Am wichtigsten aber war für Pieter Maritz der Anblick von Newcastle selbst. Er überzeugte sich sogleich, daß eine starke Truppenmasse dort lag, denn neben der in das grüne Thal eingebetteten Stadt erhoben sich die ihm wohlbekannten weißen Zelte. Auch sah Pieter Maritz an einzelnen Punkten das Blitzen von Gewehrläufen und den Glanz roter Uniformen. Die Engländer hatten einige Piketts von der Stadt aus vorgeschoben, um die nahe liegenden Höhen und Thäler zu bewachen. Doch standen die Posten der Stadt und dem Zeltlager sehr nahe, und nur sehr wenige Posten waren ausgestellt worden. Wieviel Truppen dort unten lagen und ob General Colley selbst dort anwesend sei, das konnte Pieter Maritz nicht wahrnehmen, doch hoffte er, es zu erfahren. Er beschloß, vom Berge aus Newcastle zu beobachten und am Abend einen Versuch größerer Annäherung zu machen, falls die Engländer ruhig liegen blieben. Sollten sie aber aufbrechen, so würde er vom Berge aus ihre Stärke zu erkennen und rechtzeitig nach rückwärts Meldung zu machen imstande gewesen sein. Die Buern, welche die Pässe besetzen sollten, mußten jetzt schon in den Thälern stehen, und während die Engländer vorrückten, konnten ihnen die Buern begegnen.

Pieter Maritz stellte an zwei Punkten Posten aus, die das Thal genau übersehen konnten, und blieb auch selbst vorn am Hange, um alles überwachen zu können. Der Morgen rückte vor, die Signale der Engländer tönten herauf, einige Bewegung in den Straßen war zu vernehmen, auch kleine Truppenabteilungen marschierten draußen herum, um die Posten abzulösen, aber sonst blieb alles ruhig. Die Engländer hielten die Zeit zum Vormarsch noch nicht für gekommen und erwarteten vielleicht Verstärkungen. Der Tag ging vorüber, und die Nacht brach herein, ohne daß die Lage sich verändert hätte. Doch hatte Pieter Maritz sich einen Weg gemerkt und deutlich eingeprägt, auf welchem er nahe an die Stadt kommen konnte, und ebenfalls hatte er sich genau gemerkt, wie am Abend die Posten aufgestellt wurden.

»Liebe Freunde,« sagte er zu seinen Genossen, »wir müssen etwas Gewagtes ausführen. Habt ihr Lust dazu?«

»Jawohl,« entgegneten sie, »wir sind zu allem bereit.«

»Seht einmal,« sagte er, »wir sind lauter junge Burschen, und es wäre hübsch, wenn wir den Alten zeigen könnten, daß wir auch schon nützlich sind. Der General Joubert wird nicht uns allein ausgeschickt haben, sondern sicherlich sind noch alte Buern hier in den Bergen, um die Engländer zu beobachten. Wenn wir etwas ausrichten könnten, worüber die Alten sich wunderten, so wäre das ein guter Spaß.«

Die jungen Buern grinsten vor Vergnügen und dehnten ihre mächtigen Glieder. Es waren lauter Burschen etwa vom Alter ihres Führers, lang gewachsen, abgehärtet in Wind und Wetter und so stark wie junge Stiere.

»Dann kommt mit und führt eure Pferde am Zügel,« sagte Pieter Maritz. Er selbst ging voran und belehrte seine Kameraden unterwegs über das, was er thun wollte. Die Nacht war ziemlich dunkel, aber für diese an das Lagerleben und die Viehweide gewöhnten jungen Leute war sie immer noch hell genug, um die Gegenstände ringsum erkennen oder doch erraten zu lassen. Sie stiegen den Berghang hinab und näherten sich dem Städtchen drunten im Thale.

Pieter Maritz hatte von oben bemerkt, daß ein einzelnes Haus von dem Städtchen etwas vorgeschoben neben der Landstraße lag und daß ein reger Verkehr von Militärs mit diesem Hause stattfand. Er schloß aus der Art und Weise, wie es an der Stelle zuging, daß dort ein englisches Pikett läge, welches den Auftrag hatte, die große Straße zu bewachen. Er war wohlbekannt mit der sorglosen Art, wie die Engländer den Vorpostendienst betrieben. Während des Feldzugs gegen die Zulus hatte sich ihm das täglich gezeigt, und er wußte, daß nur die Buernreiter sowie die schwarzen Truppen im englischen Solde verhindert hatten, daß die schnellen Feinde, welche den nächtlichen Angriff liebten, das englische Heer wiederholt überrumpelten. Er war überzeugt, daß das Pikett bequem im Hause selbst lag, und er hatte gesehen, daß nur ein einziger Posten, ein einzelner Infanterist, von dem Pikett aus ausgestellt wurde. Dieser Posten stand etwa zweihundert Schritte weit vor dem Hause auf der Landstraße.

Pieter Maritz führte seine kleine Abteilung gerade auf das einzelne Haus zu und ließ in der Entfernung eines Büchsenschusses davon halten. Es war nahe an Mitternacht, und Newcastle war ganz still. Offenbar lag die Besatzung gleich der Einwohnerschaft im Schlafe. Nur Gärten und Felder begrenzten das Städtchen auf dieser Seite, das Zeltlager war auf der südlichen Seite und westlich vom Orte, wo es mehr Platz gab, aufgeschlagen worden. Kein Licht war mehr in den Häusern zu sehen, nur aus dem einzelnen Hause, welches Pieter Maritz ins Auge gefaßt hatte, schimmerte ein heller Schein. Die Buern waren bis zum Thale des Incandu hinabgestiegen, der seine schnell fließenden Wellen am Nordrande von Newcastle vorbeitreibt und dem Buffalo zuführt. Sie hielten am Ufer des Flusses still, wo das Rauschen des Wassers auch das Geräusch der Hufe und Waffen, sowie ihre Stimmen übertönte.

Pieter Maritz ließ den Trupp hier zurück und ging mit einem einzigen Kameraden weiter vor. Beide ließen ihre Pferde bei dem Trupp und hängten die Büchsen über den Rücken. Dann schlichen sie behutsam vor und suchten zwischen das Haus und den Posten zu kommen. Sie mußten hierbei eine niedrige Mauer aus Bruchsteinen überklettern und durch einen Garten gehen, dann kamen sie durch ein Maisfeld, und nun lag das erleuchtete Haus zur linken Hand, und sie konnten hören, daß Männer darin waren und miteinander sprachen. Der Schein von den Fenstern her erleuchtete das Terrain bis auf etwa hundert Schritte weit, aber darüber hinaus war es dunkel. Schon wollten sie sich dem Posten nähern, denn auf diesen hatte Pieter Maritz es abgesehen, als es im Hause laut wurde. Zugleich war der Schlag der Kirchenuhr in Newcastle zu vernehmen, es schlug mit hellem Klange zwölfmal, die Mitternachtsstunde. Die beiden Buern hielten sich ganz still und duckten sich in den schwarzen Schatten eines Busches nahe der Landstraße. Kurze Zeit nachdem es geschlagen hatte, ward die Thür des Hauses geöffnet, und zwei Gestalten kamen heraus. Es war die Ablösung. Die Gewehre der Soldaten glänzten einigemal im Licht der Fenster. Die beiden Soldaten marschierten, nicht weiter als zehn Schritte von dem Versteck der Buern, an diesen vorbei, dann zu dem Posten, einige Worte wurden gewechselt, der Posten wurde abgelöst, und zwei Soldaten kehrten wieder zu dem Hause zurück. Gern hätte Pieter Maritz bei dieser Gelegenheit das Feldgeschrei erlauscht, welches die Posten miteinander austauschten, aber die Entfernung war zu weit, so daß er nicht hatte verstehen können, was sie miteinander sprachen.