»O doch,« sagte der Oheim. »Jan Greyling bekam etwas ab. Er hatte sich nicht ordentlich gedeckt und eine Kugel hat ihm die linke Schulter gestreift. Aber er geht schon wieder umher.«
Pieter Maritz schlief in seines Oheims Wagen, und früh am andern Morgen machte er sich auf und meldete sich beim General Joubert, der noch zehn andere Buern aufgerufen hatte, um mit Pieter Maritz zusammen zu reiten. Es waren lauter junge Leute mit schnellen Pferden, und der General sagte ihnen, daß sie Pieter Maritz folgen und gehorchen sollten, da dieser unter ihnen die größte Kriegserfahrung habe. Dann machten sie sich auf den Weg und durchmaßen das freie, hügelige Land des Hooge Veldt, um die Drakensberge zu erreichen.
Pieter Maritz kannte das Land. Die Drakensberge hatte er schon vielfach durchmessen, zuerst viel weiter nach Norden hin auf seiner Reise zu Titus Afrikaner und zum Zululande, dann auch in dem südlicheren Teile bei seinen Ritten von Isandula her und bei den Freiwilligen unter Leutnant Dubois. Der Teil des Gebirges, den er nun durchspähen sollte, lag nicht sehr weit von Rorkes Drift und den Kampfplätzen zu Anfang des Zulukrieges entfernt.
Die Buern wollten ihre Pferde nicht ermüden, darum legten sie den Marsch bis zum Gebirge nicht in einem Tage zurück, wie sie wohl gekonnt hätten, sondern ritten am ersten Tage nur bis zum Vaalfluß, übernachteten am Ufer unter freiem Himmel und ritten am zweiten Tage bis zum Fuß des Gebirges nahe der Grenze von Natal. Von Engländern war noch nichts zu sehen noch zu hören. Sie ritten weiter, und Pieter Maritz teilte seinen Haufen in zwei Teile. Fünf Reiter gingen über den Buffalo, an dessen linkes Ufer, und sollten dort den Strom entlang vorgehen, Pieter Maritz blieb mit den andern fünf auf der Straße, die am rechten Ufer nach Newcastle führte. Es ward verabredet, daß sie sich, wenn unterwegs nichts vorfiele, bei der Furt im Norden von Newcastle wieder treffen sollten. Diese Furt lag an der alten Poststraße zwischen Newcastle und Wakkerstroom.
Pieter Maritz ritt mit seinen Begleitern über Berg und Thal auf einer guten Straße und kam zu mehreren Wirtshäusern und einzeln liegenden Gehöften. Er war hier auf feindlichem Gebiet, und er rückte vorsichtig vorwärts, indem ein einzelner Buer vorausritt und den Nachfolgenden Zeichen gab, ob alles sicher sei. So kamen sie zum »Coldstream Inn«, dann zu einer Farm mit Namen Langes Nek, dann zu Hatleys Hotel und dann gegen Abend zu der Farm Schains Hoogte. Alles war still, nichts vom Feinde zu sehen, und die Buern, welche sie unterwegs trafen, wußten nichts von der englischen Armee. In den von Engländern gehaltenen Wirtshäusern hatten sie gar nicht gefragt, sondern hatten diese Gebäude umgangen. Von Schains Hoogte aus wandte sich Pieter Maritz seitwärts nach Osten, um noch vor Einbruch der Nacht die Furt zu erreichen, welche über den Buffalo führte und wo er die Kameraden treffen wollte. Diese waren schon dort, denn sie hatten einen kürzeren Weg gehabt, und sie berichteten, daß sie ebenfalls nichts vom Feinde gesehen hätten.
»Wir wollen schlafen,« sagte Pieter Maritz. Sie lagerten sich unter dem Schirm großer Bäume in einem Thale nahe dem Flußübergang und stellten einen Wachtposten aus, der während der Nacht mehreremal abgelöst wurde. In der ersten Frühe aber, bevor die Sonne aufging, erhob sich Pieter Maritz von seinem Mantel und weckte die Kameraden.
»Wir wollen bis an Newcastle hinanreiten,« sagte er. »Es ist dunkel, und der Nebel kommt uns zu statten.«
Sie sattelten die Pferde und ritten die alte Poststraße in südlicher Richtung hinab. Es war so dunkel, daß sie nur mit Mühe den Weg erkennen konnten, denn das geringe Licht des nächtlichen Himmels ward von einem dichten Nebel verschleiert, der aus den Thälern des Buffalo und seines Nebenflusses Incandu, sowie einiger kleineren Wasserläufe aufstieg. Nachdem sie eine halbe Stunde lang in eiligem Ritt die Straße verfolgt hatten, bogen sie nach links ab und wandten sich den Bergen zu, die unmittelbar über Newcastle und nördlich dieses Städtchens liegen. Pieter Maritz wählte diesen Weg, um der Gefahr zu entgehen, etwa auf eine Patrouille zu stoßen oder sonst bemerkt zu werden, ehe sie Newcastle erreichten. Er führte seine Kameraden, indem er voranritt, auf einem schmalen Pfade in die Schatten der Bäume hinein, welche den Hang der Höhen bedeckten. Der Weg war beschwerlich, denn an vielen Stellen war der von Fußgängern gebahnte Pfad mit Felsstücken übersät, und mehreremal mußten die Reiter tiefe Schluchten durchklettern, welche für andere Pferde als diese kleinen kräftigen Buernpferde wohl unüberwindliche Schwierigkeiten geboten haben würden. Währenddessen wurde es allmählich heller, die Nebel schwankten, indem der Wind auf den Höhen sie erfaßte, und der Weg war nicht mehr so schwer zu finden. Die Reiter klommen einen steilen Abhang hinan, wo der Pfad gänzlich aufhörte, und ritten an Bäumen und Felsen hin, die den südlichen Rücken des Berges bedeckten. Je höher sie kamen, desto mehr zerstreute sich die Finsternis, und die Gegenstände begannen, sich nicht mehr vom Nebel verschleiert, in ihren wahren Farben zu zeigen. Endlich kamen sie aus dem Gehölz stachliger Mimosen auf der Höhe heraus, erreichten den Gipfel und sahen nun die hellen Strahlen des jungen Tages durch die Waldung schimmern, welche den Hügel östlich von ihnen krönte.
»Wenn wir bis an das Ende dieses Gipfels kommen,« sagte Pieter Maritz, »so müssen wir nach meiner Berechnung Newcastle unter uns liegen sehen. Aber vorsichtig, daß man uns nicht von unten entdeckt!«
Pieter Maritz stieg vom Pferde, ließ noch zwei Leute zu Fuße mitgehen und schritt, während der übrige Haufe mit den Pferden zurückblieb, weiter vor. Sein Scharfsinn hatte ihn gut geleitet. Als er den äußersten südlichen Punkt des Höhenrückens erreichte, dehnte sich, nun im hellen Licht der Morgensonne, das enge Thal vor ihm aus, durch welches die Straße nach Norden führt, und er sah die Dächer und Gärten von Newcastle, welches in diesem Thale liegt. Der Berg, auf welchem er stand, erhob sich wohl achthundert Fuß über dem Thale und lag wie ein Bollwerk zwischen der wichtigen Straße aus Natal nach Transvaal auf der einen und dem Buffalofluß auf der andern Seite. Von hier aus konnte Pieter Maritz auf eine weite Strecke hin die gewundene Straße sehen, auf welcher die englische Armee vermutlich vorrücken würde, und die Höhenrücken verfolgen, welche diese Straße von beiden Seiten einfassen. In der Entfernung von etwa einer Meile verlor sich der helle Streifen, welchen die Straße bildete, unter den Bergen, und dort lag auch der Nebel, den der Morgenwind noch nicht hatte erreichen können.