»Es sieht so aus, als ob der Engländer aufbräche,« meldete der Buer, nachdem er sein schnaubendes Pferd angehalten hatte, »und ich bin auf Jouberts Geheiß von drüben weggeritten, um euch zu suchen und euch das mitzuteilen. Es ist seit Anbruch des Tages Bewegung im englischen Lager, und ein Mann, der nahe hinangeschlichen ist, hat gesehen, daß die Wagen gepackt wurden. Baas Joubert meint, daß die Engländer rückwärts nach Newcastle ziehen wollten. Er denkt, sie wollten vielleicht dem General Wood entgegengehen und sich mit ihm vereinigen, vielleicht aber, so meinte er, wäre ihnen auch nur der Boden dort bei Hatleys Hotel zu heiß geworden. Nun läßt Joubert euch sagen, ihr möchtet aufpassen.«
»Es ist gut,« sagte Baas van der Goot mit grimmiger Miene. »Wir wollen General Colley nicht ungeschoren durchlassen. Paßt ihr nur auf, daß ihr kommt, wenn ihr hier schießen hört, damit wir ihn zugleich von allen Seiten fassen können. Und nun trinkt einmal, Neffe, ehe Ihr zurückreitet; Ihr müßt flink gewesen sein.«
Der Buer nahm die ihm gebotene Flasche, that einen langen Zug und wandte dann sein Pferd, um mit derselben Schnelligkeit, mit der er gekommen war, zurückzukehren.
»Nun hört, ihr Leute,« sagte Baas van der Goot, indem er sich zu seinen Gefährten wandte, »ich will einmal ausreiten und selber sehen, was der Engländer treibt. Zwanzig Mann sollen mit mir gehen, und die andern bleiben hier.« Darauf bezeichnete der alte Mann die Leute, welche mit ihm reiten sollten, und diese stiegen von neuem mit ihm zu Pferde. Auch Pieter Maritz war unter ihnen. Der kleine Trupp ritt in der ungefähren Richtung aus, in welcher er gekommen war, nur weiter nach rechts und näher der Straße, auf welcher die Engländer mit ihren Geschützen und Wagen kommen mußten, wenn sie wirklich die Absicht hatten, nach Newcastle zurückzumarschieren.
Inzwischen war der Tag weiter vorgerückt, und der Himmel klärte sich immer mehr auf. Während bis jetzt nur einige Lichtblicke und kurzer Sonnenschein den Nebel durchbrochen hatten, zog sich jetzt unter dem Hauch eines westlichen Windes der Dampf aus den Niederungen immer mehr von den runden Kuppen hinweg und zerflatterte; die fast überall unbewaldeten, doch mit Gras und Gestrüpp grün bekleideten Höhen zeichneten sich in deutlichen Linien ab, und nur in den engeren Thälern saß der graue Nebel noch fest. Die Buernreiter ritten weit zerstreut in langer Kette, nur um den Führer in der Mitte waren acht bis zehn Mann zusammengeblieben, die andern schweiften nach beiden Seiten hin, um möglichst weite Umsicht zu haben. So kamen die Buern wieder an den Wasserlauf, den sie heute schon durchritten hatten, doch diesmal weiter nach unten zu, wo beide Flüßchen sich schon zu einem Flusse, dem Ingogo, vereinigt hatten. Hier machte der Ingogo eine weite Biegung, und inmitten der Biegung war eine steinerne Brücke erbaut, über welche die Landstraße führte.
Die Buern vermieden die Brücke, ließen sie mehrere hundert Schritte weit rechts liegen und trieben ihre Pferde durch das Wasser, welches nur wenige Fuß tief war. Das Thal des Ingogo war hier zu einer ziemlich schmalen Schlucht verengert, und hier umhüllte der Nebel noch dicht und schwer die Hänge und einzelnen Steine und Felsblöcke der zerklüfteten Einsenkung.
Pieter Maritz war am weitesten von allen auf dem rechten Flügel, und er hatte soeben das Wasser und die Schlucht passiert, als es ihm so vorkam, als höre er Pferdegetrappel auf der Landstraße. Er trieb Jager vorwärts, näher an die Straße hin, welche hier gleichfalls noch in Nebel gehüllt war, als er plötzlich das Blitzen von Waffen und den Schein roter Röcke dicht vor sich gewahrte. In diesem Augenblicke strich auch ein Windstoß aus der Ingogoschlucht hervor, zerriß den Nebel, und nun sah er eine Abteilung von wohl vierzig Dragonern vor sich, die teilweise auf der Straße, teilweise aber daneben ritten, so daß sie in der nächsten Minute gerade auf die Buern stoßen mußten, die in der entgegengesetzten Richtung ankamen. Pieter Maritz zog unwillkürlich die Zügel an und stieß einen lauten Warnungsruf aus, den seine Landsleute hören mußten, zugleich aber vernahm er einen mit zorniger Stimme gegebenen Befehl auf seiten der Dragoner.
»Drauf auf die verdammten Buern! Zum Angriff!« rief diese Stimme, und Pieter Maritz sah den Lord Adolphus Fitzherbert mit hoch geschwungenem Pallasch heranstürmen. Der Lord ritt den großen, dem Buernsohne wohlbekannten Rappen.
Das Zusammentreffen der beiden feindlichen Reiterabteilungen war so plötzlich und unerwartet gekommen, daß schon in derselben Minute, wo sie einander sahen, eine Scene des wildesten Tumultes entstand. Bei den Buern ging die erste instinktive Bewegung dahin, ihre Pferde anzuhalten, abzuspringen und zu schießen. Aber die Dragoner waren schon so nahe und kamen so heftig heran, daß niemand von den Buern dazu kam, diese ihnen natürliche und gewohnte Kampfweise in Anwendung zu bringen. Zwei Buern feuerten vom Sattel aus, und zwei von den Dragonern stürzten vom Pferde, aber dies waren die einzigen Schüsse, welche abgefeuert wurden, die roten Uniformen und die dunklen Blusen waren alsbald in einem wirren Knäuel durcheinander gemischt. Angesichts der Überzahl der Feinde und ganz unbekannt mit dem Reiterkampf, auch ohne blanke Waffe, mit der sie den Pallaschhieben der Dragoner hätten begegnen können, drehten die meisten Buern schnell ihre Pferde und jagten zu der Schlucht und dem Flusse zurück, um ihr Heil in der Flucht zu suchen, nur wenige suchten ihre Büchsen zu gebrauchen, indem sie die Hiebe mit dem Lauf parierten oder mit dem Kolben schlugen. Mehrere Buern erhielten in diesem Getümmel schwere Wunden und mußten den Sattel räumen, und in wirrem Getümmel trieb die ganze Masse der Reiter zum Ingogo hinunter und in das Wasser. Bei diesem Hinabklettern an dem Hange der Schlucht und dem Übersetzen des Flusses nun kamen die Pferde der Buern, welche an dergleichen Dinge gewöhnt waren, in Vorteil. Die meisten Buern waren schon jenseits wieder hinauf und galoppierten zurück, während die Pferde der Dragoner noch in der Schlucht herumkletterten. Mehrere Dragoner nahmen nun, da sie den schnellen Feind nicht anders erreichen zu können glaubten, ihre Karabiner zur Hand und schossen hinter den Flüchtigen her.
Pieter Maritz hatte gleich seinen Landsleuten, so sauer es ihm auch ankam, sein Pferd zur Flucht gewandt, da er sich sonst einer erdrückenden Überzahl gegenüber befunden haben würde. Doch hatte er sein Schwert gezogen, das ihm heute gut zu statten kam, und parierte die Hiebe eines Dragoners, der sich an ihn herandrängte. Er kam glücklich zum Flusse hinunter und ließ Jager soeben den jenseitigen Hang hinansteigen, als er beim Umblicken eine Scene sah, die ihn veranlaßte, zu halten. Mitten im Flusse war ein Trupp von etwa sechs Buern im Handgemenge mit ungefähr ebenso vielen Dragonern, und in der Mitte der Kämpfenden erblickte der Buernsohn den Baas van der Goot. Der alte Mann war nur widerwillig gewichen, und er hatte die Büchse in der rechten Hand, um sich ihrer als Keule zu bedienen. Er schlug mit dem schweren Kolben wütend um sich und hielt sich wacker zwei Dragoner vom Leibe. Da kam ein neuer Feind auf ihn los und griff ihn an. Pieter Maritz erkannte in diesem den alten Wachtmeister, den er zuerst in Botschabelo und später oft im Zulukriege gesehen hatte. Schon damals in Botschabelo war ihm dieser durch seine kriegerische Erscheinung aufgefallen, die ihn vor den jüngeren und schwächeren Soldaten der Königin auszeichnete, und als er jetzt sein großes braunes Pferd gegen den Buernführer antrieb, sah Pieter Maritz mit Besorgnis dem Ausgang des Kampfes entgegen. Der Wachtmeister war breitschulterig und groß gleich dem Buern, sein von der afrikanischen Sonne gebräuntes kriegerisches Gesicht trug den Ausdruck grimmigen Zornes, und es war ihm anzusehen, wie sehr die Niederlage der britischen Truppen gegenüber den verachteten Buern ihn erbittert und seine Kampflust geschärft hatte. Doch traf er auf keinen verächtlichen Feind, denn der Baas van der Goot hatte noch zähe Kraft in seinen mächtigen Gliedern, obwohl ihm der Bart schneeweiß auf die Brust herabhing. Der Engländer führte einen Hieb mit seinem Pallasch, der dem Baas den Kopf spalten sollte, aber dieser hob schnell die Büchse, und die scharfe Waffe glitt an dem Lauf ab. Doch der Buer mochte fühlen, daß er mit seiner Waffe im Nachteil sei. Er warf die Büchse hin, so daß sie klatschend in das Wasser fiel, und packte den Wachtmeister, der ihm in unmittelbarer Nähe gegenüber war, mit der rechten Hand an dem Bandelier, um ihn vom Pferde zu reißen. Von dieser starken Hand erfaßt, vermochte der Wachtmeister, der im Sattel schwankte, keinen zweiten sicheren Hieb zu thun. Er ließ den Pallasch am Handgelenk baumeln und griff mit beiden Händen nach des Buern Halse. Aber Baas van der Goot schwang sich behende aus dem Sattel und sprang in das Wasser hinab, das ihm bis an die Kniee spülte. Der Wachtmeister, den er fest gepackt hielt, mußte mit hinab, und nun hielten sich beide Männer, im Wasser stehend, in wütendem Ringen mit den Armen umschlungen. Einen Augenblick schien es, als ob der jüngere Mann den älteren werfen würde. Unter dem Griffe des Engländers an seinem Halse bog der Baas sich rückwärts, und schon fürchtete Pieter Maritz, ihn fallen zu sehen. Aber der Buernführer bog sich nur, um von diesem Griffe frei zu werden, und indem er nun den Wachtmeister mit der Linken vor die Brust faßte, stieß er ihn zurück. Noch einmal umschlangen sie sich mit den Armen, preßten Brust an Brust und standen wie festgewurzelt mit den Füßen auf dem kiesigen Bett des Flusses, während ihre Oberkörper schwankten. Kein Laut kam von ihren Lippen, aber ihre funkelnden Augen sprachen beredt von ihrer Kampfeswut. Dem Baas war der Hut vom Kopfe gefallen, und sein weißes Haupt glänzte. Der Nebel hatte sich jetzt völlig verzogen, die Sonne strahlte herab und ließ jede Einzelheit des erbitterten Kampfes deutlich wahrnehmen. Die Pferde beider Kämpfer waren an der Stelle stehen geblieben, wo ihre Reiter sie verlassen hatten, und standen dicht neben ihnen. Für eine Minute schien der allgemeine Streit sich in einen Zweikampf zwischen diesen beiden erprobten Kriegern verwandelt zu haben, welche beide als Vorbilder der männlichen Tüchtigkeit ihres Volkes gelten konnten. Keiner wagte sich in ihren Streit einzumischen, sondern während der kurzen Dauer dieses Ringens sahen die in der Nähe befindlichen Dragoner und Buern voll atemloser Spannung zu. Doch bald kam die Entscheidung. Die zähe Ausdauer des alten Buern trug den Sieg über die weniger abgehärteten Muskeln und Sehnen des Engländers davon. Mit einem gewaltigen Ruck machte der Baas seine linke Hand frei, während er mit der rechten noch den Gegner hielt, zog das Weidmesser an seiner linken Hüfte aus der Scheide und stieß die breite, scharfe Klinge dem Engländer in den Leib. Mit einem wilden Schrei ließ der Wachtmeister los, breitete die Arme aus und stürzte vorwärts nieder in das Wasser, wo sein Körper alsbald verschwand, während ein roter Fleck über demselben auf der Oberfläche des Flusses erschien. Schon setzte Baas van der Goot nun den Fuß in den Steigbügel, um davonzureiten, als auch ihn das Schicksal ereilte.