Jetzt klang der scharfe Knall der langen Peitsche herüber, und das runde Zeltdach des Wagens schimmerte hell auf dem dunklen Hintergrunde des Waldes. Vor dem langen Zuge aber ritt ein Mann, den Pieter Maritz schon von weitem deutlich an seiner Haltung und an seinem weißen Barte erkannte. Es war der alte Missionar. Er richtete seinen Weg gerade auf die Kriegerschar der Räuberfürsten.
Das Erstaunen, welches das ruhige Herankommen des Ochsenwagens unter den Schwarzen hervorrief, war so groß, daß sie unter Fragen und Rufen unbeweglich dastanden und die Anwesenheit ihrer Gefangenen gänzlich vergessen zu haben schienen. Die Gegend, in welcher sie sich befanden, wurde niemals von Wagen besucht, denn sie war weit und breit als der Tummelplatz der Räuber bekannt und gemieden. Ja noch weit über diesen Teil der Drakensberge hinaus war der Schrecken des Titus Afrikaner verbreitet, und kein Weißer lenkte seinen Schritt freiwillig in diesen Landstrich. Nur die bewaffneten Kommandos der Buern drangen wohl, wie auch heute geschehen war, in diese Thäler ein, um ihre Kraft mit der der kühnen Viehräuber und Mordbrenner aus den Bergen zu messen.
Der Wagen kam näher und näher, das Knarren der schweren Räder und das Schnaufen der Zugtiere war zu vernehmen, und noch immer blieb die Räuberschar unbeweglich und erwartungsvoll versammelt auf ihrem Platze. Jetzt stieg der alte Mann an der Spitze des Zuges vom Pferde, übergab das Tier dem einen der schwarzen Diener, in welchem der Knabe den Christian erkannte, und kam ruhigen Schrittes gerade auf Titus Afrikaner und Fledermaus zu, welche vor ihrer Schar standen, auf die Büchsen gelehnt und in erwartungsvollem Schweigen.
»O Mynheer, o lieber Freund,« sagte Pieter Maritz leise aus gepreßter Brust zu dem Engländer, »Gott schickt uns Hilfe. Das ist der Herr Missionar.«
Der alte Mann hatte die Gefangenen noch nicht erblickt, da sie durch den Haufen der Schwarzen verdeckt wurden und da er sein Augenmerk auf die beiden Männer richtete, welche er als Häuptlinge erkannte. Er blieb vor diesen stehen, erhob feierlich seine Hände und sagte in holländischer Sprache: »Der Segen Gottes sei mit euch, ihr fremden Leute! Ich bin hierher gekommen, um im Namen des höchsten Schöpfers aller Dinge mit den großen Kriegern zu reden, welche das Volk Titus Afrikaner und Fledermaus nennt. Nach eurem Ansehen und eurer Würde seid ihr Fürsten in diesem Gebirge und gebietet über die Menge der Krieger um euch. Seid gütig gegen den Boten Gottes und zeigt ihm den Weg zu den berühmten Männern, die ich euch genannt habe.«
»Ha!« rief Titus Afrikaner. »Der Weg zu ihnen ist nicht weit. Titus Afrikaner und Fledermaus stehen vor dir. Was willst du von ihnen, weißbärtiger Mann?«
»So seid ihr also diese Fürsten selbst,« antwortete der Missionar, »und der Anblick eurer Waffen und eurer schönen goldenen Ringe hat mich nicht betrogen. Ihr seid Herrscher in diesem Gebirge und gebietet über viele Streiter. Ihr seid mächtig und verbreitet den Schrecken eures Namens weithin im Lande, so daß die weißen Ansiedler sich fürchten, wenn sie von euch reden. Ich aber komme zu euch im Namen des Fürsten, der im Himmel thront und der alles erschaffen hat, was unsere Augen sehen: das Gebirge und den Wald, die Tiere und die Menschen. Dieser hat mir geboten, zu euch zu gehen und seinen Willen zu verkünden.«
Titus Afrikaner schwieg eine Weile, als der Missionar geendigt hatte, und ein nachdenklicher Ausdruck zeigte sich auf seinem klugen Gesicht. Dann wandte er sich zu seinem Bruder und seiner Kriegerschar und sagte mit lachender Miene: »Hier seht ihr, meine Brüder und Freunde, einen der Männer, welche die Weißen Missionare nennen, und erkennt die ganze Arglist dieses treulosen Volkes. Solange der weißen Männer wenige sind und sie nicht wagen, ihre Waffen mit denen der schwarzen Krieger zu messen, so lange reden sie von einem Fürsten, der im Himmel thront und von dem sie lügen, daß er unsichtbar sei. Wenn er aber unsichtbar ist, woher wissen sie dann, daß er im Himmel ist? Können sie etwas sehen, was unsichtbar ist? Aber ihr könnt gar bald erkennen, was ihr Märchen bedeutet. Denn sie lügen, der unsichtbare Fürst wollte, daß die Menschen im Frieden miteinander lebten und daß die schwarzen Männer die Fremden nicht umbrächten. Sobald ihrer aber mehr geworden sind, sobald sie genug Büchsen zusammen haben, um den schwarzen Mann von dem Jagdgebiet seiner Väter zu vertreiben, alsdann reden sie nicht mehr von dem unsichtbaren Fürsten, sondern sie fangen an, die schwarzen Männer zu erschießen, ihre Frauen und Töchter zu rauben, ihre Kinder zu Sklaven zu machen, ihre Dörfer zu verbrennen und ihr Vieh und Wild zu essen.«
Lautes Rufen des Beifalls und das Klirren der Waffen antwortete der Rede des Häuptlings aus der Schar seiner Krieger. Inzwischen hatten der Lord und Pieter Maritz sich dem Missionar genähert und der Knabe wandte sich mit flehendem Blicke zu dem alten Mann, der ihn und den Engländer voll Staunen betrachtete, und küßte seine Hand in erneutem Vertrauen und erneuter Hoffnung.
»Seht da!« rief der Häuptling, auf diese Gruppe zeigend. »Ihr werdet bald den Nutzen des unsichtbaren Fürsten kennen lernen. Dieser alte Mann will uns dessen Willen verkünden. Ich weiß schon vorher, was dieser Wille ist. Wir sollen unsere Gefangenen verschonen. Wir sollen keinem Weißen ein Haar krümmen. Aber ich sage dir, weißbärtiger Lügner, du bist zu keiner guten Stunde gekommen. Sieh dich um, die Leichen der schwarzen Männer bedecken das Gras ringsum. Sie sind von den Kugeln deiner Brüder gefallen, und wir wissen, was deine Lehre wert ist. Ich habe diese Lehre kennen gelernt, du wirst dem Titus Afrikaner nichts Neues erzählen. Habt ihr meine Krieger und Freunde getötet, so töte ich euch. Wir werden die Jagd nicht allein auf diese unbärtigen Jünglinge, sondern auch auf dich mit eröffnen. Ihr sollt alle drei von unsern Händen fallen, und deine Ochsen werden wir schlachten und essen.«