»Wenn die Buern so bald schon zurückgehen, können sie keine gefährlichen Feinde sein,« sagte der Engländer nachdenklich.
»O, es könnte auch der Fall eintreten, daß sie bis auf den letzten Mann kämpften,« erwiderte lebhaft der Knabe. »Es ist nicht Feigheit, daß sie den Kampf aufgeben, sondern das Blut der Männer ist bei uns zu wertvoll, um den Kaffern gegenüber vergossen zu werden. Kämpfen wir aber einmal mit den Engländern, so wird das ganz anders sein.«
»Das ist eine sehr freundliche Versicherung,« sagte der Lord lächelnd. »Aber wahrhaftig, Sie haben recht, mein junger holländischer Freund, die Buern ziehen ab.«
Der dunkle Haufen war näher gekommen und nun deutlich als ein starker Pferdetrupp zu erkennen. Doch hielt derselbe sich völlig außer Schußweite. Bald waren auch kleine Haufen von Männern zu sehen, die sich den Pferden näherten. Titus Afrikaner hatte diese Bewegung ebenfalls bemerkt, und er drang eiliger vorwärts. Aber noch zweimal sank einer seiner Begleiter, der sich unvorsichtig über dem Grase gezeigt hatte, erschossen zu Boden, und die kleinen Pulverwölkchen stiegen noch einzeln empor und zeigten an, daß die sich zurückziehenden Buern das Feld in ihrem Rücken scharf beobachteten. Die Schüsse entfernten sich aber mehr und mehr, nun sahen die Gefangenen den ganzen Reitertrupp in eiligem Laufe davonsprengen, und vergebens sandten Titus Afrikaner und seine Leute ihnen noch Kugeln nach.
Trüben Auges blickten die Gefangenen hinter dem Reitertrupp her, der in derselben Richtung, in welcher er gekommen war, wieder entschwand und immer kleiner und kleiner wurde. Der letzte Schimmer von Hoffnung drohte in ihrem Gemüt zu erlöschen. Aber sie blieben ihren Betrachtungen nicht lange überlassen. Die im Gehölz zurückgebliebenen Speerträger folgten jetzt dem weit voraus auf der Ebene befindlichen Führer, sie banden den Gefangenen die Füße los und nötigten sie mitzugehen.
Der Weg führte über die Stelle des Schützenkampfes, und mit tiefer Bewegung sah Pieter Maritz die Leichen zweier Buern ausgeplündert hinter den Deckungen liegen, von denen aus sie gefochten hatten. Dann ging es weiter, dem Titus Afrikaner nach, der sich vor dem Eingange des waldigen Thales mit seinem Bruder Fledermaus vereinigte. Siegesstolz blickten die Räuberfürsten auf ihre Kriegerschar. Wohl hatten sie an fünfzig Leute verloren gegen drei der Buern, aber der Feind, gegen den sie gekämpft hatten, war so gefürchtet, und der Weiße stand bei ihnen in solchem Ansehen, daß sie den eigenen Verlust für reichlich bezahlt mit dem des Gegners hielten. Dazu hatten sie das Schlachtfeld behauptet, ihre Beute behalten und fern von ihren Schlupfwinkeln den Sieg errungen. Ihre Schar mußte sich leicht wieder an Zahl ergänzen, da heimatloses Volk genug im Lande umherstreifte, von den Wohnsitzen seiner Väter vertrieben und bald von den Weißen, bald von feindlichen Stämmen der eigenen Rasse bekriegt.
Titus Afrikaner und Fledermaus versammelten ihre Krieger auf der mit Gras bewachsenen Ebene vor dem waldigen Thale und sorgten für ihre Verwundeten. Es gab deren nicht viele. Die meisten der Getroffenen hatten die Kugel in den Kopf oder in das Herz bekommen; diejenigen, welche Fleischwunden in Armen und Beinen hatten, liefen zum höchsten Erstaunen des Engländers mit einem leichten Verband herum, und nur die schwer Verwundeten wurden von einigen alten erfahrenen Kriegern sorgfältig behandelt. Diese wuschen ihnen die Wunden, ohne sich um die Kugel zu bekümmern, wenn sie tief saß, nähten das Loch zu und legten zerkaute Kräuter darauf.
Dann ließen die Häuptlinge, nachdem die Gewehre und Patronen der Gefallenen an die besten unter den Überlebenden verteilt worden waren, ein Mahl zurüsten. Auf ihrem Marsche durch den Wald hatten die Leute des Fledermaus Wild erlegt, und nun schleppten sie Holz zusammen, zündeten ein Feuer an, brieten Antilopen und Quaggas und holten in ihren Trinkflaschen Wasser herbei. Bald saß die ganze Schar fröhlich schwatzend beisammen, vergaß der Toten und schmauste nach Herzenslust. Auch die Gefangenen wurden hierbei nicht übergangen. Man band sie los, und ihre Wächter brachten ihnen Fleischstücke und Wasser.
»Welch ein gutmütiges Volk!« sagte der Engländer voll Staunen zu Pieter Maritz. »Sie sehen ihre Toten ringsum am Boden liegen und verschonen uns. Dieser schwarze Kerl, der mir Essen und Trinken bringt, hat noch den Eindruck meines Stiefelabsatzes auf der Brust, eine blutige Schramme in der schwarzen Haut. Und doch macht er sich nichts daraus und versorgt mich! Wäre die Sache umgekehrt, wären wir schwarz und von meinen Landsleuten gefangen, so möchte es uns wohl nicht so gut ergehen, und ich denke, die Buern springen auch anders mit ihren Gefangenen um.«
Der Knabe nickte. »Die Schepsels sind gut,« sagte er, »aber doch fürchte ich, sie werden noch ein übles Spiel mit uns spielen. Ich traue dem Titus Afrikaner nicht. Seht nur, Mynheer, wie oft er seine schlimmen Blicke nach uns herüberschießt. O, hätten wir doch unsere Pferde hier zur Hand!«