Am folgenden Morgen schon, am 28. Januar 1881, brachten seine Posten dem General Joubert die Meldung, daß die Engländer ihre Zelte abbrächen. Alsbald ließ der General die Buern ausrücken. Zugleich aber wurden die Ochsen vor die Wagen gespannt, damit für den Fall einer Niederlage sogleich der Rückzug angetreten werden könne. Die Gemeinden machten eine jede für sich unter der Leitung ihrer Ältesten ihre Vorbereitungen. Die Kaffern schirrten die Ochsen an, und einzelne der Buern wurden bei den Wagen zurückgelassen, um die Aufsicht zu führen, diejenigen aber, die zum Kampfe bestimmt waren, sattelten ihre Pferde und schwangen sich in voller Rüstung, mit Büchse, Patronengurt und Weidmesser, in den Sattel. Dann ritten sie in Haufen zusammen, umringten ihre Ältesten und hielten eine Morgenandacht, indem sie ihre großen, breitkrempigen Hüte andächtig abzogen und dem Gebet lauschten, das die Ältesten sprachen.

Es war früher Morgen, und die Sonne blickte mit ihren ersten Strahlen über die Höhen am Buffalo weg, die mit schön geschwungenen Linien in dunklen Farben sich vom strahlend blauen Himmel abhoben. Das Sonnenlicht fiel auf die entblößten Häupter der tapferen, stillen Männer, die von Gott den Sieg für ihre gerechte Sache erflehten, bevor sie die starke Brust dem Feinde entgegenstellten; für Augen, die sich auf den Krieg verstanden, mußte diese feste Entschlossenheit zugleich mit solcher Gottesergebenheit angesichts der Gefahr, etwas Siegverheißendes haben und mußte dieses Sonnenlicht wie ein hoffnungsvoller Gruß vom Himmel erscheinen.

Nachdem sie gebetet hatten, teilten sich auf Jouberts Anordnung die Buernscharen. Ein starker Haufe wandte sich nach rechts, ein anderer nach links in die Berge, ein dritter ritt geradeaus, und ein vierter blieb als Rückhalt unweit des Lagers in Reserve. Pieter Maritz war inmitten der Männer seiner Gemeinde bei dem mittelsten Haufen, der etwa zweihundert Köpfe stark war.

Es ging eilig vorwärts, der Paß »Langes Nek« lag bald unmittelbar vor ihnen, und nun erschien in schnellem Jagen eine Buernpatrouille, welche zurückkam und meldete, daß die Engländer kämen. Alsbald teilte sich die Buernschar, und die gewandten Pferde kletterten zu beiden Seiten des Weges die Berge hinan. Die Buern suchten gute Plätze, um von dort aus mit ihren Büchsen den Feind am Weitermarsch zu verhindern.

Die Landstraße, welche durch jenen Winkel von Natal führte, wo nun Engländer und Buern sich bekriegten, war sehr gewunden, wie dies die Natur des gebirgigen Landes mit sich brachte. Um das Ersteigen der Höhen und das Hinabsteigen in die Thäler möglichst zu erleichtern, und die Landstraße mit möglichst geringer Mühe herzustellen, waren die Erbauer des Weges darauf bedacht gewesen, der natürlichen Bildung des Gebirges nachzugeben. Sie hatten in weiten Bogen die vorspringenden Berge umgangen und eine Schlangenlinie angelegt, welche die schroffen Steigungen vorsichtig vermied. So war die Landstraße an manchen Stellen nur auf eine kurze Strecke zu übersehen, und es wurde leicht, einer Kolonne, die sich auf ihr bewegte, in der Front, wie auf den Flanken Widerstand entgegenzusetzen. Baas van der Goot, welcher mit würdiger Miene den Seinigen voranritt, wählte eine am Bergeshange vorspringende Stelle aus, die eine natürliche Terrasse bot, von der aus man Langes Nek übersehen konnte. Nachdem die Pferde zu einer Höhe von etwa dreihundert Fuß über der Straße hinangeklettert waren, ließ der alte Mann halten und zeigte mit der braunen Rechten hinunter.

»Seht, liebe Freunde und Neffen,« sagte er, »hier ist meines Bedünkens ein schöner Platz, um zu zielen. Ihr seht dort die Straße, die aus dem Passe hervorkommt. Sie ist gerade vor uns, und wenn nur ein einziger Soldat der Königin hindurch und an uns vorbeikäme, so müßten wir sehr schlecht geschossen haben. Es ist ja eine schlimme Sache, auf Christenmenschen zu schießen, aber da es sich nun einmal nicht ändern läßt und wir unser Vaterland verteidigen müssen, so wollen wir mit Gottes Hilfe unsere Pflicht thun.«

Nach diesen Worten stieg der alte Mann bedächtig vom Pferde, schlang den Zügel um den rechten Arm und kauerte sich hinter einem Felsblock nieder, der am Rande der Terrasse lag. Dann legte er die Büchse auf den Stein und blickte mit dem rechten Auge über den Lauf hin nach der Straße. Sein Pferd blieb ruhig neben ihm stehen, scharrte mit dem Hufe und legte die Ohren an, als ob es den Schuß und das Fallen eines erlegten Tieres erwarte. Dem Beispiel des Baas van der Goot folgend zerstreuten sich die Buern, und nach kurzer Zeit war der ganze die Straße beherrschende Bergeshang mit Männern besetzt, die in guter Deckung hinter Steinen lagen und ihre Pferde neben sich stehen hatten.

Pieter Maritz hatte sich dicht neben dem alten Führer niedergelegt, da der schützende Felsblock Raum für zwei Männer bot, und erwartete das Erscheinen der Engländer in ungewohnter Bewegung. Denn der Feind, auf den er nun schießen wollte, war nicht von schwarzer Farbe, gehörte nicht einer fremden Rasse an, sondern es waren Truppen, unter denen er selber gedient hatte. Es kam ihm fast so vor, als sollte er mit Brüdern kämpfen. Aber er gedachte des Augenblickes, wo sein Freund, Lord Adolphus Fitzherbert, ihn gefangen genommen hatte, weil der Dienst es erforderte, und er erinnerte sich des eigenen Dienstes, der eigenen Pflicht. Er gedachte des Gefängnisses in Kimberley, er gedachte seines sterbenden Vaters und endlich des bedrängten, um seine Freiheit ringenden Vaterlandes. Es war ihm wunderlich zu Mute, als er sich umsah und im weiten Halbkreise an den Höhen hin die Buernreiter ihre Kampflinie bilden sah, um die herankommende englische Armee tödlich zu umfassen. Es war ihm ganz anders zu Mute, als während seines Rekognoszierungsrittes. Denn obwohl er damals auch auf Kampf und Blutvergießen gefaßt gewesen war, so hatte ihn doch hauptsächlich die Lust zu einem kühnen Streiche und die Begierde, den Feind zu beobachten, getrieben, und er war in steter Bewegung gewesen. Heute aber lag er kalten Blutes still und wartend im Hinterhalte und wußte, daß es ein heißes Gefecht geben würde. Jeden Augenblick konnten die Rotröcke dort unten erscheinen, und dann würde er töten. Er sah über die Höhen und Thäler hin, die jetzt so friedlich in der Morgensonne dalagen. Die sanft geschwungenen Bergeslinien im Hintergrunde säumten eine herrliche Gebirgslandschaft ein, in welcher Licht und Schatten anmutige Abwechselung hervorriefen. Dunkel lagen die Tiefen zur linken Hand, wohin die Sonne nicht drang, und goldig grün breiteten sich rechts die grasbewachsenen Hänge aus, welche nach Osten gerichtet waren. Ein zarter blauer Dunst lag auf den düsteren Waldungen. Bald mußte Pulverrauch durch diese Thäler wehen und das Echo der Höhen vom Schall der Schüsse widerhallen.

Der Feind erschien. An der Biegung der Landstraße, welche von hier oben zu übersehen war, zeigten sich jetzt zwei Reitergestalten, denen in wenig Sekunden eine dritte folgte. Es waren Dragoner in roten Röcken und mit weißen Helmen, den Karabiner auf den rechten Schenkel gestützt. Einer ritt am rechten, der andere am linken Rande der Straße, und der dritte folgte den beiden in der Mitte.

»Pieter Maritz,« sagte jetzt Baas van der Goot, »siehst du die Engländer?«