»Ich denke, der Pfad war der schmale Weg, von dem du gesprochen hast, daß er zum Himmel führe. Die helle Gestalt aber ist der Heiland, von dem du gesagt hast, daß er alle Menschen erlösen wolle. Das Feuer und der Rauch aber sind die Mühsale, die ich zu überstehen habe, wenn ich ein guter Mensch und ein Christ werden will. Denn ich bin ein Häuptling, und meine Krieger werden mich verachten, die Buern aber werden mich töten, wenn sie mich nicht mehr zu fürchten haben.«

Nachdem er dies gesagt hatte, stand der Häuptling auf, ging langsam von dannen und ließ sich eine Woche lang nicht wieder sehen. Die Weißen aber erhielten nach dieser Zeit die Nachricht, daß die Räuber eine Ratsversammlung, einen Pitscho, wie die Betschuanen sagen, abhalten wollten. Der Pitscho sollte auf der Khotla, dem freien Platze neben dem Dorfe des Fledermaus, sein.

An dem bestimmten Tage sahen die Weißen eine Schar Krieger nach der andern herankommen, denen die Anführer mit seltsamen Sprüngen und mit hoch geschwungenen Waffen voranschritten. Alle die verschiedenen Abteilungen der großen Räuberschar, welche ringsum im Gebirge verteilt wohnten, kamen zusammen. Sie bildeten einen Kreis um einen großen Raum in der Mitte, hockten alle am Boden nieder und stellten ihre Schilde vor sich, so daß eine geschlossene Wand wie eine Barriere den inneren Kreis bezeichnete, während dahinter dichte Scharen lagerten. Alsdann stimmten sie einen gemeinsamen Gesang an, und Titus Afrikaner als der Vornehmste unter ihnen führte einen Tanz auf, indem er mit feierlichen Schritten und Sprüngen inmitten des freien Platzes die Musik begleitete. Hierauf hockte auch er nieder, und nun stand einer der Führer auf und hielt eine Rede, welche er mit dreimaligem Geheul einleitete. Diese Rede enthielt eine scharfe Verurteilung der beiden Häuptlinge Titus Afrikaner und Fledermaus und war mit sehr spitzigen Bemerkungen gewürzt. Er sagte, daß die Häuptlinge in ihrer Sorge für das Wohl des Volkes nachgelassen hätten. Besonders sei Titus Afrikaner zu tadeln. Anstatt sich bei den Führern der Krieger Rats zu holen, sitze er mit den Weißen zusammen, und sie schwatzten wie die Weiber. Darüber werde vergessen, Raubzüge in das umliegende Land zu unternehmen und Vieh zusammenzutreiben. Man könne sehen, daß die Häuptlinge fett würden, und das sei kein gutes Zeichen, denn die Beleibtheit eines Häuptlings verrate, daß er sich wenig Sorge um seine Untergebenen mache und den Gebrauch der Waffen vernachlässige. Nachdem der Redner geendigt hatte, trat ein anderer auf, und nach diesem ein dritter. Ein jeder brachte ähnliche Klagen vor. Das Vieh verringere sich, das Ansehen der Schar nehme ab, die Krieger würden unter solchen Verhältnissen unlustig. Und zum Schluß richtete ein vierter Redner unter allgemeinem Beifall der Versammlung die Aufforderung an Titus Afrikaner, alsbald den jungen Engländer für ein gutes Lösegeld seinen Landsleuten zurückzugeben, den Buernsohn zu töten und den Missionar fortzuschicken, dann aber sogleich einen großen Zug in das Buernland zu unternehmen, um die Würde seines hohen Amtes wiederherzustellen.

Der Missionar, welcher nebst dem Lord und dem Buernsohn der Versammlung außerhalb des Kreises beiwohnte, war nicht verwundert über diesen Gang der Verhandlung, da ihm wohl bekannt war, mit welchem Freimut bei den meisten südafrikanischen Völkern die Pitschos hinsichtlich der Häuptlinge verfahren. Aber er war verwundert, als er, nachdem die Ankläger still geworden waren, keine Entgegnung vernahm. Denn in der Regel pflegt der getadelte Häuptling, wenn alle Unzufriedenen geredet haben, sich zu verantworten. Er pflegt seine ganze Beredsamkeit bis zum Ende der Verhandlungen aufzusparen, um dann die gehaltenen Reden zu zergliedern und in wütender Sprache diejenigen zu geißeln, welche gewagt haben, ihm ihre Füße auf den Nacken zu setzen. Aber hier geschah dergleichen nicht. Titus Afrikaner blieb mit gesenktem Haupte sitzen, als ginge die Sache ihn nichts an oder als wisse er nicht, was er sagen solle. Alle blickten verwundert auf ihn, und sein Bruder Fledermaus erhob sich und sah ihn vorwurfsvoll an.

»Redest du nichts?« fragte Fledermaus. »Weißt du nichts zu sagen, und soll ich als Jüngerer für dich sprechen?«

Titus Afrikaner erhob sich langsam, stützte sich auf die Streitaxt, die er in der rechten Hand trug, sah mit wehmütigem Blicke über die Versammlung hin, und sein Gesicht zuckte von schmerzlichen Gefühlen.

»Meine Freunde,« begann er, »es war eine Zeit, wo ein Häuptling in den fernen Thälern wohnte, dort, wo die Sonne um Mittag steht. Er wohnte mit seinem Bruder und seinen Schwestern in den Gefilden, die seinen Vätern gehört hatten, und ringsum waren die Wiesen bedeckt von seinem Vieh. Er war glücklich und reich. Aber Morimo zürnte ihm und ließ die weißen Männer in sein Land kommen. Er verlor durch die Buern alles, was er hatte, sein Vieh, seine Familie, seine Wiesen und Äcker, es blieb ihm nur sein treuer Bruder, und es blieben ihm seine Waffen und einige Freunde. Er schwur, daß er den Weißen nie verzeihen werde, und zog in das Gebirge; dort versammelte er viele hundert tapfere Männer um sich und führte Krieg gegen die Buern. Wiederum ward er reich und stark, aber glücklich ward er nicht. Denn in seinem Herzen peinigte ihn jenes unsichtbare Wesen, von welchem die weißen Männer Kunde haben, und machte ihn unruhig. Es flüsterte ihm zu, daß die erschlagenen Männer und die verwaisten Kinder ihm zürnen und ihm keine Ruhe lassen würden, wenn sie ihm dereinst nach dem Tode an jenem Orte über der Erde begegneten, wo die Verstorbenen leben. Nun ist dieses unsichtbare Wesen so stark in ihm geworden, daß es ihn betäubt und ihm den Anblick seiner Krieger und des fetten Viehes verleidet. Er will nicht mehr mit den Waffen in die Ebene ziehen und Mord und Brand unter den Weißen verbreiten. Darum fahrt wohl, kriegerische Waffen und Schmuck des Häuptlings! Titus Afrikaner will euch nicht mehr tragen, er will im Verborgenen leben und Gott bitten, daß er seiner Seele gnädig sei.«

Mit diesen Worten legte der Häuptling die Streitaxt und die Büchse zu Boden, streifte die goldenen Ringe von den Armen und nahm die Kriegsfedern vom Haupte.

Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen in der bestürzten Versammlung, dann aber erhob sich lautes Schreien und höhnisches Lachen, mehrere der Führer aber zückten ihre Wurfspieße, als wollten sie den Häuptling niederstoßen, der ein in ihren Augen so jämmerliches Schauspiel bot.

Aber mit einem Male änderte sich die Haltung des Pitscho, und von neuem trat Schweigen ein. Zwei dunkle geschmeidige Gestalten traten in den Kreis ein, und Pieter Maritz erkannte in diesen die Gesandten des Zulukönigs, Humbati und Molihabantschi.