Für Pieter Maritz freilich hatte die Bewegung keine Schrecken. Er hoffte, daß sich in dem allgemeinen Tumult eine Gelegenheit zur Flucht würde finden lassen, und nahm den Gedanken wieder auf, aus der Hausthür zu stürmen, falls diese geöffnet wäre. Noch sah er, daß die Polizeiwache mit den Arbeitern in Streit geriet, indem diese sich nicht zurücktreiben lassen wollten, dann faßte er den Regenmacher am Arm und forderte ihn auf, wieder hinabzusteigen und unten im Flur auf ein Öffnen der Thür zu warten. Der Regenmacher folgte ihm, und beide kletterten wieder durch das Fenster und gingen die Treppe hinab. Auf dem Wege hörten sie schon die Menge näher kommen, mehrere Schüsse ertönten, und das Stimmengewirr, das laute Rufen und Schreien kam näher. Im Gefängnis selbst wurde es lauter, überall waren die Gefangenen erwacht, riefen, pochten an die Thüren und waren offenbar in Unruhe. Pieter Maritz hielt an. »Wir wollen meinen Landsmann herauslassen,« sagte er. Und nun pochte er von außen an mehrere Thüren und rief wiederholt den Namen des Buern, der mit ihm gekommen war. Bald hatte er die rechte Thür gefunden und hörte von innen die rechte Antwort. Nun stemmte er das Eisen zwischen Thür und Pfosten und brach mit voller Kraft. Doch die feste, eisenbeschlagene Thür wollte nicht weichen, obwohl der Buer von innen seine breite Schulter gewaltig anlegte.

Mit einem Male erscholl ein entsetzliches Krachen, welches allen andern Lärm übertönte und für einen Augenblick alles Geräusch im Gefängnis selbst und draußen zum Schweigen brachte. Das feste Haus erbebte und klirrte, und angstvolle Stille lagerte auf dem Schauplatze des Tumults. Doch gleich darauf hob wildes Rufen dicht vor dem Gebäude an, mehrere Schüsse dröhnten von neuem, und Pieter Maritz hörte das Volk in das Gefängnis eindringen. Dann füllten sich in wenigen Minuten die Treppe und die Gänge mit den Gestalten der Arbeiter. Im roten Schein der Fackeln erschienen viele Kaffern und auch einzelne weiße Männer mit Äxten und Hacken bewaffnet und stürmten mit Gejohle durch die Korridore. Sie zerschmetterten die Thüren der Zellen und ließen die Gefangenen heraus. Auch die Thür, welche Pieter Maritz vergeblich zu erbrechen versucht hatte, flog nun unter vielen Axthieben in Trümmer, und der Gefangene kam zum Vorschein. Pieter Maritz schüttelte ihm freudig die Hand, und dann suchten die beiden Buern zugleich mit dem Regenmacher dem wilden Gewühle zu entkommen.

Unten im Flur lagen mehrere Körper verwundet oder tot am Boden, und Pieter Maritz wendete sich mit Grauen von dem Anblick ab. Die Hausthür war nicht mehr vorhanden, und nur Splitter von Holz und verbogene Eisenteile bildeten ihre Überreste. Ein tiefes Loch war dort, wo die Schwelle gewesen war. Die Arbeiter hatten sich mit Dynamit den Eingang erzwungen. Mühsam drängten sich die Flüchtlinge durch den Haufen hindurch, welchen die Wut der Zerstörung erfaßt hatte, und suchten das Weite. Doch war der Regenmacher plötzlich im Gedränge verschwunden und gleichsam in den Boden gesunken. Er suchte seine eigenen Wege und mochte auf die Rettung seiner versteckten Diamanten bedacht sein, wobei ihm Gesellschaft unerwünscht war.

Den befreiten Buern kam es jetzt sehr zu statten, daß der ältere von ihnen mit dem Lande bekannt war. Nach kurzer Zeit hatten sie das freie Feld erreicht, und mit innigem Dankgefühl gegen Gott sah Pieter Maritz auf das ihm verhaßt gewordene Kimberley zurück, während jetzt die Sonne aufging und sein Herz mit frischem Mut wie die Landschaft mit goldigem Glanz übergoß. Sie suchten eine Meile von der Stadt die Farm eines gastfreundlichen Buern auf, erquickten sich dort mit Speise und Trank und setzten alsbald auf einem Wagen, den ihnen der Buer vermietete, ihre Reise fort, um Bloemfontein, die Hauptstadt des Oranjefreistaats, zu erreichen. Im Oranjefreistaat hielten sie sich für sicher vor Verfolgung durch englische Polizei, und von Bloemfontein aus hofften sie am leichtesten nach dem Transvaallande zurückkehren zu können. Glücklicherweise hatte Pieter Maritz noch einige Goldstücke im Versteck bei sich, die den Durchsuchungen der Polizei in Potschefstroom entgangen waren. Er hatte sie in das Beutelchen gesteckt, welches seine Mutter ihm einst als Talisman mitgegeben hatte. So konnte er den Buern für den Wagen bezahlen, denn so gastfrei dieser auch war, hatte er doch keine Lust, einen Wagen mit zwei Pferden und einem Kafferkutscher umsonst für die Reise nach der Hauptstadt herzugeben.

Am Nachmittag des zweiten Tages erreichten sie glücklich Bloemfontein und erblickten die hoch wehende Flagge des Freistaats, orange und weiße Streifen mit der holländischen Trikolore oben in der Ecke. Die Stadt sah ihrem Namen entsprechend reizend aus, wahrhaft »blumenquellend«, und erschien um so schöner, als die Fahrt auf der Landstraße durch öde und dürre Gegenden geführt hatte. Nun lag Bloemfontein mit seinen Gärten und den hohen Eukalyptus- und Weidenbäumen wunderhübsch da. Als sie in die Stadt kamen, fielen Pieter Maritz die geschmackvollen Häuser und die eleganten Anzüge auf der Straße auf. Männer und Frauen machten Nachmittagspromenade, und überall glänzten seidene Kleider und prächtige Hüte.

»Die Leute verdienen hier ungeheures Geld,« sagte ihm sein Gefährte. »Sie verkaufen Fleisch und Gemüse nach den Diamantenfeldern, und das kostet dort fünfmal so viel wie anderswo.«

Vielfach hörte Pieter Maritz auf den Straßen deutsch sprechen, wovon er durch den alten Missionar einige Worte und Wendungen kannte, und auch das Hotel, welches sie aufsuchten, das »Free State Hotel«, ward von Deutschen, den Gebrüdern Stock aus Frankfurt am Main, gehalten, und war so sauber und schön, wie Pieter Maritz in allen Städten Südafrikas, die er kannte, noch keins gefunden hatte. Bloemfontein war in lebhafter Erregung, wie schon auf der Fahrt durch die Straßen wahrzunehmen gewesen war. Die Leute sprachen eifrig miteinander, und wichtige Nachrichten schienen von Mund zu Mund zu gehen. Im »Free State Hotel« erhielten sie volle Auskunft über den Gegenstand, der die Stadt beschäftigte: die Erhebung Transvaals hatte ihren blutigen Anfang genommen. Der Generalgouverneur Sir Hercules Robinson, der nun an Stelle des Sir Bartle Frere die Angelegenheiten der Kapländer leitete, hatte die Forderungen der Regierung von Transvaal zurückgewiesen, und der englische Gouverneur von Natal und Transvaal, General Sir George Pomeroy Colley, hatte Befehl gegeben, die Garnisonen im Transvaallande zu verstärken. Darauf hatte die Regierung von Transvaal die Kriegserklärung erlassen, und sofort hatten die Buern losgeschlagen. Sie hatten am 20. Dezember, vor sechs Tagen, einen Teil des 94. Infanterieregiments überfallen, welches unter Kommando des Oberstleutnants Anstruther von Lydenburg nach Pretoria auf dem Marsche gewesen war. Ein genauer Bericht darüber war in der Zeitung zu lesen. Zuerst hatten die Buern, welche rings um die englische Kolonne aufgetaucht waren, den Oberstleutnant aufgefordert, umzukehren. Aber er hatte erwidert, daß er nicht gegen seinen Auftrag handeln könne und wolle; er habe Befehl, nach Pretoria zu marschieren, und das werde er thun. Darauf hätten die Buern ihm gesagt, sie hätten die Kriegserklärung erlassen und würden ihn angreifen, wenn er nicht umkehrte. Er aber habe entgegnet, er werde den Angriff mit den Waffen zurückweisen. Nun habe die Unterhandlung aufgehört, aber der Kampf habe begonnen. Es sei bei Bronkers Spruit, auf dem Wege zwischen Lydenburg und Pretoria gewesen. Die Buern hätten aus der Entfernung von drei Seiten gefeuert und binnen kurzer Zeit hundertundzwanzig englische Soldaten, sowie alle Offiziere zu Boden gestreckt. Den Rest der Kolonne, etwa zweihundertfünfzig Mann, hätten sie gefangen genommen. Dieser Kampf sei das Zeichen zu einem allgemeinen Aufstande geworden, und nun seien die Garnisonen in Pretoria und Potschefstroom in ihre Forts eingeschlossen und würden belagert.

Pieter Maritz las diesen Bericht mit hoch schlagendem Herzen, er sehnte sich, bei den Landsleuten zu sein, seine Gedanken hingen an seinem Pferd und an seiner Büchse.

»Ich gehe zum Präsidenten Brand,« sagte er rasch entschlossen zu seinem Gefährten. »Ich werde ihn bitten, uns mit Pferden und Waffen zu versehen, damit wir uns heimwärts begeben können.«

Der ältere Buer, langsamer von Gedanken und Entschluß, nickte und erklärte sich einverstanden mit diesem Vorschlage. So ging denn Pieter Maritz noch denselben Nachmittag zu dem Hause des Präsidenten. Es war ein hübsches zweistöckiges Gebäude, und Pieter Maritz sah, als er sich näherte, eine Familie in einem der Zimmer des Erdgeschosses versammelt. Die Fenster waren geöffnet, und er sah deutlich einen alten Herrn und mehrere junge Damen am Kaffeetische sitzen, während eine ältere Dame am Flügel saß und sehr schön spielte. Von einem Diener, der vor der Hausthür stand, hörte Pieter Maritz, daß der alte Herr der Präsident sei, und es wurden seinem Eintreten keine Schwierigkeiten bereitet, sondern in einfach bürgerlicher Weise wurde er eingeführt und im Arbeitszimmer empfangen.