»Aber wenn ich dich nun bäte, mir deine Dankbarkeit dadurch zu bezeugen, daß du diese jungen Leute heimkehren ließest?« fragte der Missionar den Zulu. »Sie sehnen sich nach ihrer Heimat. Laß sie ziehen, gieb ihnen die Freiheit. Ich aber will mit dir gehen.«
»Es ist unmöglich,« antwortete Humbati. »Ich würde den Zorn des Königs auf mich laden. Dies muß außer Frage bleiben. Die Jünglinge müssen mit mir gehen.«
Er richtete seine glänzenden Augen auf die jungen Leute. »Wenn die weißen Jünglinge mir ihr Wort geben wollen, nicht zu entfliehen,« sagte er in seinem gebrochenen Englisch, »so werde ich ihnen ihre Pferde lassen, damit sie reiten können. Und auch ihre Waffen werde ich ihnen geben, denn es ist für einen Krieger schmerzlich, unbewaffnet zu gehen.«
Beide versprachen, nicht entfliehen zu wollen, und nun wandte sich Humbati von neuem an den Missionar und bat ihn wieder mit flehendem Tone, gleichfalls mitzuziehen und ihn nicht der Gefahr auszusetzen, den Zorn des Königs ertragen zu müssen.
»Nun, wie Gott will!« rief der Missionar. »Ja, ich werde mit dir ziehen.«
Hocherfreut stand der Zulu auf und ging hinaus, um die Vorkehrungen zum Aufbruch zu treffen, und auch die Weißen packten ihre Habseligkeiten zusammen und sahen nach dem Wagen und den Zugochsen.
Draußen hatte sich die Scene sehr verändert. Die Khotla war leer, die Kriegerhaufen waren abgezogen, aber die Bewohner des Dorfes standen in Gruppen beisammen und hatten viel miteinander zu reden. Es dauerte noch einige Stunden, bis alles zur Abreise gerüstet war, bis Jan, Christian und Kobus das Gepäck des Missionars auf den Wagen gebracht und die Ochsen zusammengetrieben und eingespannt hatten und bis endlich die Pferde und Waffen herbeigeschafft worden waren, wie Humbati versprochen hatte. Der Lord und Pieter Maritz erwarteten diesen Augenblick in fieberhafter Aufregung. Acht Wochen lang hatten sie in dem Dorfe einsam unter Schwarzen gesessen, und diese Zeit war ihnen wie eine traurige Gefangenschaft erschienen. Die Aussicht, ihre Pferde wiederzusehen, war für sie ein Gefühl, als sollten ihnen Flügel wachsen, mit denen sie sich aus dem Kerker emporschwingen und die Freiheit erreichen könnten. Der Gedanke, wieder im Sattel sitzen und davonreiten zu können, war für sie so süß, daß sie darüber selbst die Besorgnis vergaßen, welche ihnen die erzwungene Reise ins Zululand einflößen mußte. Die Wunde des Lord war inzwischen vollständig geheilt. Längst hatte er das Pflaster abgenommen, und der Riß in der Haut zeigte sich vollständig geschlossen, nur noch eine rötliche Narbe war zurückgeblieben. Ja, es zeigte sich zu seinem Erstaunen nicht notwendig, den Faden, mit welchem der Riß zusammengenäht worden war, herauszuziehen. Da dieser aus Tiersehnen bestanden hatte, war er vom Fleisch vollständig aufgesogen worden und verschwunden. Als nun die Tiere endlich erschienen, von zwei Kaffern am Zügel geführt, Sattel und Zaumzeug in leidlicher Ordnung und die Tiere selbst, wenn auch nicht eben blank geputzt, so doch gut gefüttert und gesund, da brachen dem Buernsohn die Thränen aus den Augen hervor, und der Lord wurde nur mühsam seiner Bewegung Meister. Pieter Maritz lief mit einem Freudenschrei auf Jager zu, umarmte seinen Hals und Kopf, drückte die Wangen an die Nüstern des Pferdes und ward nicht müde, es zu streicheln und mit ihm zu sprechen. Auch Jager freute sich des Wiedersehens, rieb den Kopf an des Knaben Schulter, wieherte und scharrte mit dem Fuß. Voll Lust schwang sich der Knabe in den Sattel und ritt voll Wonne auf dem freien Platze umher. Lord Fitzherbert betrachtete mit emporgezogenen Lippen den Sattel auf seines Rappen Rücken. Die ehedem helle Lederfarbe war schwarz geworden und das Leder war ganz von Fett durchtränkt, ein Zeichen, daß gar manches Mal ein fettglänzender Räuber darauf gesessen hatte. Aber er überwand den Ekel über den Zustand des Sattels in der Freude über den wiedererlangten Besitz des schönen Pferdes. So stieg auch er hinauf und probierte das Tier in allen Gangarten. Es war etwas aus der Übung gekommen und hatte die schulmäßigen Gänge etwas verlernt, aber es war gesund auf den Beinen, und der junge Offizier atmete erleichtert auf. Dann wurden von den Räubern die Waffen gebracht. Pieter Maritz ergriff das gute Gewehr, welches schon sein Vater geführt hatte, und sah, daß die der Feuerwaffe kundigen Schwarzen es in gutem Stande gehalten hatten. Es war rein und gut geölt, die Federn spielten richtig. Auch den Gurt mit den Patronen und den Hirschfänger erhielt er zurück, und bald war er wieder beritten und gerüstet wie damals, wo er vom Buernlager ausritt, um die Zulus zu überwachen. Nur hatte sich die Sache in ihr Gegenteil verkehrt: er war der Gefangene, und Humbati und Molihabantschi überwachten ihn. Der Lord empfing seinen Pallasch, seine Patrontasche mit goldgesticktem Bandelier und seinen Helm. Er machte eine seltsame, jedoch nicht unkriegerische Figur in dem Rocke des Missionars, über welchen er den Gurt des Degens schnallte und das Bandelier hängte. Sogar seine Uhr und sein goldenes Etui erhielt er zurück, und nur seine Börse mit Geld blieb ihm verloren. Er schrieb einige Worte auf ein Blatt Papier, steckte dies in das Cigarrenetui, ritt auf Fledermaus zu und überreichte es ihm.
»Nimm dies zum Andenken, du Niggerräuber,« sagte er englisch, — was Fledermaus nicht verstand. »Und wenn dich meine Landsleute einmal an einem Baume aufknüpfen wollen zum wohlverdienten Lohne deiner Thaten, so zeig' ihnen dies und berufe dich auf meine Empfehlung. Denn du hast mich, wenn man eins ins andere rechnet, anständiger behandelt, als irgend ein Räuberhauptmann in Europa mich behandelt haben würde.«
Fledermaus zog die Lippen auseinander, daß seine prachtvollen weißen Zähne glänzten, und steckte das schöne Etui dankend in seinen Karoß.
Währenddessen traten zwölf Kaffernkrieger aus der Bande des Fledermaus heran, den Speer in der Rechten, den Schild in der Linken, die Streitaxt und das Messer im Gürtel. Sie bildeten die Begleitung, welche die Gesandten sich zur Sicherung ihres Marsches bestellt hatten. Aber zum höchsten Erstaunen der Weißen erschien auch Titus Afrikaner. Er war ohne Waffen, trug keine Federn im Haar, sondern war einfach in seiner Tracht wie einer der Diener des Missionars. Nur der kurze Mantel von Leopardenfell bedeckte ihn, und er war mit dem Karoß umgürtet. Ihn begleiteten in Waffenrüstung etwa zwanzig seiner treuesten Anhänger, die den Häuptling nicht verlassen, sondern mit ihm Christen werden wollten.