Die bösen Befürchtungen, welche er hegte, sollten nur zu bald in Erfüllung gehen. Als Titus Afrikaner gegessen hatte, näherte er sich den Gefangenen, neben ihm ging Fledermaus, und den Führern folgte ein dichter Haufen.
»Ihr habt nun gesehen, ihr weißen Jünglinge, daß vor der Macht unserer Waffen der Feind nicht standhält!« sagte Titus Afrikaner, indem er sich in die Brust warf und stolz auf die am Boden sitzenden Gefangenen hinabsah. »Verrat und Treulosigkeit können die Weißen üben, aber im Kampfe unterliegen sie. So auch du, Knabe, wolltest Verrat an uns üben und gabst den Buern ein Zeichen. Aber es half deinen Landsleuten nur wenig. — Meine tapferen Krieger,« rief er dann, sich umwendend, seiner Schar zu, »welche Strafe wollen wir über diese beiden verhängen? Welche Art, sie zu töten, wird euch das größte Vergnügen bereiten? Ich werde diesen jungen Leuten einen Speerwurf weit Vorsprung geben, damit sie versuchen können, davonzulaufen. Dann sollen die guten Schützen, welche heute den Feind besiegten, mit ihren Gewehren nach ihnen schießen. Das giebt eine lustige Jagd und wird das Herz der Helden erfreuen.«
Lautes jubelndes Geschrei antwortete der Rede des Häuptlings, Speere und Schilde wurden geschwungen, und Hunderte von funkelnden Augen richteten sich mordlustig auf die Gefangenen. Die mit Gewehren bewaffneten Leute drängten sich hervor und stellten sich neben den Häuptling, und dieser gab den Verurteilten einen Wink, sich zu erheben und davonzulaufen.
Der Engländer war totenbleich, aber sah den Häuptling mit verächtlichem Lächeln an. »Diese schwarzen Spitzbuben können uns umbringen,« sagte er zu dem Knaben, »aber sie sollen uns nicht laufen sehen. Ich gehe keinen Schritt von der Stelle.«
Damit kreuzte er die Arme über der Brust, legte sich der Länge nach im Grase nieder und schloß die Augen.
Pieter Maritz war aufgestanden und hatte die Hände über der Brust gefaltet. Er sah nicht auf die Schwarzen, sondern blickte zum Himmel empor. Seine Lippen bewegten sich, und leise sprach er ein Gebet, das ihn seine Mutter gelehrt hatte.
»Lauft, ihr Weißen, lauft!« rief der Häuptling wütend. »Lauft, oder ich werde euch mit Speerspitzen anstacheln lassen!«
Pieter Maritz bewegte sich nicht von der Stelle. Er betete weiter und erwartete den Tod. Auch der Lord bewegte sich nicht. Er biß die Zähne zusammen und hielt die Arme trotzig verschränkt. Die Gefangenen wollten sich nicht zum Spiel der wilden Feinde machen, sondern, ihrer Todeswunde entgegengehend, ihre Würde bis zuletzt behaupten. Und nun näherten sich mehrere der Schwarzen, die Assagaien in der Faust.
Aber in diesem Augenblick legte Fledermaus seine Hand auf des Bruders Arm und zeigte mit dem Finger zur Seite. Titus Afrikaner blickte in der bezeichneten Richtung und stieß einen Ruf der Überraschung aus. Auch die Schar um ihn her hielt in ihrem mörderischen Vorhaben inne und sah dorthin, wo eine neue Erscheinung die Aufmerksamkeit der Führer auf sich gezogen hatte. Die Bewegung unter den Schwarzen war so allgemein und gab sich so laut zu erkennen, daß auch die Gefangenen davon ergriffen wurden. Der Lord richtete sich in die Höhe, und Pieter Maritz wandte seine Gedanken vom jenseitigen Leben ab, hielt in seinem Gebet inne und blickte ebendorthin, wohin sich die Augen seiner Feinde richteten.
Was er nun sah, erfüllte ihn mit der höchsten Überraschung und zu gleicher Zeit mit Freude und mit Schrecken. Am Saume des Waldes kam von fern in gemütlicher Ruhe ein Wagen daher, der mit einer langen Reihe von Ochsen bespannt war. Die Tiere gingen in dem gewöhnlichen ruhigen Schritt mit vorgeneigten Stirnen im Joche, und drei schwarze Männer begleiteten sie.