»Es ist die Lehre Gottes, dem ich diene, daß der gute Mensch auch seine Feinde liebt,« antwortete der Missionar.
»Und wie kann ein Mann seine Feinde lieben?« fragte jener.
»Er kann sie lieben, weil er einsieht, daß seine Feinde nur im Irrtum sind, wenn sie ihn berauben und töten wollen. Denn sie glauben doch, daß es ihnen nützen würde, wenn sie sich fremdes Besitztum aneigneten und ihre Gegner umbrächten. In Wahrheit aber thun sie sich selbst damit den größten Schaden, denn sie werden nichts antworten können, wenn sie dereinst nach ihrem Tode von dem Gott, welcher ein Richter ist, gefragt werden, ob sie im Leben gut und edel gewesen sind. Vorlügen können sie ihm nichts, denn er weiß alles. Dann aber werden sie nicht in den Himmel kommen, sondern in die Hölle. Wenn ich nun weiß, wie übel es denen ergehen wird, die mir Schaden thun, muß ich da nicht Mitleid mit meinen Feinden haben?«
»Gebt die Leute frei und tötet sie nicht!« rief der Häuptling. Am andern Tage aber kam er schon früh, was gegen seine Gewohnheit war, zu dem Missionar und führte ihn auf einen einsamen Platz unter einem schattigen Baume.
»Mein Vater,« sagte er, »ich hatte diese Nacht einen bösen Traum.«
»Was träumte dir?« fragte der Missionar.
»Mir träumte, daß ich am Fuße eines steilen und felsigen Berges stünde, über welchen ich hinübergehen mußte. Es gab nur einen einzigen Pfad, welcher zum Gipfel führte, und dieser ging an einem tiefen Abgrunde hin. Aus diesem Abgrunde drangen Rauch und Flammen empor, und Blitze zuckten aus ihm hinauf. Der Anblick machte mich fürchten, ich wandte mich ab und ging zur Seite. Da stand ich vor einer großen Finsternis, so daß ich mich nicht zurecht finden konnte, und aus diesem dunklen Lande scholl mir eine Donnerstimme entgegen und rief mir zu, es gebe keine Flucht für mich, sondern ich müßte über den engen Pfad. Ich versuchte nun, ihn hinanzuklimmen, aber die Hitze aus dem brennenden Abgrunde war furchtbar, so daß ich in Todesschweiß niedersank. Aber als ich zu Boden fiel, wandte sich mein Blick aufwärts zu dem Gipfel des Berges und sah eine Gestalt auf einem grünen Hügel stehen. Diese Gestalt war sehr hell, denn sie ward von der Sonne beschienen, und sie kam mir auf dem schmalen Wege entgegen, streckte die Hand gegen mich aus und winkte mir. Da raffte ich mich auf, hielt beide Hände von der Seite vor mein Gesicht, um es vor der Glut des Abgrunds zu schützen, und kletterte empor durch Rauch und Glut, obwohl ich es unerträglich für menschliche Gestalt fand. Und endlich kam ich am Abgrunde vorbei und nahe dem grünen Hügel, auf dem der Fremde gestanden hatte, und das Land war ringsum hell und schön, aber als ich nun den Fremden, der vor mir hergeglitten war, anreden wollte, da wachte ich auf.«
»Und was denkst du selbst über diesen Traum?« fragte der Missionar. »Was, meinst du, könnte seine Bedeutung sein?«
»Dieser Traum sitzt in mir, wie ein vergifteter Pfeil im Fleisch sitzt,« entgegnete der Häuptling. »Ich kann es nicht aushalten, darüber nachzudenken, außer in einer einzigen Art.«
»Und welche Art ist dies?«