Seine Erwartungen wurden bald bestätigt. Unmutig und ungeduldig, auf den Feind zu stoßen, zauderte Titus Afrikaner nicht lange im Saume des Gehölzes. Er schickte zehn seiner Speerträger aus dem schützenden Dickicht hervor. In niedergeduckter Haltung, den Schild vor den Kopf haltend und den Speer in der Rechten, rannten diese Leute heraus und in die Ebene hinein. Aber sie kamen nicht weit. Alsbald tauchten kleine Rauchwölkchen aus dem Grase, hinter den Steinblöcken und hinter den Büschen auf, der Knall der Büchsen ertönte in der Nähe, vier von den Schwarzen stürzten zu Boden, und die übrigen rannten, in Entsetzen vor dem unsichtbaren Feinde, in das verbergende Gehölz zurück.

Den Gefangenen war es inzwischen gelungen, sich des Knebels in ihrem Munde durch wiederholte angestrengte Bewegungen der Kinnbacken zu entledigen, und ihre Wächter waren so sehr mit dem Betrachten des Kampfes beschäftigt, daß sie nicht darauf achteten. So konnten sie sich wenigstens unterhalten. Sie kauerten nebeneinander hinter den Stämmen zwei nahestehender Aloebäume und duckten sich in das Gras nieder, um nicht selbst irrtümlich eine Kugel zu bekommen.

»Wie sie tiraillieren können, diese Buern!« sagte der Lord, ganz in Staunen verloren. »Man sieht sie gar nicht. Noch keinen Hut habe ich erblicken können, und doch liegen sie keine dreihundert Schritte entfernt.«

»So nahe!« erwiderte Pieter Maritz. »O wenn ich denke, daß die Befreiung so nahe ist! Aber wenn wir aufsprängen und hinüberliefen, so möchten wir wohl sehr bald ein Ziel für beide Parteien werden, denn die Buern würden nicht gleich erkennen, wer wir wären, und die Räuber würden uns verfolgen.«

Der Lord nickte. »Und doch wäre es vielleicht klug, davonzulaufen,« sagte er, »denn dann wäre es rasch mit uns aus. So aber — doch es ist ein eigentümliches Gefühl, das mich zurückhält. Ich glaube, die Hoffnung stirbt erst, wenn man uns selbst getötet hat.«

Das Gespräch zwischen den beiden Gefangenen hatte inzwischen ihre Wächter aufmerksam gemacht, und diese mußten wohl auf denselben Gedanken gekommen sein, der jene bewegte. Sie nahmen biegsame Zweige von einer in der Nähe stehenden Weide und banden den Gefangenen die Füße zusammen.

Titus Afrikaner, voll Wut, daß sein Plan eines Überfalls gescheitert war, konnte jetzt seine Kampfbegierde nicht mehr mäßigen. Er winkte seinen gleich ihm mit Gewehren bewaffneten Leuten und drang mit ihnen vor. Aber nicht frei vorlaufend setzten sich diese auserwählten Krieger dem feindlichen Feuer aus, sondern sie krochen im Grase vorwärts, fast ganz flach liegend und dennoch stets schußbereit, mit den Knieen und Ellbogen sich weiterschiebend, während sie den Kolben des Gewehres in den Händen behielten. Die Buern auf der andern Seite mußten wohl die anhaltende Stille verdächtig finden, und auch sie konnten offenbar nichts mehr von ihrem Feinde sehen. Denn jetzt, während die Schwarzen im Grase heranschlichen, tauchte drüben, bald hier und bald da, ein dunkler Fleck auf, den Pieter Maritz als den Filzhut eines Buern erkannte und dem Lord zeigte.

Nun ertönte aus der dunklen Linie der sich am Boden hinbewegenden Krieger wiederum das Zischen der Schlange, und alsbald sprangen fünf bis sechs schwarze Gestalten in die Höhe, standen eine Sekunde lang aufrecht und lagen dann wieder auf dem Bauche. Wohl zehn Schüsse krachten, als die Gestalten sichtbar wurden, aber die Erscheinung derselben war so flüchtig, daß kein einziger Schuß traf. Die Schwarzen krochen weiter.

»Wenn Fledermaus auf der Militärakademie gewesen wäre,« sagte der Lord zu dem Knaben, »so würde er jetzt die Gelegenheit zu einem neuen Angriff benutzen. Er muß doch das Schießen hören und daraus merken, daß sein Bruder im Begriff ist, anzupacken.«

Kaum hatte der junge Offizier, der sich mit dem ganzen Eifer des Soldaten dem Schauspiel vor ihm hingab, diese Worte ausgesprochen, als sich ein wildes Geheul aus weiter Ferne hören ließ. Fledermaus hatte die Bedeutung des Augenblicks erkannt und brach mit seiner Schar von neuem aus dem Thale hervor; zu sehen war nichts von ihm, aber die Gefangenen erkannten das Geheul und vernahmen auch bald darauf Schüsse, welche ihnen zeigten, daß die Buern auch dort drüben auf ihrer Hut waren. Sie mußten sich geteilt haben und der eine Teil dem Ausgang des Thales gegenüber geblieben sein, während der andere Teil sich dorthin gewandt hatte, von wo das warnende Pfeifen erklungen war.