[Achtundzwanzigstes Kapitel]
Die Rekognoszierung
»Der Präsident Brand geht langsam und bedächtig,« sagte der Schatzsekretär zu Pieter Maritz, als er mit ihm zusammen das Haus des Präsidenten verlassen hatte. »Er ist der Sohn eines Engländers, und man hat bei uns wohl davon gesprochen, daß er lieber von England Gunst und Gnaden, die ihm sicher sind, annehmen, als das ungewisse Los des Krieges für die Freiheit wagen möchte. Er will abwarten, wie der Krieg sich wendet, und hofft auf eine günstige Gelegenheit, den Vorteil des Oranjefreistaats zwischen beiden Parteien wahrzunehmen. Wir sind auf uns selbst gestellt, mein junger Freund.«
»Wir werden den Krieg auch allein zu Ende führen,« entgegnete Pieter Maritz zuversichtlich.
»Das gebe Gott!« setzte der Schatzsekretär hinzu.
Der Wagen des Herrn Swart bot den beiden aus Kimberley geflüchteten Buern ein willkommenes Mittel, nach Transvaal zurückzukehren. Der Schatzsekretär lud sie ein, mit ihm zu fahren, und schon am folgenden Morgen reisten sie ab und durcheilten wie im Fluge das weite Land. Sie setzten südlich von Potschefstroom über den Vaalfluß und erreichten an einem der ersten Tage des Jahres 1881 diese ehemalige Hauptstadt der Republik. Sie hatte sich sehr verändert, seitdem Pieter Maritz sie als Gefangener der Engländer gesehen hatte. Oberst Winslow und ein halbes Dutzend anderer Offiziere nebst mehreren Engländern, die in Potschefstroom gewohnt hatten, waren nun mit der kleinen englischen Garnison im Fort eingeschlossen, und ringsum standen die Posten einer starken Buernschar, welche das Fort belagert hielt. Andere englische Offiziere, wie Major Clarke und Kommandant Raaf, waren von den Buern gefangen genommen worden und wurden in einem Hause der Stadt bewacht. Die Stadt selbst hatte ein kriegerisches Aussehen. Die Buern aus den entfernteren Teilen des Landes kamen nach und nach zusammen, um sich auf dem wichtigsten Punkte, nahe der Grenze von Natal, zu vereinigen, und lange Reiterzüge waren zu erblicken. Ähnlich war es in Pretoria, wohin der Schatzsekretär sich mit Pieter Maritz begab, während der ältere Buer sich in Potschefstroom von ihnen trennte. Auch das Fort von Pretoria war von Buern belagert, und die Stadt zeigte in ihrem Aussehen den begonnenen Krieg an. Die fremden Abenteurer waren verschwunden, keine englische Uniform war mehr zu sehen. Eine ernste, feierliche Stille lag auf der Einwohnerschaft, und hohe starke Männer in voller Waffenrüstung, alle mit dem breitkrempigen Hut und der guten Büchse, durchschritten und durchritten die Straßen.
Mit wahrer Wonne fand Pieter Maritz hier sein Pferd und seine Waffen wieder, die ihm Lord Fitzherbert, seinem Versprechen getreu, dorthin, zu einem Buern gesandt hatte, bei dem Pieter Maritz seit seiner Rückkehr aus dem Zulukriege wohnte. Er gürtete den spanischen Degen um, hängte die vom Vater ererbte vortreffliche Büchse über die Schulter, schwang sich freudig in den Sattel und ritt alsbald nach Heidelberg, wo das Lager des Buernheeres sich befand. Die englischen Truppen hatten sich, soweit sie nicht in den Forts belagert wurden, aus dem Lande zurückgezogen.
Pieter Maritz ritt dieselbe Straße, auf welcher ihm vor fast drei Wochen die Dragonerpatrouille begegnet war und auf der heute nur Landsleute, bewaffnete Buern auf schnellen Pferden, zu sehen waren. Er erreichte Heidelberg, und sein Herz schlug höher, als er das ausgedehnte Lager erblickte. Die kleine Stadt selbst war voll von Männern, und auch daneben lagerten im Felde viele hundert Streiter. Überall waren die Verdecke der großen Wagen zu sehen, und neben den Wagen auf dem grünen Rasen die Zugochsen und die Pferde. Viele Feuer brannten, und der Rauch wirbelte durch die klare Luft empor, unzählige Kaffern waren beschäftigt, die Feuer zu nähren und die weißen Männer zu bedienen, die im Felde lagen.
Pieter Maritz begab sich nach Heidelberg hinein und suchte den Kommandanten des Heeres, den Feldkorporal Joubert, auf. Er ward nach einem Hause gewiesen, über dessen Dach die Flagge von Transvaal, der Vierklör, wehte, drei Streifen horizontal, rot, weiß und blau, dazu ein senkrechter Streifen, von grüner Farbe, nahe der Flaggenstange. Dies Zeichen der Unabhängigkeit des Vaterlandes, welches im Lager der Buern den Standort des Hauptquartiers anzeigte, erfüllte des Buernsohnes Brust mit stolzer Freude. Indem er hinanjagte bis vor die Fahne, schwang er den Hut hoch in der Luft und rief aus vollen Lungen Hurra für die Südafrikanische Republik.
Vor der Thür des Hauses saß ein kleiner Kreis älterer Männer in Beratung beisammen. Sie rauchten ihre Pfeifen in ruhiger Gelassenheit und blickten über das Lager hin, das sich im Thale unter ihnen ausbreitete. Als sie den Jubelruf des Buernsohnes vernahmen, lächelten sie, und einer von ihnen, in welchem Pieter Maritz den General erkannte, rief ihm mit mächtiger Stimme einen Willkommengruß zu. Pieter Maritz sprang aus dem Sattel und näherte sich.