Stürmischer Beifall erklang unter den Schwarzen, und die Aussicht auf den Ochsenbraten machte sie vor Freude jauchzen. Aber von neuem erhob der Missionar seine Stimme, und der Eindruck seiner ehrwürdigen Gestalt, die Zuversicht, welche aus seinem Antlitz strahlte, die Scheu vor der weißen Farbe und das Staunen über den Mut des Unbewaffneten waren so groß, daß der Tumult schwieg und alle lauschten. Er redete jetzt nicht wieder holländisch, sondern bediente sich der Sprache der Betschuanen, weil er hoffte, daß ihn dann alle verstehen würden und daß er dann auf die Gesamtheit einen Einfluß gewinnen könne, an den er dem Häuptling gegenüber nicht mehr glauben durfte.
»Du sagst, daß wir Weißen treulos und lügnerisch wären,« begann er, »und behauptest, daß wir von dem Unsichtbaren sprächen, um euch zu betrügen, solange wir noch zu schwach wären, euch mit Gewalt zu unterdrücken. Wie kommt es denn aber, daß ich zu euch in die Berge ziehe? Fehlt es mir an Mais oder Fleisch? Konnte ich nicht bei meinen Brüdern im Lande bleiben, wohin ihr nicht kommt? Konnte ich nicht meine Ochsen, die ihr schlachten wollt, selber essen? Seht, es sind vierundzwanzig Tiere, ich hätte mein Haus auf lange Zeit damit versorgen können, und jahrelang hätte mich ihr Fleisch ernährt, wenn ich drunten bei den Meinigen geblieben wäre. Auch habe ich Mais und Reis und Kaffee und Zucker und viele andere Dinge in meinem Wagen, die ihr mir nehmen könnt, wenn ihr keine Scheu vor dem Unsichtbaren im Himmel habt, der die Sonne und den Mond und die Sterne in seiner Hand hält und die Blitze aus den Wolken schleudert. Ihr seht also, daß ich nichts von euch will, nichts von euch verlange. Nicht um etwas zu holen, suche ich euch auf, sondern um euch etwas zu bringen. Was ich euch aber bringe, das ist sehr köstlich und schön, schöner als alles, was ihr habt, schöner als Schmuck und Waffen und Vieh.«
Die Schwarzen horchten gespannt und ihre glänzenden Augen hingen unverwandt am Munde des Weißen. Titus Afrikaner blickte düster und betrachtete mit höhnischem Lächeln seiner Landsleute Mienen. Er machte eine Bewegung, als wollte er dem Missionar das Wort abschneiden, aber er besann sich und mochte wohl überlegen, daß es klüger sei, der gespannten Erwartung und Neugierde seiner Anhänger nicht entgegen zu sein. Vielleicht auch verfehlte auf sein eigenes Gemüt die Rede des Missionars ihren Zauber nicht. Denn er war aus früherer Zeit mit der christlichen Lehre vertraut und sein Gedächtnis hatte den Eindruck des Geheimnisvollen bewahrt.
»Du sagst, wir könnten von dem Unsichtbaren nichts wissen, da unsere Augen ihn nicht sehen,« fuhr der Missionar fort. »Ich sage euch aber, daß ihr auch eure Gedanken nicht sehen könnt und doch davon wißt. Du zeigst mir die Toten, die umher liegen. Warum gehen sie nicht mehr umher? Sie haben noch ihre Beine und Arme. Warum laufen und schießen sie nicht? Ich sage euch, es ist deshalb, weil das Unsichtbare in ihnen entflohen ist. Denn in jedem Menschen lebt ein Unsichtbares, und dieses geht zu dem Unsichtbaren, der im Himmel ist, den ihr Morimo nennt, das Sichtbare aber bleibt auf der sichtbaren Erde, wird begraben und verwandelt sich in Erde. Dieses unsichtbare Wesen in uns ist die Seele, welche niemals stirbt, und ....«
»Höre auf!« rief Titus Afrikaner jetzt, den Missionar unterbrechend, »du lügst ungeheuerliche Dinge! Wie?« rief er lachend seinen Kriegern zu, »dieser Mann behauptet, es lebten Wesen in uns, die man nicht sehen könnte — hat man je so alberne Lügen gehört?«
Es erscholl lautes Lachen zur Antwort, aber Fledermaus neigte sich zu seinem Bruder und flüsterte ihm etwas zu, wobei er ein ernstes Gesicht zeigte. Titus Afrikaner hörte ihm zu, schüttelte dann aber heftig den Kopf und wandte sich von neuem zu der Schar.
»Hört nicht auf diesen Lügenschmied und Verräter!« rief er voll Wut. »Er will sich nach unsern Wohnungen umsehen und den Buern berichten, wo sie uns angreifen sollen. Bald werdet ihr die Reiter mit den Büchsen wiedersehen, wenn ihr diesen Mann lebend nach Hause zurückkehren laßt. Folgt mir, Freunde! Stoßt die Weißen nieder und laßt uns die Ochsen verzehren!«
Die folgsame Schar brüllte ihm zu, gedankenlos von einem Wunsche zum andern gelenkt, und jetzt erhoben sich viele Assagaien, und das Leben der Weißen schien verloren zu sein, als plötzlich Fledermaus einen gellenden Ruf ausstieß und mit der Gebärde des höchsten Entsetzens auf das Haupt des Missionars zeigte.
»Morimo!« schrie er warnend, »Morimo!«
Die ganze Schar der wütend erregten Männer stutzte und blickte dorthin, wohin der Finger des Häuptlings wies. Die Büchsen und Speere entfielen ihren Händen und in starrem Staunen standen viele wie versteinert da, während viele zu Boden sanken und anbetend die Hände erhoben. Scheu und ingrimmig stand Titus Afrikaner da.