»Es wäre mir die beste Belohnung, selbst frei zu werden,« sagte Pieter Maritz, »aber ich weiß nicht, wie wir es machen sollen, um hinauszukommen. Wie hast du denn durch die Decke durchbrechen können?«
Der Regenmacher zeigte sein eisernes Instrument. Dieses war ursprünglich wohl ein Riegel gewesen, aber es war nun an einem Ende spitz und scharf geschliffen. Der Regenmacher sagte, er habe das Ding an der steinernen Fensterbank spitz gemacht. Er habe damit die Tafeln von Eisenblech losgebrochen, den Sand darunter weggeräumt und endlich auch die Tafeln losgemacht, welche die Decke von Pieter Maritz' Zimmer bildeten. Er habe gehofft, aus diesem Zimmer am Strick hinunter in die Straße gleiten zu können. Den Strick habe er aus dem Überzuge seiner Matratze gemacht, indem er ihn in Streifen geschnitten und die Streifen aneinander gebunden habe.
Pieter Maritz sann nach. »Können wir von deinem Zimmer nicht irgendwohin gelangen?« fragte er. »Wenn wir hier hinausklettern, kommen wir auf die Schildwache, und sie wird auf uns schießen oder doch Lärm machen.«
»Wir können von meinem Zimmer aus nur auf das Dach kommen,« sagte der Regenmacher, »und das Dach ist zu hoch, um hinunterzuklettern. Der Strick ist nicht lang genug.«
»Laß uns sehen, wie es oben ist!« sagte Pieter Maritz.
Er schob den Tisch unter die Öffnung in der Decke, stieg hinauf und konnte nun mit den Händen den Rand des Loches erreichen. Er zog sich hinauf, und der Regenmacher folgte ihm nach. Der obere Raum war viel kleiner als der untere, nur ein Dachkämmerchen, und in dem schrägen Dache war ein vergittertes Fensterchen, das jedoch groß genug war, um hindurchzuschlüpfen. Pieter Maritz ergriff das eiserne Instrument und ließ sich von dem Regenmacher auf die Schultern heben, um oben arbeiten zu können. Mobiliar gab es hier oben gar nicht, nur der Inhalt der zerschnittenen Matratze lag auf dem Boden. Mit starker Hand hob Pieter Maritz das ganze Gitter, welches aus einem zusammenhängenden Drahtgewebe bestand, aus seiner Einfassung heraus. Dann schwang er sich empor und setzte sich auf den Rand des Fensters, mit dem Oberkörper über das Dach hinausragend.
Er blickte um sich. Das Dach war nicht sehr steil, aber glatt, und der Nebel hatte es mit einer glänzenden nassen Schicht überzogen. Es war aus Platten von Eisenblech gebildet, gleich den Fußböden, und hatte verschiedene Fenster, die wohl gleichfalls zu Gefangenenräumen führten. Einige der Fenster lagen in der Dachfläche selbst, andere befanden sich in vorspringenden kleinen Erkern. Pieter Maritz sah überall auf Dächer, welche niedriger lagen, aber kein einziges stieß nahe genug an das Gefängnis heran, um darauf springen zu können, sondern überall umgab ein freier Raum das einzeln stehende große Backsteingebäude. Der Himmel war abwechselnd hell und dunkel, je nachdem die Wolken zogen. Höchst merkwürdig aber sah von hier oben das große Loch aus, welches Pieter Maritz im Vorbeifahren gesehen hatte. Denn unten darin und an den Hängen brannten Hunderte von Lampen oder Fackeln, und der schwarze Schlund sah wunderbar aus, indem die gewaltige Weite und Tiefe des Abgrundes durch diese Lichter recht deutlich wurden und die Bewegung der vielen hellen Punkte ihm etwas Unirdisches gaben. Pieter Maritz mußte unwillkürlich an die Hölle denken und konnte trotz der Gefahr, worin er schwebte, und trotz seines Eifers, einen Fluchtweg zu entdecken, seine Augen mehrere Minuten lang nicht von diesem Einblick in die Eingeweide der Erde abwenden. Dann beugte er sich nieder und flüsterte dem Regenmacher zu, er möge heraufkommen, damit sie sich beide überlegen könnten, was zu thun sei. Zugleich ließ er ein Ende des Strickes hinunter, den er mit hinaufgenommen hatte, der Regenmacher band sich den Strick unter den Armen fest, und dann zog ihn Pieter Maritz empor, bis er selbst den Fensterrand ergreifen und sich heraufschwingen konnte. Nun saßen sie beide auf dem Rande der Öffnung und spähten umher.
»Wir wollen das Dach untersuchen,« sagte Pieter Maritz. Auf Händen und Knieen kroch er vom Fenster aus hinan, bis er den Kamm des Daches erreichte, der Regenmacher folgte ihm nach, und dann setzten sie sich rittlings und blickten nach beiden Seiten hinunter. Aber es zeigte sich keine Möglichkeit, hinabzugelangen. Links und rechts neigte sich das Dach in derselben Weise, und der Rand war viel zu hoch über dem Erdboden, um an dem Stricke hinabkommen zu können, selbst wenn sie eine Stelle gefunden hätten, wo der Strick sicher zu befestigen gewesen wäre.
»Wir müssen suchen, in eines der Fenster hineinzuklettern,« sagte Pieter Maritz, der, seinem unternehmenden Charakter gemäß, die Führung übernommen hatte. »Vielleicht finden wir ein Fenster, welches nicht vergittert ist, und wir kämen dann wohl in einen Raum, der nicht Kerker wäre.«
Der Regenmacher nickte und fing alsbald an, nach rechts hin auf dem Dache umherzukriechen und in die Fenster zu sehen, während Pieter Maritz es ebenso auf der linken Seite machte. In der That fand Pieter Maritz eines der Fenster, welches in einem Erker lag, ohne Gitter. Eine schwarze Öffnung blickte ihm entgegen. Aber er konnte nicht sehen, was darin war, denn es war ganz dunkel hinter dem Fenster. Vorsichtig kroch er wieder hinauf und pfiff leise, um den Regenmacher herbeizurufen. Dieser kam heran, und beide beratschlagten vor der schwarzen Öffnung, was sie thun sollten. Endlich beschlossen sie, der Regenmacher solle am Stricke hinabklettern. Wiederum ward ihm der Strick unter den Armen durchgebunden, und dann stieg er hinein, während Pieter Maritz oben hielt. Er hatte die ganze Last des Mannes zu tragen, denn dieser fand durchaus keine Stütze, sobald er innerhalb des Fensters war, und es zeigte sich, daß hier ein Bodenraum von beträchtlicher Höhe war. Als der Regenmacher glücklich auf den Füßen war, stand er so niedrig, daß Pieter Maritz nicht hätte hinabspringen können, ohne Gefahr zu laufen, sich zu beschädigen. Der Regenmacher machte sich inzwischen von dem Stricke los und suchte umher. Dann kehrte er zurück und teilte mit, er habe eine Thür gefunden, welche leicht zu erbrechen sei. Aber wie wollte Pieter Maritz hinunterkommen? Er suchte den Strick zu befestigen, um daran hinabzuklettern, aber er bemühte sich vergeblich. Endlich stieß er mit aller Gewalt das spitze Eisen zwischen zwei Eisenbleche, um daran den Strick festzubinden. Aber indem er so kräftig bohrte, glitt plötzlich sein linker Fuß mit der Stiefelsohle auf dem von der Nässe schlüpfrig gemachten glatten Dache aus, und er fühlte sich zu seinem Schrecken abwärts gleiten. Er suchte sich mit Ellbogen und Knieen anzustemmen und gleichsam festzukleben, während er Eisen und Strick mit den Händen festhielt, aber ohne Erfolg. Er rutschte wohl zehn Fuß weit abwärts und fuhr über den Rand des Daches hinaus.