Fledermaus führte seine Begleiter nun nach einer kleinen Hochebene, von welcher aus sich mehrere Schluchten hinabsenkten, und hier entdeckten die Weißen eine große Anzahl von Hütten, die, vom Monde beschienen, gleich einer ungeordneten Menge schwarzer, oben spitz zulaufender Erdhaufen dalagen. Ein Trupp von Weibern und Kindern kam ihnen entgegen und begrüßte die Krieger mit lautem, freudigem Geschrei. Auf dieser Hochebene pflegte Fledermaus zu wohnen, während Titus Afrikaner in der Höhle hauste. Hier befand sich ein Dorf von mehreren hundert Hütten. Von hier aus erspähte Fledermaus durch seine Kundschafter die Gelegenheit zu Raubzügen und die Annäherung des Feindes nach der einen Seite hin, während sein Bruder droben im Gebirge die andere Seite des umliegenden Landes dem hoch wohnenden Adler gleich unter Augen hielt.

Alle Hütten waren von runder Form und aus rohem Holzwerk mit Lehm hergestellt. Die Wände etwa zwei Meter hoch, und der innere Raum drei bis vier Meter im Durchmesser groß. Rauchfang und Fenster gab es nicht. Luft und Licht kamen allein durch die Thür, und diese Thür war ein ovales Loch von weniger als Mannshöhe, welches bei Nacht mit einem geflochtenen Deckel verschlossen ward. Ein Mittelpfeiler in jeder Hütte trug die Spitze des Daches von Kegelform, das aus hölzernen Sparren gebildet und mit Schilfgras gedeckt war. Dieses Dach reichte noch über die Wände hinaus und ward draußen von Stützen getragen, die in den Boden eingerammt waren, so daß ein oben bedeckter Gang um die Hütte herumführte. Das Ganze war von einem Dornengehege eingefaßt, welches bis zum Dache aufragte und so weit war, daß noch ein Hofraum vor der Hütte gebildet wurde. Zuweilen lagen auch mehrere Hütten mit ihren Hofräumen innerhalb eines und desselben Dornengeheges. Regelmäßige Straßen gab es zwischen den Hütten nicht, sondern es ward ein wirres Durcheinander von sehr engen Gäßchen gebildet.

Der Ochsenwagen war zu breit und das Gespann zu lang und breit, um in das Dorf selbst einfahren zu können. Der Missionar blieb deshalb mit seinen jungen Freunden draußen, und alle drei legten sich im Wagen selbst zur Ruhe, den Ereignissen der kommenden Zeit entgegensehend. Der vorsichtige Fledermaus stellte Posten ringsum aus, welche die Schluchten überwachen mußten und zugleich die etwaigen Fluchtversuche der Weißen verhindern konnten.

Ein Tag folgte nun auf den andern, und die Lage blieb immer dieselbe. Der Missionar sah seinen Zweck erfüllt, indem er ungehindert unter den Räubern wohnen und die Predigt des Evangeliums gleich einem guten Samen ausstreuen konnte. Der Engländer aber und der Buernsohn wären wohl gern davongegangen, der eine, um zu seinem Regimente zurückzukehren, der andere, um seine Landsleute wieder aufzusuchen. Denn Pieter Maritz sehnte sich jetzt nach Hause, und gern hätte er den Tadel oder die Strafe dafür auf sich genommen, daß er die Gesandten des Zulukönigs nicht besser bewacht hatte. Aber es gab für sie beide keine Aussicht, sich entfernen zu dürfen. Die Schwarzen thaten ihnen nichts zuleide, sondern ließen sie ruhig unter sich wohnen, aber sie litten auch nicht, daß sie sich entfernten. Beständig unterhielt Fledermaus eine Postenkette, welche die Ausgänge aus dem Dorfe und der Hochebene überwachte, und es war nicht möglich, ohne seine Erlaubnis über diese hinauszugehen. Er erteilte aber diese Erlaubnis nicht, und immer fühlten sich die Weißen unter dem argwöhnischen Blick des Häuptlings und seiner Krieger.

Es war dem Missionar und seinen jungen Freunden eine geräumige Hütte, deren Besitzer im Kampfe gefallen war, als Wohnung eingeräumt worden, hier herein hatten sie die Kisten und Decken aus dem Wagen schaffen lassen und wohnten nun in halb europäischer, halb afrikanischer Weise. Vor der Thür ihres kleinen Hauses war ein vertiefter Feuerplatz, auf welchem die Diener des Missionars das Essen kochten, und das Innere der Hütte war teils mit dem einfachen Hausgerät der Schwarzen, teils mit dem beweglichen Besitz des Missionars ausgestattet. Ein hölzerner Mörser, aus einem ausgehöhlten Baumstamm verfertigt und mit einer doppelten Keule versehen, diente ihnen dazu, die halb weich gekochte Hirse oder den Mais zu zerstampfen. Dazu hatten sie eine Handmühle, die aus einem flachen gehöhlten Steine bestand, in welchem ein anderer walzenförmiger Stein umhergerollt wurde. Hier wurden Hirse und Mais zermalmt und zu einer Art von Grütze gemahlen, aus welcher Brei gekocht wurde. Schüsseln aus Holz mit verziertem Rande und irdene Kochtöpfe mit Deckeln, große urnenförmige Wasser- und Biergefäße, kleinere Kalabassen, die mit spiralförmigen Linien verziert waren, und künstlich geschnitzte Löffel aus Holz und Elfenbein, deren Stiel einen Elefanten oder eine Giraffe oder einen Löwen darstellte, vervollständigten das Gerät, welches die Hütte des Betschuanenkriegers enthielt. Als Sitze dienten erhöhte Stellen des Fußbodens, aus Lehm gebildet, die mit Schaffellen überdeckt waren, und kleine dreibeinige Schemel, wie die Betschuanen sie als Luxusgegenstände besitzen. Dazu hatte der Missionar aus seinen Kisten einen Tisch und ein Büchergestell aufgebaut.

Der Engländer unterhielt sich meistens damit, die Hütten der Schwarzen zu besuchen und die verschiedenartigen Gestalten und Manieren der Einwohner zu beobachten. Denn hier unter den Räubern hatte sich eine verschiedenartige Menge heimatlosen und unzufriedenen Volkes angesammelt, welche alle darauf bedacht waren, die Buern zu bekämpfen und lustig vom Raube zu leben, anstatt mühsam das Feld zu bebauen und Vieh zu hüten. Hier waren hauptsächlich Betschuanen von dunkelbrauner Farbe, mit breiter Nase und nur wenig vortretendem Munde. Sie gingen zu Hause meistens nackt, nur mit dem kleinen Schurz bekleidet, und mit Fett und Butter über und über eingerieben. Die Frauen waren auf dem Kopfe ringsum rasiert, nur oben trugen sie ihr Haar wie ein Polster, gleich dem Kissen oder Kranz, worauf die Frauen in Italien und Spanien den Wasserkrug zu tragen pflegen. Dieses Haarpolster war mit einer Pomade eingerieben, Sibilo genannt, die aus Fett und Eisenglimmer bereitet war, so daß es dicht und filzig aussah und dabei glänzte. Es war außerdem von einer Schnur von Glasperlen umgeben. Im übrigen trugen sie zahlreiche Schnüre von Glasperlen um den Hals und die Füße, so daß sie wie ein kleiner Ringpanzer den Hals und oberen Teil der Brust und ebenso die Beine von den Knöcheln bis zur Wade umgaben. Dazu waren sie mit Amuletten zum Schutz gegen die bösen Einflüsse feindlicher Geister versehen, welche sie an den Halsketten befestigten, und trugen das spatelförmige Eisen am Gürtel, womit sie sich den Kopf rasierten. Ihre kleinen Kinder trugen sie in einem Tragetuch auf dem Rücken. Die Männer ließen ihr Haar wachsen, hielten es aber kurz. Sie bereiteten es ebenfalls zu einem filzigen Polster zu oder flochten es in kurze Strähne. Sie trugen Ringe von Elfenbein, Messing oder Kupfer an Armen und Beinen und dazu ihre Waffen: Streitäxte, deren Eisen durch einen keulenförmigen Griff getrieben war, den Kirri, eine mit eingeschnittenen Figuren verzierte Keule aus hartem, schwerem Holze, Messer und Lanzen. Ihr Schild war klein, mit Fell überzogen, quadratisch geformt und mit Ausschnitten versehen.

Die Kaffern waren von höherem, schlankerem Wuchs als die Betschuanen und von dunklerer Farbe. Sie waren schmaler in den Hüften und ihre Muskeln an Unterarm und Wade schwächer. Die Nase an der Wurzel ziemlich breit, oben abgerundet, die Nasenflügel etwas nach außen und nach oben gerückt, was etwa die Gestalt eines gekrümmten Schnabels gab. Die aufgeworfenen Lippen hatten einen fahlen, ins Graue spielenden Farbenton. Die Augen waren nur bei den Kindern schön, da nur bei diesen ein reines Weiß die tiefbraune Iris umgab. Bei älteren Kaffern war dies Weiß braunfleckig. Das Haar war bei Männern und Frauen hart und bei den meisten ähnlich wie bei den Frauen der Betschuanen geschoren. Sie trugen Mäntel von Tierfell, schwere Ketten von Schakals- oder Tigerzähnen um den Hals, Perlen in den Ohren, Ringe um Arme und Beine. Die Frauen waren ebenfalls mit dem Ingubo, dem Mantel aus Tierfell, und dazu oft noch mit einem ledernen Unterrock bekleidet. Die Kaffern zeigten sich hochmütiger als die andern, liebten es, zu prahlen, waren aber dabei unverschämte Bettler, die fast immer die Hütte der Weißen umlagerten, um Speise, Tabak, Bier und andere Dinge zu erhaschen. Auch logen sie viel und heuchelten.

Mancherlei wertvolle Dinge bargen die Hütten der Räuber, solche Gegenstände, welche für gewöhnlich bei den Schwarzen nicht gefunden werden, welche diese sich aber auf ihren Raubzügen verschafft hatten. Dahin gehörten namentlich Kunstwerke der südafrikanischen Schmiedekunst, wie die Betschuanen sie zu bereiten verstehen: eiserne Geräte, Schalen von Kupfer, Ketten von Kupfer und sogar von Gold. Auch kunstvoll gearbeitete Wurfspieße und Streitäxte und allerhand Hausgerät von Elfenbein, dazu kostbare Zieraten von bunten Perlen, Messing- und Golddraht.

Die Nahrung der Leute bestand zumeist aus Hirse, Kafferkorn, Kürbissen, Milch, Wurzeln, Zwiebeln, Rüben und den Früchten des Gelbholzbaumes. Milch war ihnen die liebste Speise. Sie hatten eine große Herde in Besitz, die in der Nähe des Dorfes weidete, und in jeder Hütte hingen lederne Säcke, in welchen die gemolkene Milch gesammelt wurde, um sauer gegessen zu werden. Sie verzehrten sie vermittelst eines Pinsels oder Quastes von Binsen, den sie hineintauchten und dann ableckten. Das für den täglichen Gebrauch nur abgesottene und in kleinen Körben aufgetragene Korn aßen sie mit der bloßen Hand oder einem Stückchen Holz oder mit Eisen oder einer Muschel. Zweimal am Tage aßen sie, morgens um zehn und abends um neun Uhr. Der Mann, als Herr über alles, teilte das Essen aus, nur für die ganz kleinen Kinder, welche die Milch von einer für sie bestimmten Kuh erhielten, sorgten die Mütter. Die Männer aßen für sich unter freiem Himmel, die Frauen jede einzeln im Hause, die Knaben saßen hinter den Männern, die Mädchen bei den Frauen, und die Kinder mußten mit dem fürlieb nehmen, was die Alten ihnen reichten. Vor und nach dem Essen spülten sie sich den Mund aus. Sonst aber waren sie sehr unreinlich, wuschen sich die Hände weder vor noch nach dem Essen, reinigten niemals die Schüsseln, fingen sich das Ungeziefer vom Leibe und aßen es auf. Nur die Hunde, deren es in den meisten Hütten gab, sorgten etwas für Reinlichkeit, indem sie die Schüsseln ableckten.

Der Missionar pflegte regelmäßig am Abend auf einem freien Platze in der Nähe seiner Hütte einer größeren oder kleineren Versammlung, die sich um ihn zusammenfand, Geschichten zu erzählen, in welche er eine Lehre verwob. Er ging darauf aus, die Schwarzen an sich zu gewöhnen und sie zu unterhalten, um dann nach und nach den ernsten und heiligen Zweck seiner Anwesenheit unter ihnen mehr zu betonen. Sie kamen auch gern und hörten ihm zu, aber sowohl er als seine jungen Freunde hatten bei Tag und bei Nacht viel unter ihrer Zudringlichkeit und Unverschämtheit zu leiden. Sie betrachteten zu Anfang Gesicht und Kleidung der Weißen, ihr Benehmen, ihre Art und Weise, zu sitzen, zu stehen, zu gehen, zu sprechen, zu essen und zu trinken, machten ihre Bemerkungen darüber und witzelten und lachten. Sobald sie sich aber an das Fremdartige der Erscheinung gewöhnt hatten, bemächtigte sich Gleichgültigkeit ihrer Gemüter, und sie waren nur noch darauf versessen, zu betteln und zu stehlen. Sie drängten sich zu Haufen in den Zaun und die Hütte ein, saßen auf den Sitzen, den Schemeln und den Kisten umher, hockten um die Feuerstelle und betrachteten alles mit begehrlichen Augen. Oft fehlte auch dieser oder jener kleinere Gegenstand, ein Löffel oder eine Schale, und es war nicht zweifelhaft, daß die Schwarzen ihn mitgenommen hatten. Sie thaten oft ganz so, als wären sie bei dem Missionar zu Hause, schliefen, schwatzten, rauchten in seiner Hütte und beschmutzten alles mit ihren fettigen Leibern. Mehrmals mußte ein Kaffer von dem Schreibtisch selbst heruntergeworfen werden, wo er sich, das Kinn zwischen den Knieen und die Dachapfeife im Munde, hingehockt hatte. Einmal hatten mehrere Kaffern einen gußeisernen Topf gestohlen, mit dessen Beschaffenheit sie nicht vertraut waren, da sie nur geschmiedetes Eisen kannten. Sie hatten ihn vom Feuer genommen, als Kobus, welcher das Kochen besorgte, nicht Achtung gegeben hatte; da er aber sehr heiß war, ließen sie ihn aus den Händen fallen, während sie ihn über die Dornenhecke befördern wollten, und er zerbrach auf einem Stein. Nun trugen sie die einzelnen Stücke zum Schmied, um sich Werkzeug daraus machen zu lassen, machten ein Kohlenfeuer, und die Scherben wurden mit Zangen in die Glut gehalten, um weich zu werden. Als sie aber glühend unter den Hammer kamen und nun, anstatt sich zu biegen, in viele kleine Stücke zersprangen, gleich als wären sie von Glas, da standen die Kaffern ganz verwirrt dabei und glaubten, der Missionar hätte, um sie für ihren Diebstahl zu bestrafen, den Topf verzaubert.