»O, welch ein böses Volk die Engländer sind!« hörte er sagen. »Ist es nicht schlimm, daß wir für unser Besitztum und unser Recht noch kämpfen müssen? — Es ist nicht gut, daß Christen miteinander Krieg führen sollen. — Die Engländer plagen uns doch recht. — Gott wird der gerechten Sache den Sieg verleihen.« — Solche und ähnliche Reden hörte Pieter Maritz auf seinem Ritt an den Feuerplätzen und Ochsenwagen hin, und wenn er nicht den Charakter seiner Landsleute gekannt hätte, so hätte er beim Anblick der Ruhe und Stille wohl auf den Gedanken kommen können, daß eine gedrückte, ängstliche Stimmung auf diesem Heere laste, dessen Kämpfer Weib und Kind und Haus und Herde verlassen hatten, um gegen ein mächtiges Reich zu kämpfen. Aber Pieter Maritz kannte diese Ruhe besser; er wußte, daß diese stillen Männer entschlossen waren, nicht eher die Waffen niederzulegen, als bis sie ihr Vorhaben siegreich durchgeführt hätten, und daß sie im Bewußtsein ihres Rechts die Menge der Feinde nicht zählten, nicht daran dachten, daß ihr ganzes Volk im Vergleich mit dem britischen Weltreich nur eine kleine Gemeinde war.

Als Pieter Maritz den Platz erreichte, wo seine Freunde und Verwandten, Baas van der Goot, sein Oheim Klaas und die andern Buern aus der Gemeinde lagerten, fand er sie im Kreise versammelt und sah Baas van der Goot mit einer Bibel in ihrer Mitte stehen. Der alte Krieger hatte seine große Hornbrille aufgesetzt und schickte sich an, ein Kapitel zu lesen. Pieter Maritz band sein Pferd an und gesellte sich mit abgezogenem Hute zu der andächtigen Menge. Der rote Schein der tiefstehenden Sonne beleuchtete den weißen Bart und das spärliche weiße Haar des Ältesten. Er hielt in seinen gewaltigen braunen Händen die Bibel empor und las dann mit größter Langsamkeit und einer tiefen Stimme, die aus der mächtigen Brust wie aus einem tiefen Keller hervorklang, das Kapitel von Gideons Sieg über die Midianiter. Wie die Engländer in ihren Gottesdiensten das Neue Testament, so legten die Buern in ihren Gottesdiensten fast immer das Alte Testament zum Grunde, und Pieter Maritz war daran gewöhnt, die Buern sich selbst als das auserwählte Volk, Engländer und Kaffern aber als Philister und Amalekiter, Midianiter und Baalsdiener betrachtet zu sehen.

Sehr langsam, Silbe nach Silbe bedächtig hervorholend, las der Älteste: »Und die Midianiter und Amalekiter und alle aus dem Morgenland hatten sich niedergelegt im Grunde wie eine Menge Heuschrecken; und ihre Kamele waren nicht zu zählen vor der Menge, wie der Sand am Ufer des Meeres. Da nun Gideon kam, siehe da erzählete einer einem andern einen Traum und sprach: Siehe, mir hat geträumet, mich deucht, ein geröstet Gerstenbrot wälzte sich zum Heer der Midianiter; und da es kam an die Gezelte, schlug es dieselbigen und warf sie nieder und kehrete sie um, das oberste zu unterst, daß das Gezelt lag. Da antwortete der andere: Das ist nichts anderes, denn das Schwert Gideons, des Sohns Joas, des Israeliten. Gott hat die Midianiter in seine Hände gegeben mit dem ganzen Heer. Da Gideon denn hörete solchen Traum erzählen und seine Auslegung, betete er an und kam wieder ins Heer Israel und sprach: Macht euch auf, denn der Herr hat das Heer der Midianiter in eure Hände gegeben.«

Der alte Mann las wohl eine halbe Stunde lang an dem Kapitel, und er wie seine Zuhörer waren durchdrungen von dem Glauben, daß der Sieg Gideons eine Vorbedeutung für ihren Kampf mit General Colley und eine gute Verheißung sei. Dann stimmte Baas van der Goot, nachdem er die Bibel zugeklappt hatte, einen geistlichen Gesang an, und die Buern stimmten kräftig ein. Sie sangen gewaltig langsam und zogen die Töne mit einer Art von Heulen lang hin, dazu waren die Kehlen dieser riesigen Männer sehr rauh, aber die Inbrunst der Andacht verlieh dem frommen Liede etwas Erschütterndes für den Zuhörer, wenn er bedachte, daß diese starken Krieger sich zu einem Kampf auf Tod und Leben bereit machten.

Nach dem Gottesdienst setzten sie sich zum Abendessen nieder, und die Kafferndiener brachten ihnen große Schüsseln mit Maisbrei und weitbäuchige Kannen voll Kaffee.

Pieter Maritz erkundigte sich bei seinem Oheim Klaas nach dem Kampfe am 20. Dezember vorigen Jahres, bei welchem dieser gegenwärtig gewesen war.

»Wir waren von Pretoria aufgebrochen,« erzählte der Oheim, »weil wir gehört hatten, daß die Engländer von Lydenburg herankämen. Es sind gottlose Leute, die Engländer, denn sie waren am Sonntag von dort abmarschiert. Wir begegneten ihnen am Montag halbwegs zwischen Lydenburg und Pretoria und waren unser ungefähr zweihundert Mann. Als wir sie marschieren sahen, schickten wir in aller Ordnung einen der Ältesten mit einem weißen Tuch an seiner Büchse gegen sie ab und ließen ihnen sagen, sie möchten umkehren und in Lydenburg bleiben, denn es sei jetzt Krieg, und wir wünschten nicht, daß sie nach Pretoria kämen. Aber der Oberstleutnant Anstruther, der die Truppen kommandierte, war sehr unfreundlich und sagte, er hätte Befehl nach Pretoria zu marschieren, und werde sich nicht um unsere Wünsche kümmern. Der Älteste sagte ihm nun, daß es uns leid thun würde, auf Christenmenschen schießen zu müssen, daß wir aber nicht anders könnten, wenn er gegen unsern Willen weiterginge. Da antwortete der Oberstleutnant, wir möchten uns nur unterstehen, die Truppen Ihrer Majestät anzugreifen, dann würde er uns zeigen, welche Strafe eine solche Verwegenheit nach sich ziehe. Nun kam unser Ältester zurück und teilte uns das mit, und darauf legten wir uns schnell in einem Halbkreise quer über den Weg, den die Engländer kommen mußten, und deckten uns hinter den Steinen an den Hügeln. Als nun wirklich die Engländer weitergingen, da fingen wir an zu schießen, und sie wollten darauf eine Schützenkette bilden und uns angreifen. Aber wir schossen ihnen zuerst die Offiziere nieder, so daß sie ganz verwirrt durcheinander liefen, und als wir dann noch ein wenig auf die Soldaten geschossen hatten, schwenkten sie mit weißen Tüchern und baten um Gnade. Da kamen wir heran und nahmen die, welche noch lebten, gefangen.«

»Wie lange dauerte das Gefecht denn wohl?« fragte Pieter Maritz.

»Es mag wohl zehn Minuten lang gedauert haben,« sagte der Oheim. »Aber sie hatten hundertundzwanzig Mann tot und verwundet, außer den Offizieren, und wenn sie nicht um Frieden gebeten hätten, wären sie bald alle am Boden gewesen.«

»Und hattet ihr keine Verluste?«