Unter all dem Ungemach, welches er von der Roheit und Unwissenheit der Schwarzen zu erdulden hatte, tröstete den Missionar jedoch immer wieder das Benehmen des Titus Afrikaner. Oft, wenn er im Kreise der Räuber auf dem freien Platze neben dem Dorfe Geschichten erzählte und lehrte, gab sich eine Bewegung unter seinen Zuhörern kund, und er bemerkte alsdann die finster drohende Gestalt des Häuptlings, der vom Berge niedergestiegen war, um an der Unterhaltung teilzunehmen. Zwar hätte ein anderer Mann als dieser herzenskundige Lehrer des Evangeliums sich wohl schwerlich über diesen Besuch gefreut. Denn Titus Afrikaner saß in seiner Waffenrüstung und mit dem Löwenfell gleich einem unheilvollen Feinde da, warf düstere Blicke auf den Missionar und die Schar der mit kindlicher Aufmerksamkeit zuhörenden Räuber und lachte verächtlich auf, wenn eine Lehre vorgetragen wurde, welche sich auf die Unsterblichkeit der menschlichen Seele und die christliche Liebe bezog. Ja, wenn der Missionar geendigt hatte, ergriff wohl der Häuptling das Wort, verspottete ihn und stieß Beleidigungen gegen den Lehrer und seine Lehre aus. Aber alles dies konnte die Geduld des alten Mannes nicht ermüden und ihn in seiner Hoffnung nicht wankend machen. Sah er doch, daß der Häuptling immer wiederkam, daß seine Besuche immer häufiger wurden und daß er jedem Worte sorgsam lauschte. Fledermaus dagegen nahm keinen Anteil an den Predigten des Missionars, sondern betrachtete mit kaltem Auge alles, was die Weißen betraf. Er dachte an Beutezüge, aber beschäftigte sich nicht mit geistiger Arbeit. Sicherlich hätte er schon längst, so dachte der Missionar, die Weißen davongejagt, wenn nicht ein anderer Einfluß, der Befehl seines Bruders, ihm vorgeschrieben hätte, was er thun sollte.
Der Missionar unter den Kaffern.
Eines Tages ereignete sich ein bemerkenswerter Vorfall, welcher eine Veränderung in dem Benehmen des Häuptlings hervorrief. Als der Missionar nachts in tiefem Schlafe lag, berührte eine Hand seinen Arm, und erwachend hörte er Pieter Maritz' Stimme, welcher ihm zuflüsterte, er möge aufstehen und auf seiner Hut sein, da es ihm schiene, als wollte jemand in die Hütte einbrechen. Beide weckten nun den Lord, und vereinigt gaben sie Achtung auf ein sonderbares Geräusch an der einen Seite der Hüttenwand. Sie hielten sich ganz still, und Pieter Maritz sowie der Engländer hatten zu ihrer Verteidigung ihre Messer, mit denen sie zu essen pflegten, bereit, da diese ihre einzige Waffe waren. Sie sahen nach wenigen Minuten zwei Gestalten durch die durchbrochene Wand hereinkommen und eine von diesen sofort nach dem Platze eilen, wo der Missionar zu schlafen pflegte, und einen furchtbaren Hieb mit der Streitaxt nach dem Kopfende führen. Es war nicht hell genug, um die Personen zu erkennen, aber es fiel doch genug Licht durch die Ritzen der Hütte und die durchbrochene Wand herein, um die Bewegungen der Gestalten zu sehen. Als nun die jungen Leute sich mit lautem Rufen auf die beiden Schwarzen warfen, gerieten diese in Bestürzung und Schrecken, der eine floh ohne weiteres durch das Loch zurück, der andere leistete noch kurze Zeit Widerstand, erhielt dabei einen Messerstich von des Engländers Hand in den Arm und entkam dann gleichfalls.
Über diesen Einbruch beklagte sich der Missionar am folgenden Morgen bei Fledermaus, aber dieser machte nichts aus der Sache, sondern fertigte den Kläger mit der kurzen Bemerkung ab, er möge zufrieden sein, daß man ihm keinen Schaden zugefügt habe. Hierdurch wurden die beiden Einbrecher so frech gemacht, daß sie sich nicht versteckten, sondern gerade heraus sagten, sie seien es gewesen und würden ein anderes Mal wohl besseres Glück haben. Aber am Abend dieses Tages kam Titus Afrikaner, und als er von der Geschichte hörte, geriet er in großen Zorn. Er ließ die beiden Leute, deren einer den Arm verbunden hatte, herbeikommen und fuhr sie hart an.
»Wißt ihr nicht,« sagte er, »daß die Weißen unter dem Schutze eures Häuptlings stehen? Wißt ihr nicht, daß der Weißbart dem Morimo geheiligt ist? Habt ihr vergessen, daß Morimo selbst sich auf seinem Haupte gezeigt hat? Wer die Mordwaffe gegen das Haupt erhebt, das von Morimo geheiligt ist, der ist des Todes schuldig.«
Tief erschrocken flehten ihn die Übelthäter um Gnade an, aber der Häuptling blieb unerbittlich und ordnete an, daß sie auf der Stelle getötet würden. Schon wurden sie abgeführt, und die Speere, mit denen sie niedergemacht werden sollten, blinkten schon in der Abendsonne, denn der Respekt vor dem Häuptling war groß, und Menschenleben standen nicht in hohem Preise unter dieser Schar — da gebot der Missionar Halt und wandte sich bittend an Titus Afrikaner.
»Laß diese Leute leben!« sagte er. »Woher sollen sie Zeit nehmen, ihre Übelthat zu bereuen, wenn du sie tötest?«
Erstaunt und betroffen sah der Häuptling ihn an und schwieg eine lange Weile, während in seinem Gesichte ein rascher Wechsel der Empfindungen zu lesen war.
»Du bittest für Schurken, die dich haben ermorden wollen?« fragte er endlich mit weicher Stimme.