»Ja wohl, Baas,« antwortete Pieter Maritz.

»Es sind gerade sechshundert Schritte, wie ich rechne,« sagte Baas van der Goot. »Nimm du den auf der rechten, ich nehme den auf der linken Seite. Aber bedenke, mein Junge, daß es Christen sind. Schieße auf den Kopf, daß sie nicht so lange leiden.«

Beim letzten Worte, welches der alte Mann sprach, blitzte das Feuer aus der Mündung seiner Büchse auf, und in demselben Augenblicke stürzte der Dragoner, den er sich zum Ziel genommen hatte, wie vom Blitz getroffen, jäh zur Erde nieder. Jetzt drückte auch Pieter Maritz ab, und der zweite Dragoner ließ den Karabiner fallen, schwankte einen Augenblick im Sattel und fiel dann häuptlings auf die Straße. Erschreckt wandte der dritte sein Pferd und wollte fliehen, da krachte noch ein Schuß rechts neben Pieter Maritz. Der Oheim Klaas lag dort hinter einem Steine und hatte geschossen. Auch der dritte Dragoner, der bereits den Rücken gewandt hatte, räumte jetzt den Sattel, und drei rote Flecke lagen nun unbeweglich auf der hellen Straße, während drei ledige Pferde nach verschiedenen Seiten davonliefen. Langsam rollte der Schall der Schüsse, von Berg zu Berg geworfen, dahin, bis er in der Ferne erstarb, dann war alles wieder still.

Doch bald darauf war der Ton von Hörnern und Trommelschlag zu vernehmen. Die Engländer waren auf die Nähe des Feindes aufmerksam geworden, obwohl sie ihn nicht sahen. Nach wenigen Minuten erschienen einzelne rote Punkte in der Ferne seitwärts der Straße, Tirailleurs, welche von der Vorhut ausgeschickt wurden, um die feindlichen Schützen zu vertreiben. Sie kletterten zu beiden Seiten des Passes herum und suchten nach einem Ziel für ihre Gewehre. Aber sie sahen nichts. Überall lagen die Buern in guten Deckungen und ließen den Feind näher kommen, um ihn desto sicherer fassen zu können.

Der roten beweglichen Punkte wurden mehr und mehr, und nun erschien auch auf der Straße selbst, wo die Dragoner gefallen waren, eine kleine geschlossene Abteilung Infanterie. Da krachten von neuem einzelne Schüsse von der Terrasse. Der Offizier, welcher der kleinen Abteilung voranging, blieb stehen, der Säbel entsank seiner Hand, und dann stürzte der Mann vorwärts auf das Gesicht nieder. Nach ihm stürzte der Unteroffizier, kenntlich an den Streifen auf dem Ärmel, und dann fielen zwei der Soldaten zu Boden. Der Trupp machte Halt, doch war er schon in Verwirrung, da die Führer gefallen waren und da nur so wenige Schüsse, und doch ein jeder tödlich, in ihre Reihen getroffen hatten. Es war der Haltung der Soldaten anzumerken, daß sie sich wie ein Rudel Wild vorkamen. Sie feuerten geradeaus ihre Gewehre ab, und dann eilten sie zurück. Noch zweimal krachte es von der Höhe, während sie liefen, und noch zwei Leute blieben auf der Straße liegen. Währenddessen fingen die englischen Tirailleurs zu beiden Seiten des Passes heftig zu feuern an, und zahlreich stiegen die Pulverwölkchen auf. Ihnen antworteten Schüsse von den umliegenden Bergen her, und Pieter Maritz sah nun fast die gesamte umfassende Linie der Buernschützen sich durch die kleinen grauen Wolken an den Hängen kennzeichnen.

So stand das Gefecht wohl eine Viertelstunde lang. Von den Engländern war während dieser Zeit auf dem Platze, wo Pieter Maritz lag, nur wenig zu sehen, nur die Schützen, welche sich mit den ganz versteckt liegenden Buern herumschossen, zeigten sich. Doch glaubte Pieter Maritz trotz der weiten Entfernung wahrzunehmen, daß das Feuer auf englischer Seite erlahme, indem der Schützen immer weniger würden. Da kam plötzlich lebhafte Bewegung in die Scene. General Colley mußte seine Hauptmacht herangezogen und gewaltsames Vordringen befohlen haben. Auf der Straße im Passe erschienen jetzt im vollen Laufe gegen hundert Infanteristen. Sie liefen vor und zerstreuten sich dann zu beiden Seiten des Weges, indem sie sich bemühten, im Grase, hinter Bäumen, Sträuchern und Steinen Schutz zu finden. Ihnen folgte ein höherer Offizier zu Pferde, den mehrere andere berittene Offiziere begleiteten, und hinter diesen kamen in schnellster Gangart die vier leichten Berggeschütze, ein jedes von sechs Maultieren gezogen. Der kommandierende Offizier, den Pieter Maritz an der Uniform und den Bewegungen als den Oberst Deane erkannte, wies der Artillerie die Plätze für ihre Kanonen an, und alsbald fuhren diese seitwärts der Straße auf. Die Geschütze wurden von den Protzen gehoben und auf den vorliegenden Berghang gerichtet, während die Protzen von den Maultieren zurückgezogen wurden. Die Infanterie richtete währenddessen ein heftiges Feuer auf die Stellen, wo der Feind vermutet wurde, und mehrere Kugeln pfiffen über die Terrasse hin, wo Pieter Maritz lag.

Aber es ward ein schlimmes Spiel für die Engländer. Die Buern sahen sich eine kurze Zeitlang an, was der Feind dort unten trieb, und sie schienen das Auffahren der Artillerie mit einer gewissen Neugierde, als eine ungewohnte neue Erscheinung zu verfolgen. Dann aber fingen sie ihr ruhiges, überlegtes Feuern an. Der alte Baas van der Goot rückte den Hut über dem linken Ohre zurecht, so daß ihm die höher steigende Sonne nicht aufs Visier scheinen könnte, und dann zielte er bedächtig auf den befehlführenden Offizier. Als er abdrückte, entsanken dem Oberst Deane die Zügel, und er beugte sich rückwärts bis auf die Kruppe seines Pferdes nieder. Eilig kamen zwei Offiziere herbei, um ihn zu stützen, aber indem sie noch beim Absteigen waren, fielen sie getroffen nieder, und der Oberst selbst stürzte nun schwer wie ein Sack auf die Straße hin. Schuß auf Schuß kam vom Berge her, und eine schreckliche Verwirrung bemächtigte sich der Engländer, denn nach wenigen Minuten stand kein Offizier dort unten mehr auf seinen Füßen oder saß im Sattel. Die reiterlosen Pferde liefen wie toll umher und rannten zwischen die Schützen und die Bedienung der Geschütze.

Trotzdem hielten die Engländer stand. Die wackeren Artilleristen führten ihre Bewegungen auch ohne Kommando aus, und sie zielten gut, denn jetzt, als der erste Kanonenschuß mit mächtigem Dröhnen das Echo der Drakensberge weckte, sauste es mit hohlem Tone dicht über Pieter Maritz' Kopf, und ein schweres Geschoß schlug hinter ihm in die Bergwand ein. Dann folgte noch ein Kanonenschuß und dann noch einer. Aber weiter kam die Artillerie nicht. Pieter Maritz nahm den Mann aufs Korn, der das vierte Geschütz abfeuern wollte, und indem derselbe eben an der Schnur des Zünders ziehen wollte, traf ihn die Büchsenkugel, und er stürzte neben dem Rade der Kanone nieder. Und nun kam kein Engländer mehr zum Laden und Abfeuern der Kanonen. Die Buern schossen ruhig wie auf der Jagd. Wo sich ein Mann mit einem Geschoß aus der Protze näherte oder sonst sich mit einem der Geschütze zu thun machen wollte, da holte ihn eine Kugel weg. Vergeblich schossen die Infanteristen, welche der Artillerie zur Bedeckung dienten. Sie sahen keinen Feind, sondern hatten nur ein unbestimmtes Ziel an den Stellen, wo die Schüsse blitzten und der Pulverdampf sich erhob. Wohl streiften Gewehrkugeln die Steine, hinter denen die Buern lagen, und manches bleierne Geschoß schlug sich an den Felsen ringsum platt, aber von den Buern wurde keiner getroffen. Nicht einmal ein Pferd wurde getroffen, denn Baas van der Goot hatte, nachdem die ersten Angreifer zurückgetrieben worden waren, in Voraussicht eines ernsten Kampfes die Pferde an einen sicheren Platz mehrere hundert Schritte rückwärts führen lassen.

Während aber die englische Infanterie immer heftiger und unruhiger wurde, ohne Offiziere war und in Furcht und Bestürzung vor dem furchtbaren Feinde ins Blaue schoß, holte Kugel nach Kugel der Buern, sorgfältig gezielt, einen Mann nach dem andern aus ihren Reihen heraus. Dieser ungleiche Kampf dauerte nicht lange. Die noch überlebenden Artilleristen holten die Protzen herbei, befestigten die Geschütze und peitschten auf die Maultiere. In wilder Flucht eilten sie zurück, und bald war die Artillerie hinter der Biegung des Weges verschwunden. Ihnen folgte in wirrem Haufen die Infanterie. So tapfer und so zäh auch die englischen Truppen waren, dieses langsame Feuer des Feindes, wobei fast kein Schuß fehlzugehen schien, erfüllte sie mit Entsetzen. Sie konnten es nicht länger ertragen, Zielpunkte für unsichtbare Schützen zu sein, die auf so weite Entfernungen so sicher trafen. Kaum zwanzig Minuten, nachdem sie erschienen waren, verschwanden Artillerie und Infanterie wieder, zahlreiche Leiber von Toten und Verwundeten bedeckten die Kampfstätte, und alles ward wieder ruhig, bis auf einzelne Schüsse seitwärts des Passes.

Baas van der Goot erhob sich aus seiner Lage hinter dem Felsblock und reckte die steif gewordenen Glieder, auch Pieter Maritz stand auf, ebenso sein Oheim Klaas, und eine Gruppe von Buern, die zerstreut gelegen hatten, kam zusammen. Die Männer blickten hinab auf die Stätte, wo die Engländer gekämpft hatten.