In diesem Augenblick durchfuhr die Gewißheit des nahen Todes die Gedanken des Buernsohnes, und er sah sich im Geiste schon zerschmettert unten liegen. Mit der Schnelligkeit des Blitzes flog die Vergangenheit seines Lebens an ihm vorüber, und er sah seine weinende Mutter, die er nicht wiedersehen sollte, vor sich stehen. Aber indem er schon zu stürzen wähnte, gab es einen heftigen Ruck, und er fühlte sich mit den Ellbogen in der Dachrinne gestützt. Mit dem Oberkörper war er oberhalb des Dachrandes, mit den Beinen hing er nach unten, und nur die Arme hatten einen Haltepunkt. Instinktmäßig bog er sich vor und preßte sich mit aller Kraft an die Regenrinne an, und wie durch ein Wunder gelang es ihm, die Gewalt des Sturzes aufzuhalten. Meißel und Strick hielt er noch immer in den Händen. Er klammerte sich an und bemühte sich, ein Bein hinaufzubringen. Aber indem er das rechte Knie anzog und auf den Rand hinaufhob, ergriff ein heftig schmerzendes, krampfartiges Gefühl den ganzen Körper, so daß er wie gelähmt in der augenblicklichen Stellung hängen blieb. Erst allmählich verschwand dieser Krampf, und nun gelang es Pieter Maritz, während er in dieser Not voll Inbrunst ein Vaterunser betete, das rechte Bein hinaufzubringen und dann mit ganzem Leibe wieder auf das Dach zu kommen. Er schöpfte tief Atem und saß eine Zeitlang still, um neue Kraft zu gewinnen. Dann fiel ihm ein, daß es vielleicht möglich sein werde, an der Wasserröhre hinunterzugleiten. Er rutschte die Dachrinne entlang bis zur Ecke, aber obwohl er hier die Stelle fand, wo die Röhre nach unten ging, so ward er doch enttäuscht, denn das Dach sprang zu weit vor, und die Röhre machte einen zu weiten Knick nach unten, als daß er ihre senkrechte Fortsetzung hätte ergreifen können. Er kroch also wieder zurück und sprach durch das Fenster mit dem Regenmacher, der im Innern stand und ihn schon für verloren gehalten hatte, da er das Hinabgleiten gehört hatte.
Nunmehr machte Pieter Maritz mit großer Vorsicht eine Eisenplatte am Rande des Fensters los, schlug den losgerissenen Nagel wieder fest und knüpfte das Ende des Strickes an diesen Nagel. Dann ließ er sich an dem Stricke in das Innere des Daches hinab und nahm den Meißel mit. Gemeinsam mit dem Regenmacher ging er dann zu der Thür, und es gelang ihnen, sie aufzusprengen, indem sie den Meißel zwischen Schloß und Pfosten stemmten und mit vereinigter Kraft das Schloß herausbrachen. Es that einen Krach, als die Thür aufging, und sie standen einige Minuten regungslos, um zu erwarten, ob etwa eine Wache durch den Lärm aufmerksam geworden wäre. Doch blieb alles ruhig, und nun gingen sie über einen Korridor an mehreren Thüren vorbei, fanden trotz der Dunkelheit, die im Innern des Gebäudes herrschte, die Treppe und stiegen hinab, bis sie den Flur im Erdgeschoß erreichten. Hier hörten sie Stimmen und sahen Licht durch einen schmalen Thürspalt dringen. Neben der Hausthür war das Wachtzimmer, und die darin befindlichen Wächter unterhielten sich. Leise schlichen sie an der Thür des Wachtzimmers vorbei und versuchten die Hausthür zu öffnen. Aber sie war verschlossen, auch steckte kein Schlüssel darin, und es war nicht daran zu denken, die schwere Thür, welche mit Eisen beschlagen war, etwa aufzubrechen. Selbst wenn ihre Kraft dazu ausgereicht hätte, würde der Lärm die Wächter herbeigerufen haben. Sie kehrten von der Hausthür zurück und suchten einen andern Ausweg, aber es war keiner zu finden. Überall waren feste Wände oder starke verschlossene Thüren.
Ratlos standen sie im Flur und wußten nicht mehr, was sie thun sollten. »Wir wollen hier bleiben, bis die Schildwache abgelöst wird,« sagte Pieter Maritz. »Alsdann muß die Hausthür geöffnet werden. Wir benutzen den Augenblick, rennen die Leute, die uns dann etwa im Wege stehen, über den Haufen und suchen zu fliehen.«
Aber der Regenmacher wollte darauf nicht eingehen. Er hatte nicht den Mut, sich in einen Kampf mit den bewaffneten Wächtern einzulassen, und Pieter Maritz gab ihm nach, da er selbst fühlte, daß dieser Plan ein verzweifelter sei. Sie kehrten wieder um, gingen die Treppe hinauf auf den Boden und setzten sich dort fast ganz mutlos nieder, indem sie sich den Kopf zerbrachen, einen Ausweg zu finden. Bald wurde Pieter Maritz aber die Dunkelheit in diesem Raume drückend, er ging zu dem Strick, den er am Fenster hatte baumeln lassen, kletterte hinauf und kauerte sich auf den Fensterrand nieder, um wenigstens freien Himmel und frische Luft um sich her zu haben. Da schien es ihm, indem er unwillkürlich nach der Mine blickte und das geheimnisvolle Wandern der Lichter beobachtete, als ob diese sich an einer bestimmten Stelle am Saume des Abgrunds vereinigten, und einen dicken feurigen Klumpen bildeten. Immer mehr helle Punkte kamen langsam aus dem Innern hervor und sammelten sich zu dem gemeinsamen Feuer. Es war, als ob viele Glühwürmer sich zu einem dichten Schwarme vereinigten.
Pieter Maritz pfiff leise zum Zeichen für den Regenmacher, und alsbald kam die geschmeidige Gestalt des Kaffern an dem Stricke empor und zeigte sich das kluge Gesicht des vielgewandten Mannes über dem Dachrande. Er sah das sonderbare Leben in der Mine, und seine Augen nahmen den Ausdruck der Überraschung an.
»Die Minenarbeiter versammeln sich,« sagte er.
»Was wollen sie thun? Warum versammeln sie sich?« fragte Pieter Maritz.
»Sie sind oft unzufrieden,« sagte der Regenmacher. »Sie bekommen nicht genug Lohn, und sie wollen sich nicht durchsuchen lassen, wenn sie aus der Mine kommen.«
Währenddessen war ein dumpfes Geräusch wie von vielen Stimmen aus der Ferne zu vernehmen, und plötzlich zuckte ein Blitz am Rande der Grube auf, und der Knall eines Schusses zerriß die Luft. Offenbar gab es einen Kampf an der Mine und waren die Aufseher bemüht, die Arbeiter zur Ordnung zu bringen, während diese sich widersetzten. Mit gespannter Aufmerksamkeit sahen die beiden Gefangenen auf dem Dache der Scene zu. Der Lärm ward immer vernehmlicher, eine große Masse von Menschen wälzte sich beim Scheine vieler Fackeln von der Mine fort durch die Straßen, und schon konnte man deutlich sehen, daß die Bevölkerung wach wurde. Hinter vielen Fenstern erschien Licht, und aus den Häusern kamen Leute hervor, welche sich in das Gewühl der Arbeiter mischten.
Auch das Gefängnis wurde lebendig. Pieter Maritz hörte den Ruf der Schildwache, dann öffnete sich die Hausthür und Stimmen wurden unten in der Straße laut. Gleich darauf marschierte eine kleine Abteilung von sechs Mann vom Gefängnis weg, der Arbeitermasse entgegen. Aber mehr und mehr geriet die Stadt in Bewegung, und immer lauter wurde der Tumult der aufgeregten Minenarbeiter. Flüche und wildes Schreien schollen von drunten her, und alle Straßen wurden lebhaft, während die Dunkelheit der Nacht noch immer anhielt und die Schrecken des Aufstandes vermehrte.