Der Knabe zuckte die Achseln. »Ich würde es nicht sagen können,« erwiderte er. »Die Zulus sind fort, und ich sollte sie doch überwachen. Ich werde nie wieder heimkehren.«
Der Missionar bemühte sich, den Knaben auf andere Gedanken zu bringen. Er sprach davon, daß Baas van der Goot nichts Unmögliches verlangt haben könne, er versprach dem Knaben ein Schreiben mitzugeben, worin berichtet würde, auf welche Weise die Zulus verschwunden seien, er ermahnte den Knaben, lieber selbst eine Strafe auf sich zu nehmen als sich in falscher Scham trotzig zu verbeißen. Aber es war alles umsonst. Pieter Maritz hörte ruhig zu, aber schüttelte nur den Kopf und blieb bei seinem Vorsatz.
»Behaltet mich bei Euch, Mynheer,« sagte er zuletzt. »Euch habe ich gern, und bei Euch möchte ich bleiben. Vielleicht findet sich eine Gelegenheit für mich, meinem Vaterlande einen Dienst zu erweisen, der meinen Fehler wieder gut macht. Dann kann ich zurückkehren, sonst aber will ich es nicht.«
Der Missionar gab es auf, weiter in ihn zu dringen. »Dieser Knabe hat einen eisernen Kopf,« sagte er sich, »und je mehr Widerstand er findet, desto mehr besteht er auf seinem Willen. Aber er wird sich besinnen, wenn die erste Aufregung vorüber ist und sein Gemüt wieder ruhig wird.«
»Bedenke nur eins, Pieter Maritz,« sprach er zuletzt, »das Leid, welches dem Menschen aus seinem eigenen trotzigen und doch verzagten Herzen entsteht, ist größer als alles Leid, welches die göttlichen Fügungen über ihn verhängen.«
Damit wandte sich der Missionar zu Christian, der jetzt mit den ersten der wiedergefundenen Ochsen zurückkam, Pieter Maritz aber stieg in den Sattel und ritt aus, um den Schwarzen zu helfen. Die Ochsen waren weit verstreut, und es war ein schreckhaftes Wesen in sie gefahren. Sie waren nicht wie sonst in einem Trupp vereint, um auf die Ankunft der Schwarzen ruhig zu warten, sondern sie liefen unruhig zu zweien und dreien umher und scheuten bei dem Herannahen der Menschen. Denn während der Nacht waren wilde Tiere zwischen sie gefallen, und zwei von ihnen konnten überhaupt nicht aufgefunden werden, von zwei andern aber lagen die traurigen Überbleibsel, abgenagte Knochen und die Köpfe mit den Hörnern, auf dem Sande.
Als der um vier Häupter verringerte Zug endlich angeschirrt war, ließ der Missionar die Richtung vom vergangenen Tage wieder einschlagen, und Pieter Maritz, der bis jetzt hinterher geritten war, nahm von nun an die Spitze und führte. Nach einer Stunde Weges fing die Landschaft an, belebter und schöner zu werden, Ansiedelungen von Menschen zeigten sich, und zwischen Waldstücken und den von der Natur allein angelegten Blumengärten tauchten bebaute Felder, auf denen Kaffee, Zucker, Baumwolle, Reis, Mais und Weizen gezogen wurden, und hier und da zerstreute Häuser auf. Man war im Kreise Lydenburg zwischen den Flüssen, die sich in den Elefantenfluß ergießen, und Feldwege, welche auf häufigern menschlichen Verkehr hindeuteten, erleichterten die Reise.
Gegen Abend näherte sich der Zug einem großen Gehöft, wo der Missionar die Nacht über zu bleiben beschloß. Mehrere niedrige Häuser standen hier inmitten einer weiten grünen Fläche, welche von vielen kleinen Bächen durchrieselt wurde. Diese Bäche, welche Felder und Gärten bewässerten, waren von Menschenhand angelegt, indem ein nahes Flüßchen durch einen Querdamm angestaut und seitwärts in künstlich gegrabene Betten geleitet worden war. Mauern aus übereinander getürmten Bruchsteinen umgaben die Gärten, aus denen goldfarbige Orangen in glänzendem, lederartigem Laubwerk schimmerten. Innerhalb von Zäunen weidete zahlreiches Vieh, und die Gestalten schwarzer Knechte wandelten umher.
Pieter Maritz ritt dem Wagen voraus, gerade auf das Wohnhaus zu, welches weiß getüncht mit dem schnörkelig verzierten Vordergiebel aus dem Fruchtgarten hervorblickte und vornehm abstach von den länglichen Lehmhütten der farbigen Dienstleute. Als sie näher kamen, öffnete sich die Hausthür, und ein Mann trat heraus. Er war groß und breit, sein Bart war grau, und im Munde hatte er eine kurze Thonpfeife. Er lehnte sich, die Hände in den Taschen seiner derben Lederhosen, an den Pfosten seiner Thür und musterte die Ankömmlinge.
»Guten Tag, Oheim!« rief der Knabe nach der Sitte des Landes.