»Morimo!« klang es aus vieler Munde. Verwundert sahen der Lord und Pieter Maritz bald auf den Missionar, bald auf die Schwarzen. Da aber entdeckte der Knabe die Ursache dieser allgemeinen Bewegung.
Auf dem weißen Haar des Missionars, der unbedeckten Hauptes herangekommen war, saß ein Käfer von besonderer Art, etwa ein Fingerglied lang, mit grünem, glänzendem Rücken, dazu weiß und rot gefleckt, mit schimmernden durchsichtigen Flügeln und zwei kleinen Hörnern auf dem Kopfe. Kopf und Flügel waren gelb, die Beine silbergrau, ähnlich dem Haar des Greises. Pieter Maritz erkannte die Bedeutung dieses seltenen Tierchens. Er sah, daß es der geheiligte Käfer war, welchen die südafrikanischen Völker zum Teil als einen Boten der Gottheit, zum Teil als die Gottheit selbst verehren. Die Stelle, auf welche dieser Käfer sich setzt, ist ihnen geweiht, die Person, auf welcher er sich niederläßt, wird für glückselig gehalten. Seine Ankunft bedeutet großes Glück; wenn aber das Insekt oder die Person und selbst das Tier, auf welchem er ruht, verletzt würde, bedeutete es das größte Unglück.
»Wir sind gerettet,« rief der Knabe jauchzend und sank dankbar gegen Gott auf die Kniee.
[Zehntes Kapitel]
Die Bekehrung
Als der Missionar die Ursache der merkwürdigen Umwandlung wahrnahm, welche in den Gemütern der Schwarzen vor sich ging, ward auch er von Staunen ergriffen. Er sah mit ernstem, nachdenklichem Blicke auf das kleine Tier, welches nun von seinem Haupte weggeflattert war und sich vor ihm, mitten zwischen ihm und Titus Afrikaner, auf dem Grase niedergelassen hatte. Wohl ward er von trüben Gedanken ergriffen, indem er sich sagte, daß es Götzendienst sei, der die Seelen dieser armen Unwissenden gefangen hielt; aber doch ward er von Dankbarkeit gegen den allmächtigen Gott bewegt, der in seiner unerforschlichen Weisheit sich dieses Mittels bedient hatte, um das Leben dessen zu schützen, der sein Wort verkündigte.
»Sieh doch, mein Sohn, wie unbegreiflich die Wege des Höchsten sind,« sagte er zu Pieter Maritz, der neben ihm stehend gleich ihm das glänzende Insekt betrachtete. »Müßten wir nicht weinen, wenn wir bedenken, daß dies arme kindische Volk seine Ohren verschlossen hält gegen das Wort des Lebens und seine Augen nicht öffnen will, um den Heiland zu sehen, während es seine Kniee beugt vor dieser Kreatur? Aber so gütig ist die Gottheit, daß sie an diesem schwachen Funken der Erkenntnis des Göttlichen, den sie in den armen Seelen glimmend erhält, die Fackel entzünden möchte, von welcher das wahre Licht ausstrahlt. Denn es ist doch die Ahnung einer überirdischen Lenkung des menschlichen Geschicks, welche in den Augen der Schwarzen diesem armseligen Insekte Wert verleiht, und in dem kläglichen Tiere verkörpert sich für diese Armen das Bewußtsein der Gottheit.«
Währenddessen hatten sich die Schwarzen in einem weiten, dicht gedrängten Kreise um den Käfer sowie um die Häuptlinge und die Weißen versammelt, welche dem Tierchen zunächst standen. Der Jubel war allgemein und stieg immer höher, indem das laute Rufen und Händeklatschen die leicht beweglichen Gemüter gleichsam berauschte, so daß immer stärker und anhaltender gejauchzt und geschrieen wurde. »Ho! Ho! Ho! Ho!« riefen sie. »Sei gegrüßt! Sei willkommen! Mache, daß wir vielen Honig erhalten! Mache, daß unser Vieh zu fressen finden möge und viel Milch gebe! Mache, daß wir fette Ochsen stehlen können, und gieb uns Fleisch und Fett in unsere Töpfe! Ho! Ho! Morimo, sei gegrüßt, sei willkommen!«