun nahm das Geräusch seine Gedanken lebhaft in Anspruch, und er hielt sich ganz still, um denjenigen, der dort oben arbeiten mochte, nicht zu stören. Mit einem Male klirrte es, und ein eiserner Nagel rollte auf dem Boden hin. Kein Zweifel, daß jemand dort oben die Eisenbleche, welche die Decke bildeten, wegnahm. Doch Pieter Maritz bewegte sich nicht, um den Arbeiter nicht etwa zu erschrecken und zu verscheuchen.
Inzwischen ward es Nacht, und nur ein schwacher Schein fiel durch das Fenster herein, der von den Sternen und der schmalen Mondsichel her leuchtete. Zuzeiten war es ganz finster, denn der Nebel hatte sich zu Wolken zusammengeballt, die am Himmel hinzogen und Mond und Sterne minutenlang ganz verhüllten. Pieter Maritz lauschte gespannt und nahm wahr, daß das Geräusch verstummte. Eine Zeitlang war es ganz still, dann aber machte sich ein anderer Ton bemerklich, der sehr nahe zu sein schien und dem Schieben eines schweren Körpers auf der Erde ähnlich war. Gleich darauf erschien eine Gestalt im Zimmer, die gleichsam vom Himmel herabschwebte, denn sie baumelte mit den Füßen in der Luft und hielt sich an der Decke fest, sprang dann aber leicht und elastisch auf den Boden. Zu seinem Erstaunen erkannte Pieter Maritz, indem es in diesem Augenblick wieder etwas heller im Zimmer wurde, eine nackte schwarze Figur und das schlaue Gesicht des Swazi-Regenmachers. Der Mann trug eine Art von Meißel mit den Zähnen und hatte ein Bündel über einer Schulter baumeln.
Auch der Regenmacher mußte ihn erkannt haben, denn seine zu Anfang betroffene Miene veränderte sich zu einem Lächeln, und er stieß einen leisen Ruf der Verwunderung aus. Dann nahm er den Meißel aus dem Munde und schnürte sein Bündel auf. Es enthielt seine Kleidungsstücke: ein wollenes Hemd und eine Hose und war von einem Strick umwickelt gewesen, der aus zusammengeknoteten leinenen Streifen bestand. Er kleidete sich an und sagte, er habe dort oben lange Zeit gefangen gesessen und wolle durch das Fenster entfliehen.
Die Erinnerung an frühere Zeiten, an den alten Missionar, an den Aufenthalt am Hofe Tschetschwajos stieg lebhaft wieder vor Pieter Maritz auf, und die Erscheinung dieser wohlbekannten Gestalt regte die fast erstorbene Hoffnung wieder zu neuem Leben in ihm an. Wenn der Regenmacher durch die Decke gebrochen war, so sollte dies Gefängnis ihn selbst doch wohl auch irgendwo durchlassen. Er ging sofort mit dem Regenmacher an das Fenster, und sie prüften die Eisenstangen. Sie waren stark, und man hatte sie sehr fest in die steinerne Umfassung eingelassen, aber mit dem Instrument des Regenmachers wären sie doch wohl loszubrechen gewesen. Nur zeigte sich ein schlimmes Hindernis: drunten ging die Schildwache.
Der Regenmacher war sehr niedergeschlagen. Er kauerte sich am Boden nieder und seufzte.
»Wie kommst du hierher? Machst du nicht mehr Regen?« fragte Pieter Maritz ihn in der Zulusprache.
»Wegen Eidibi bin ich gefangen,« antwortete er in gebrochenem Englisch. »Ich habe viele Diamanten, und wenn du mir helfen willst, davonzukommen, so will ich dich reich belohnen.«