[Neuntes Kapitel]
Morimo
Der Abhang war so steil, daß die Gefangenen nur mit Mühe den eilig voranschreitenden Kriegern folgen konnten. Denn da ihre Hände gefesselt auf dem Rücken lagen, konnten sie weder zu ihrer Stütze die Zweige der Büsche erfassen, noch auch nur durch die Bewegung der Arme das Gleichgewicht des Körpers erhalten; dazu wurden sie durch ihre Stiefel gehindert. Mehr als einmal waren sie dem Sturze nahe, während die Schwarzen vor ihnen mit ihren nackten Beinen und Füßen so leicht wie Springböcke hinabeilten. Der Zwischenraum, der die Gefangenen von der Spitze des Trupps trennte, ward immer größer, und mehrmals mußten die sie begleitenden Speerträger sie stützen oder vorwärts ziehen.
»Könnte ich doch nur ein Zeichen geben!« stöhnte Pieter Maritz schmerzlich. »Titus Afrikaner führt seine Schützen den Buern in den Rücken. Aber wenn ich auch mein Leben opfern und laut rufen wollte, so würde es doch nichts nützen. Die Buern würden es nicht hören, denn sie sind zu weit entfernt, und wenn wir erst nahe genug sein werden, dann ist es zu spät, denn dann können die Räuber auch schon schießen.«
Aber während der Knabe noch so sprach, fühlte er, daß unter dem beständigen, teils unabsichtlichen Zerren seiner Hände an den fesselnden Bastseilen diese Fessel sich lockerte. Er that einen kräftigen Ruck, und seine starken, harten Hände hatten den letzten Halt zerrissen und waren frei. Ohne sich zu besinnen, ohne an die Gefahr für ihn selbst zu denken, steckte er zwei Finger in den Mund und ließ mit voller Macht seiner Lungen einen langhin gezogenen gellenden Pfiff erschallen. Der Ton durchschnitt weithin die Luft, und es war, als läge eine warnende Bedeutung in dem langsam ersterbenden Klange.
Augenblicklich erfaßten die Fäuste der Begleiter seine Schultern, er fühlte sich niedergeworfen, und die Assagaispitzen blitzten toddrohend über ihm in der Luft. Aber der junge Engländer ließ ihn in diesem gefährlichen Augenblick nicht im Stich. Er that, was er thun konnte. Da er sich einen Schritt zurück und auf einem höheren Standpunkte befand, gab er dem einen der Schwarzen einen kräftigen Tritt mit seinem Reiterstiefel in die Rippen. Er stürzte selbst dabei hin, aber im Fallen riß er noch den andern Schwarzen mit sich, und für einige Sekunden rollten alle vier zwischen den Büschen am Boden hin. Aber die Schwarzen waren schnell wieder auf den Füßen und hätten nun sicherlich beiden Gefangenen den Garaus gemacht, wenn nicht das Zischen der Cobra aufs neue sich hätte hören lassen und gleich darauf die dunkle Gestalt des Titus Afrikaner selbst erschienen wäre. Gleich dem Tiger kam der Häuptling in weiten Sätzen herauf. Er winkte mit der Hand, und die Schwarzen ließen von ihrem Angriff ab. Ein böses Lächeln lag auf dem Gesicht des Häuptlings. »Der Tod soll euch nicht so schnell und leicht kommen,« sagte er zu den Gefangenen, und dann wandte er sich zu den beiden Schwarzen und gab ihnen einen Befehl in der eigenen Sprache.
Diese rissen alsbald von dem zerfetzten Rockschoße des Engländers zwei tüchtige Streifen ab, rollten sie zusammen und stopften sie den Gefangenen in den Mund. Dann banden sie Pieter Maritz von neuem, und der für einige Minuten ins Stocken gekommene Zug ging weiter, nachdem der Führer sich wieder in langen Sprüngen bergab an die Spitze gesetzt hatte.
Es währte nicht mehr lange, so war das Thal erreicht, und nun ward der Weg durch sehr unebenes Terrain in derselben Richtung, welche hinter die Schützenlinie der Buern führen mußte, fortgesetzt. Ein kleiner Bach ward überschritten, und die Gefangenen, welche sich so gern hinabgebeugt und ihre brennenden Lippen erfrischt hätten, mußten sich mit der Kühlung begnügen, die ihnen das um die Füße spülende Wasser gewährte. Sie wechselten Blicke stummer Verzweiflung miteinander. Dann ging es durch ein ziemlich dichtes niedriges Gehölz, in welchem viele große Steinblöcke umherlagen, die vielleicht einmal bei einer Erderschütterung von dem überragenden Berge abgebröckelt und herabgerollt waren. Das Schießen war längst verstummt. Kein anderer Laut als das leise Hinstreichen der Körper an den Büschen und der Schritt der Männer im trockenen, knisternden Grase war zu vernehmen.
Titus Afrikaner war voran, sein Gang war langsamer geworden, er schritt vorsichtig weiter, er spähte nach links und rechts. Er mußte seiner Berechnung nach jetzt nahe an der Stelle sein, von wo er die Gewehre seiner Krieger und das eigene Geschoß von der Seite und von hinten auf die Feinde lenken konnte. Nun sprang er mit der Gelenkigkeit des Raubtiers auf einen hohen Stein, um über die vorliegenden Büsche hinwegblicken zu können, und streckte den Hals.
Aber in dem Augenblick, wo er mit vorgeneigtem Kopfe auslugte, ward ein feines Pfeifen hörbar, eine der purpurn schimmernden Federn in dem Haarputz des Häuptlings stob davon, und gleich darauf war das scharfe Krachen eines Büchsenschusses zu vernehmen. Ein Wutgeheul brach aus des Führers Munde hervor und klang unter seinen Kriegern wieder. Die Buern hatten das Nahen des neuen Feindes gemerkt und eine andere Stellung eingenommen, um ihm Widerstand leisten zu können.
Titus Afrikaner schwang seine Büchse hoch in die Luft, zeigte nach vorwärts und stürzte sich in die Büsche. Hinter ihm liefen die andern Schwarzen, und auch die Gefangenen wurden mitgeschleppt. Nur etwa hundert Schritte aber ging es noch weiter. Denn jetzt lichtete sich das Gehölz, eine für den Überblick fast freie, von kleinen Einsenkungen durchzogene Ebene, in welcher auch Steinblöcke lagen und einzelne Büsche standen, dehnte sich vor den Angreifern aus. Pieter Maritz, hinter einem Baumstamm versteckt, konnte linker Hand in großer Entfernung den Saum des Waldes erkennen, aus welchem Fledermaus bei seinem ersten Angriff hervorgebrochen war, und schloß aus der Form, wie sich ihm das Land jetzt zeigte, daß er in der Nähe des Weges sei, auf welchem die Buern vorhin an dem Berge vorübergeritten waren. Doch war weder von den Buern noch von ihren Pferden etwas zu sehen. Der Knabe lächelte zufrieden und freute sich im Herzen. Er kannte die Fechtart seiner Landsleute, und die Büchsenkugel, welche des Häuptlings Kopf gestreift, hatte ihn beruhigt.