So riefen sie und tanzten dazu, schwangen ihre Speere und Schilde, schlugen die Waffen zusammen und wurden mit jedem Augenblicke lustiger, erregter, erhitzter und gleichsam trunken vor Freude. Einige liefen auf des Missionars Ochsenwagen zu, spannten die beiden vordersten Tiere aus, zogen sie herbei und schlachteten sie mit ihren Assagaien, ohne daß der Missionar es in dem allgemeinen Tumulte verhindern konnte. Sie wollten die Tiere dem Morimo zum Opfer bringen und das Fleisch zu seiner Ehre verspeisen. Andre brachten ein Kraut herbei, welches sie Buchu nannten, zerrieben es zu Pulver und bestreuten damit den Käfer, welcher ruhig sitzen blieb, warfen auch eine Handvoll davon über die Kleidung des Missionars hin und endlich bestreuten sie sich selbst damit. Mit demselben Pulver bestreuten sie auch die Eingeweide der Ochsen, ehe sie sie verschlangen. Feuer wurden von neuem angezündet, und ein allgemeines Fest ward gefeiert, an welchem auch die Diener des Missionars fröhlich teilnahmen. Der Käfer hatte inzwischen seine Flügel ausgebreitet und war davongeflogen. Niemand hinderte ihn daran, auch war kein Versuch gemacht, ihn zu fangen. Er hatte ihnen seinen Segen gebracht, mochte er nun thun, was er wollte. Es wäre verwegen gewesen, ihn zu berühren.
Titus Afrikaner allein hatte der ganzen Scene mit einer Miene zugesehen, in welcher der Missionar Unbehagen lesen konnte. Er schien nur aus Politik in den Jubel mit einzustimmen, und die verächtlichen Blicke seiner kleinen, funkelnden Augen zeigten, daß er selber anders dachte als sein Volk, daß er aber doch nicht wagte, dem allgemeinen Aberglauben entgegenzutreten.
Während die Schwarzen sich um die Feuer versammelt hatten und von neuem zu schmausen anfingen, war der Missionar mit dem Lord und Pieter Maritz zur Seite gegangen, und diese erzählten ihm ihre Erlebnisse. Niemand bewachte die Gefangenen mehr, und sie hätten jetzt vielleicht mit Erfolg einen Fluchtversuch machen können. Aber sie waren ermüdet von dem langen Marsche an dem heißen Tage, sie konnten nicht darauf rechnen, in dem unbekannten Lande sich zurecht zu finden, und sie wären nicht imstande gewesen, weit zu kommen, wenn etwa die schnellfüßigen Kaffern sich zu ihrer Verfolgung hätten aufmachen wollen. Außerdem aber war durch die Gegenwart des Missionars ein Gefühl der Sicherheit über sie gekommen, und der Lord ebensowohl wie der Buernsohn gaben sich der festen Hoffnung hin, daß sie aus ihrer jetzigen Lage auf eine bessere Art und Weise würden herauskommen können, als bei einer unüberlegten Flucht für jetzt möglich war.
So saßen alle drei im Schatten des Wagens beisammen, während die ausgespannten Ochsen ringsum ihr Futter suchten, und sie besprachen ihr Geschick und die Zukunft. Voll Verwunderung hörte der Lord die Erklärungen an, welche der Missionar ihm über die schwarzen Völker gab, in deren eigentümliches Wesen er nun selbst schon einen Einblick gethan hatte, und begierig erkundigte er sich nach der Beschaffenheit jenes Morimo, der ihm und den andern beiden Weißen heute das Leben gerettet hatte.
»Es ist schwer, ein rechtes Verständnis für die religiösen Anschauungen der südafrikanischen Völker zu gewinnen,« sagte der Missionar. »Denn was man darüber wahrnimmt, ist voll von Widersprüchen. So haben manche Missionare schon vermutet, daß überhaupt die Verehrung der Gottheit dem Menschen nicht angeboren sei, weil sie so oft bei Kaffern und Betschuanen, bei Griquas und Namaquas keine Spur von Religion entdecken konnten. Und mein eigener Lehrer, der edle Moffat, sagte mir, daß nach seiner Erfahrung der Anblick der Schöpfung nicht hinreiche, um in der menschlichen Seele den Glauben an einen Schöpfer zu erzeugen. Er sagte mir, die Erkenntnis göttlicher Dinge in einer jeden Nation, von den verfeinerten Griechen herab bis zu den elenden Götzendienern der schwarzen afrikanischen Stämme, beruhe immer auf Offenbarung, und diejenigen, welche keine Offenbarung hätten, wären durchaus ohne Kenntnis Gottes. In gewissem Sinne mag dies auch wohl wahr sein, aber meine langjährige Erfahrung hat mich doch dahin gebracht, den Gegenstand anders anzusehen. Ich muß gestehen, daß ich nicht den Mut haben würde, zu unbekannten Völkerstämmen zu ziehen, um ihnen zu predigen, wenn ich nicht der Überzeugung wäre, ich fände einen Punkt, an welchen ich die christliche Lehre anknüpfen könnte. Dieser Punkt aber kann nichts anderes sein als die angeborene Verehrung eines höheren Wesens, mag sie nun stark oder schwach sein, mag sie sich an etwas Unsichtbares oder an ein Götzenbild heften. Nur ist es schwer, zu entdecken, welcher Art jene Verehrung Gottes ist. Gemeiniglich habe ich gefunden, daß die Heiden mir in ihren Antworten auswichen, wenn ich sie nach ihrer Religion befragte. Sie sagen wohl, die Weißen wären klug und listig, sie ihres Ortes aber wären einfältig und unwissend, deshalb möge ich sie entschuldigen, wenn sie keine Auskunft gäben. Wenn ich dann aber länger mit ihnen sprach und sie auch wohl mit etwas Rauchtabak zutraulich machte, dann wurden sie offenherziger. Doch sind ihre Auskünfte immer voll Unsicherheit. Oft haben sie mir gesagt, sie glaubten, daß es ein mächtiges Wesen gebe, welches hoch über dem Monde wohne und die Erde und das Meer und alles, was darin lebe, geschaffen habe. Oder sie sagen auch wohl, sowie das Haupt ihrer Nation über alle Häuptlinge der einzelnen Dörfer erhaben sei, so sei auch der höchste Gott im Himmel erhaben über alle Häuptlinge der Nationen. Meistens sagen sie dann auch, dieser höchste Gott regiere die ganze Welt, und durch seine Allmacht hätten alle Menschen und Tiere und Pflanzen Leben und Bewegung. Er habe unbegreifliche Vollkommenheiten und Eigenschaften. Dennoch verehren selbst diejenigen, welche so sprechen, ihre Gottheit nicht in der Weise, daß man sagen könnte, sie hätten eine Religion. Sie beten nicht und opfern nicht, und wenn ich ihnen sagte, es sei sonderbar, daß sie dem allmächtigen Herrn der ganzen Welt keine Verehrung bezeugten, so antworteten sie wohl, es brauche ihn niemand zu fürchten, denn er gebrauche seine Macht niemals zum Schaden der Menschen, und er wohne hoch oben über der Sonne und dem Mond und allen Sternen. Dann habe ich wohl gesagt, dieser Gott sei herabgekommen auf die Erde, und man habe ihn gesehen, und er habe die Menschen belehrt. Aber sie wollen das gemeiniglich nicht glauben, und ein Häuptling der Betschuanen erwiderte mir einmal: »Wie kann es möglich sein, daß der höchste Gott uns würdigen sollte, zu uns zu kommen, da ja der Mond, der doch nur eine geringere Gottheit ist, sich niemals so weit erniedrigt? Welche Absicht oder welchen Vorteil könnte das höchste Wesen dabei haben, sich solchergestalt zu demütigen?« Dabei verwickeln sich diese arme Heiden aber immer in Widersprüche, denn wenn ich sie fragte, woher denn das Üble käme, das sie zu erdulden hätten, Krankheit, Armut, Tod, Sklaverei und andere Leiden, so erzählten sie wohl, ihre ersten Eltern hätten das höchste Wesen beleidigt und seitdem ständen sie unter dem Fluche. Mache ich sie dann auf ihren eigenen Widerspruch aufmerksam, da sie doch gesagt haben, das höchste Wesen thue niemand ein Leid, so werden sie gewöhnlich trotzig, leugnen ihre eigenen Worte, sagen, sie wollten überhaupt nicht mehr mit mir über Gott sprechen, und gehen weg. Ich sehe in dem allen aber eine dunkle verworrene Kenntnis der Wahrheit, welche ihren Seelen eingeboren ist, und ich lasse nicht nach, bis ich die Finsternis durch das Licht der christlichen Lehre durchbrochen habe. Bei manchem ist mir das auch durch die Gnade Jesu Christi gelungen, wenngleich es immer schwer hält, die Bekehrten dahin zu bringen, daß sie ihren Glauben nicht nur äußerlich zur Schau tragen, sondern durch ihr Leben bezeugen. Sie fallen gar zu leicht wieder in niedrige Sinnenlust zurück. So sehe ich denn dort auch jetzt meine drei christlichen Diener fröhlich zu Ehren Morimos schmausen, und ich bin überzeugt, daß sie von dem Segen des Käfers ebensoviel halten wie ihre heidnischen Stammesgenossen. Nur die stärkeren Geister unter ihnen halten die Lehre fest und bilden einen fruchtbaren Acker für das göttliche Wort. Darum lege ich auch auf die Bekehrung des Titus Afrikaner einen hohen Wert. Denn er ist zwar böser als Tausende seiner Brüder, aber er ist ein stärkerer Charakter und klüger als sie, und wenn er sich zum Christentum bekennt, so wird er ein starkes Werkzeug zur Verbreitung des Glaubens.«
»Ich glaube nicht, daß es Ihnen jemals gelingen wird, den Titus Afrikaner zu bekehren,« sagte der Engländer. »Er ist ein böser Bursche, und eher frißt er uns alle mit Haut und Haar, als daß er sich taufen läßt.«
»O doch, es sind gerade die Bösesten, welche sich bekehren, wenn sie nur kraftvoll und klug sind,« erwiderte der Missionar. »Wurde nicht Saulus zum Paulus und der erste aller Apostel? Die armen Heiden! die armen Heiden! Welch ein schrecklicher Gedanke, daß ihrer so viele sind, die das Heil nicht kennen! Ist es wohl erträglich für einen Christen, ihren Unglauben zu sehen und nicht alles, selbst das eigene Leben, daran zu setzen, ihnen zu helfen und sie mit dem Heiland bekannt zu machen? Ich sage mir immer, daß sie doch alle das Gute wollen und sich nach der Glückseligkeit sehnen, daß aber die Augen ihres Geistes geblendet sind, so daß sie den rechten Weg zur Seligkeit nicht finden können. So sucht ja auch dieser wilde Häuptling das Gute, nur irrt er sich und glaubt, daß die blutige Rache an den Weißen und der kriegerische Ruhm unter seinen Landsleuten dasjenige seien, was ihn glücklich machte. Kennt er aber erst einmal die christliche Liebe, so wird er aus seinem Irrtum erwachen.«
Die Räuber blieben um ihre Feuer versammelt und tanzten und sangen, bis die Sonne unterging und der rote Schein der Flammen allein noch die Ebene erhellte. Droben erschienen die ewigen Lichter des Firmaments und blickten in stiller Klarheit auf die wilde Scene herab, wo Hunderte von schwarzen Gestalten in Bewegung waren und bald mit ihren glänzenden Leibern vom Feuer rot beschienen wie Teufel anzusehen waren, bald in der Finsternis verschwanden, während der wirre Jubel ihrer Kehlen weithin erscholl.
Endlich gab Titus Afrikaner das Zeichen zum Aufbruch. Er kam auch zu dem Wagen, wo die Weißen sich befanden, und gebot ihnen, zu folgen. Der Missionar rief seine Diener herbei, die Ochsen wurden zusammengetrieben und eingespannt, und dann setzte sich der Zug nach den Bergen hin in Bewegung. Der Engländer hatte seine zerrissene Uniform mit einem braunen Rocke vertauscht, den ihm der Missionar aus seinem Besitz gegeben, und seinen Kopf mit einer Mütze mit breitem Schirm bedeckt, die jener ihm ebenfalls geliehen hatte. So zog alles weiter, und ein Trupp von Schwarzen folgte dem Ochsenwagen, um die heimliche Entfernung der Weißen zu verhindern.
Nachdem der Zug sich etwa eine Stunde weit in das Gebirge hinein vertieft hatte, trennte er sich. Titus Afrikaner zog mit einem Teil der Krieger bergan und schien die Höhle wieder aufsuchen zu wollen, welche ihm als Festung diente, Fledermaus aber mit dem andern Teil der Schar bog in ein Thal zur linken Hand ein. Ihm mußten auch die Weißen mit dem Wagen folgen. Die Häuptlinge schienen es nicht zu wünschen, daß der Missionar die Höhle sähe, und sie erlaubten dem Engländer und dem Buernsohn, bei dem Missionar zu bleiben. Diese verdankten die Erlaubnis der Bitte und dem Ansehen des Missionars, welcher sich von seinen weißen Freunden nicht trennen wollte.