»Dies ist ein sehr vertrauenswürdiger junger Mann,« sagte er zum Präsidenten Brand. »Trotz seiner jungen Jahre ist er ein verdienter Krieger, der im Feldzuge gegen Tschetschwajo in den Reihen der Engländer das Viktoriakreuz erworben hat. Er kennt die englische Armee, und es wäre mir lieb, wenn er bei der Unterhaltung, die ich mit Eurer Excellenz zu haben wünsche, zugegen wäre, um uns Auskunft geben zu können, wo sie uns etwa noch nötig erscheinen sollte.«

Präsident Brand erklärte sich einverstanden und ließ den beiden Gästen aus Transvaal zur Begrüßung Kaffee bringen. Alsdann nahm der Schatzsekretär das Wort.

»Ich bin im Auftrage der Regierung von Transvaal hier,« sagte er, »um mit Ihnen, Herr Präsident, über die Stellung zu beraten, welche der Oranjefreistaat bei dem Kriege einnehmen wird. Eure Excellenz haben schon eine Denkschrift erhalten, welche die Ansichten der Regierung darlegt, und ich brauche nicht weiter auf die Klagen einzugehen, welche Transvaal gegen England zu führen hat. Es sind dieselben Klagen, welche auch der Oranjefreistaat führen könnte, nur mit dem großen Unterschiede, daß der Oranjefreistaat doch wenigstens selbständig ist, seine eigene Regierung besitzt und nicht britische Forts und Garnisonen zu ertragen hat. Aber in gleicher Weise wie Transvaal ist auch der Freistaat von England auf das Binnenland beschränkt, vom Meere ausgeschlossen und in seiner freien Entwickelung gehemmt. Alle Arbeit der Buernbevölkerung dient nur zum Vorteil Englands. Der Ertrag unseres Ackerbaues und unserer Viehzucht kommt uns weniger zu gute als England. Denn wir haben keine eigenen Handelswege, sondern sind einer schlauen, habgierigen Kaufmannschaft ausgeliefert, welche den Gewinn aus unsern Produkten zieht. In einer abgelegenen, isolierten, im Innern des Kontinents von Wüsten und Gebirgen begrenzten Lage sind wir Buern der Gnade und Ungnade Englands preisgegeben. Ringsum stößt englisches Gebiet an unsere Grenzen, oder aber wilde Völkerschaften sind unsere Nachbarn. Nach Norden und Westen hin haben wir gar keine Verbindungen mit der übrigen Welt, denn dort wohnen Betschuanen, Namaqua, Hereró und andere Völker, mit denen wir noch jetzt häufig zu kämpfen haben. Überall sonst ist englisches Gebiet, und England legt so ungeheure Steuern und Zölle auf die Waren, welche es durchläßt, daß wir fast gar keinen Handel mit der Außenwelt haben. Deshalb liegt die Industrie bei uns völlig danieder. Ohne Industrie und Handel aber können wir uns nicht entwickeln. Gleichwohl hatten wir bis jetzt durch den Reichtum des Bodens, der uns gehört, wenigstens ein behagliches Leben und erfreuten uns, wenn auch nicht politischer Bedeutung, so doch der Freiheit. Ein feierlicher Vertrag mit England sicherte uns unsere Unabhängigkeit. Aber das ist für Transvaal anders geworden. Haufen von fremden Abenteurern, wie sie sich in allen englischen Kolonien finden: Landkäufer, Minenspekulanten, betrügerische Kaufleute aller Art, Spekulanten auf jede Art von Besitz haben sich wie Raubvögel an unsern Grenzen und sogar in unsern Städten festgenistet und lauern auf Beute. Sie haben durch alle Arten von Verleumdungen gegen die Buern, gegen die Regierung, gegen die Volksvertreter und alle unsere Einrichtungen England gegen uns aufgehetzt. Sie wollen im Trüben fischen, denn sie wissen wohl, daß jede politische Umwälzung Gelegenheit zu Verdienst giebt. Da giebt es Lieferungskontrakte abzuschließen, neue Stellen zu erhaschen und allerhand Arten unredlichen Verdienstes. Sie haben es dahin gebracht, daß man in England glaubte, wir wären eine Rotte von Sklavenhaltern, und daß der Generalgouverneur Transvaal für englisches Gebiet erklärte. Das ist ja eine bekannte Sache, und ich brauche darüber nicht weiter zu reden. Nur auf die Folgen will ich aufmerksam machen: hat England den feierlichen Vertrag mit Transvaal nicht geachtet, so wird es auch den Vertrag mit dem Oranjefreistaat nicht achten. Sobald es England vorteilhaft erscheint, wird es auch die Oranjebuern für englische Unterthanen erklären. Der Boden, den wir Buern seit Jahrhunderten mühsam erkämpft haben, wird uns einfach von dem übermächtigen Feinde genommen, und wir haben sämtlich nur die Wahl, entweder als unterdrückte Gemeinden von englischen Spekulanten ausgebeutet und von englischen Gouverneuren mißhandelt zu werden oder aber aufzubrechen, wie unsere Väter gethan haben, und nach Norden in die Wildnis zu ziehen, um ein neues Vaterland zu gründen. Aus dieser verzweifelten Lage wollen wir uns befreien. Wir haben zu den Waffen gegriffen, und der Krieg mit England ist im Gange. Nun strecken wir unsere Hand aus, um die Bruderhand des Oranjefreistaats zu ergreifen. Der Oranjefreistaat möge erklären, daß seine Interessen dieselben wie die unserigen sind. Und wenn auch die Oranjebuern nicht zu den Waffen greifen wollen, so mögen sie doch laut erklären, daß ihre Sympathie mit dem Transvaalstaat ist. Eine solche Erklärung würde unsere Sache sehr verstärken und würde dazu beitragen, daß der Krieg rasch beendigt würde, da England nicht Lust haben wird, sich auf den Kampf mit beiden Ländern einzulassen. Dem Oranjefreistaat aber würde sie Respekt verschaffen und nicht mindere Vorteile als uns selbst.«

Präsident Brand hatte mit aufmerksamem Blick und mehrfachem zustimmendem Kopfnicken die Worte des Gesandten aus Transvaal begleitet, und er sagte nun sehr freundlich: »Gewiß, mein lieber Herr Schatzsekretär, sind die Wünsche der Oranjebuern ganz für die Sache des stammverwandten Transvaal. Unsere volle Sympathie ist Ihnen gewiß. Ob wir aber dieser Sympathie öffentlichen Ausdruck geben sollen, das bedarf doch noch der reiflichen Erwägung. Denn eine solche Erklärung könnte leicht von England als eine Allianz mit dem Transvaalstaat und als Kriegserklärung aufgefaßt werden. Und das scheint mir doch sehr bedenklich zu sein. Wir sind mit England im Frieden und haben uns nicht über Vergewaltigung zu beklagen. Noch vor vier Jahren hat uns England für ein Stück von Griqualand-West, welches wir abtraten, 90000 Pfund Sterling bezahlt, und diese Summe ist uns von großem Nutzen gewesen für den Bau von Brücken und Straßen und sonstigen Einrichtungen, die für die innere Entwickelung des Freistaates von hohem Werte sind. Wir sind mehr geneigt und halten es für klüger, unsern Wohlstand zu vermehren, als im Kriege unsere Errungenschaften aufs Spiel zu setzen. Für uns ist ein Krieg mit England auch gefährlicher als für Transvaal. Denn wir sind von drei Seiten durch englische Besitzungen umfaßt, und jeden Augenblick kann ein englisches Heer unser ganzes Land durchziehen, von welcher Seite es will. Auch scheint es mir sehr zweifelhaft zu sein, ob es für die vereinigten Buern sogar möglich ist, den Kampf mit England aufzunehmen. England ist viel zu mächtig für uns. Wenn auch für den Augenblick nur wenig Truppen in Afrika stehen, so können doch binnen sechs Wochen 20000 Mann hier versammelt sein, und wie wollten wir einer solchen Macht widerstehen?«

»Es ist möglich,« sagte der Schatzsekretär, »daß wir England nicht widerstehen könnten, wenn es wirklich seine ganze Macht aufbieten wollte. Aber zunächst rechnen wir anders. Wir können den englischen Truppen solche Schlappen beibringen, daß die Regierung der Königin einsieht, es bedürfe einer sehr großen Machtentfaltung, um uns niederzuwerfen; und dann möchte wohl in London die Erkenntnis entstehen, daß es besser ist, unsere billigen Bedingungen anzunehmen, als so viel Geld und Truppen aufzuwenden, wie notwendig erscheinen, um uns zu besiegen. Wir haben am Kriege mit den Zulus gesehen, daß England ungeheurer Anstrengungen bedarf, um in Afrika Krieg zu führen. England bedauert, so viel Verluste erlitten zu haben, nur um Tschetschwajo zu besiegen. Wir vertrauen darauf, einen noch ganz andern Widerstand leisten zu können als Tschetschwajo, und die Engländer werden nicht Lust haben, noch mehr Opfer zu bringen, als sie schon im Zulukriege gebracht haben. Der neue Premierminister Gladstone ist nicht der Mann für große kriegerische Unternehmungen. Was könnte England auch durch einen teuer erkauften Sieg gewinnen? Der Vorteil wäre nicht groß genug, um als Entschädigung gelten zu können. Aber selbst wenn wir uns in dieser Berechnung täuschen — wir wollen lieber ehrenvoll untergehen als uns sklavisch unter das Joch beugen, das man uns auferlegt hat. Und wir vertrauen darauf, daß der gerechten Sache eine große Macht innewohnt, indem die göttliche Gerechtigkeit selbst die Entscheidung bringt.«

»Es ist wahr, Gladstone wird nicht Lust haben, einen großen Krieg zu führen,« sagte Präsident Brand. »Verstehen Sie mich recht, Herr Schatzsekretär, ich lehne es nicht ab, mit Transvaal zu gehen. Nur wollen wir erst klarer sehen. Wir wollen nichts überstürzen. Ein Geduldiger ist besser als ein Starker, heißt es schon in unserer heiligen Schrift.«

»Sir Bartle Frere war eine eiserne Hand in einem Handschuh von Sammet,« sagte der Schatzsekretär. »Er wollte ein großes englisches Reich in Südafrika gründen. Tschetschwajo war ein Stein des Anstoßes auf seinem Wege und mußte fallen. So sollten auch die Buernstaaten fallen, denn sie waren für die Pläne des Generalgouverneurs ebenfalls Steine des Anstoßes. Jetzt ist Sir Bartle Frere fort, und die eiserne Hand, die Südafrika gepackt hatte, ist für den Augenblick gelähmt. Benutzen wir die Gelegenheit, denn sie kommt niemals wieder! Wir Buern sind die geborenen Herrscher von Südafrika. Lassen Sie uns zusammengehen, Herr Präsident! Wer nicht wagt, gewinnt nicht. Wir können ein Reich bilden, das reich und mächtig wird. Wir müssen Verbindung mit dem Meere bekommen, eine Eisenbahn von Bloemfontein über Pretoria und Lydenburg nach der Delagoabai bauen, freien Handel mit der übrigen Welt erringen und Südafrika Gesetze vorschreiben.«

»Wir wollen es bedenken,« sagte Präsident Brand. »Ich werde mich mit den Mitgliedern der Regierung beraten.«