»Behalte mich bei dir,« sagte er zum Missionar. »Ich habe dich noch vieles zu fragen. Ich übergebe dir meine Seele, daß du sie errettest.«
Der Missionar war tief bewegt von der demütigen Erscheinung des sonst so stolzen und wilden Kriegers. Er schloß ihn in seine Arme und rief laut: »O Titus Afrikaner, du hast viel gethan! Du hast den schwersten Kampf gefochten, und du hast gesiegt!«
Dann setzte sich der Zug in Bewegung und verließ die Hochebene, um in südöstlicher Richtung weiterzuziehen. Voran schritten die Gesandten, ihnen folgten der Missionar und Titus Afrikaner zu Fuße gehend und in religiösem Gespräch, hinter ihnen gingen die Anhänger des ehemaligen Räuberfürsten, von denen einer das Pferd des Missionars am Zügel führte. Auf diese folgte der Ochsenwagen, hinter diesem ritten der Buernsohn und der Lord, und den Beschluß machten die zwölf schwarzen Krieger, welche die Eskorte der Gesandten bildeten.
Langsam stieg der lang gedehnte Zug vom Gebirge hinab zu der Ebene im Südosten, welche von den Nebenflüssen des in den Indischen Ocean sich ergießenden Umzuti bewässert wird und mit vielen Wäldern bedeckt ist. Als es Abend ward, war noch nicht der Fuß des Gebirges erreicht, denn erst am Nachmittage war der Aufbruch geschehen, und in einem schönen grünen Thale ward Rast gemacht. Bei so zahlreicher und tapferer Begleitung war an keine Gefahr zu denken, obwohl das Gebrüll des Königs der Tiere in der Ferne zu hören war. Ein mächtiges Feuer ward angezündet, und erlegte Tiere, welche den Assagaien der schnellen Krieger während des Marsches zum Opfer gefallen, wurden gebraten. Am andern Tage ging der Zug weiter und trat nach wenigen Stunden in die Ebene ein. Weite Grasflächen, gleich Feldern von hohem, gelbem Weizen im Hauche des Windes schwankend und wogend, bedeckten das Land, und dazwischen standen hier und da dichte Haufen von Mimosen als kleine Gehölze. Der Monat März endigte, der Herbst fing an, soweit von einem Herbst die Rede sein kann in einem den Tropen nahen Lande, welches den Winter nur als Regenzeit kennt. Zahlreiches Wild war zu sehen, und genügender Vorrat für den Tag ward erlegt. Zuweilen wurden Bewohner dieser Gegend angetroffen, armes Volk, das nur von Wurzeln und Jagdbeute lebte und keine andern Wohnungen als Erdhöhlen hatte. Sie bettelten um Tabak und starrten voll ehrfürchtiger Scheu auf die kriegerische Gesellschaft, welche durch ihr Land zog. Sie waren die Genossen des Löwen, der hier Gebieter war, und kannten seine Gewohnheiten genau. Als am Abend Rast gemacht wurde und sie Holz herbeischleppten und sich bettelnd herzudrängten, ging nicht weit von diesem Platze ein Löwe vorbei und stieß von Zeit zu Zeit ein Brüllen aus, welches in der Entfernung erstarb.
»Fürchtet ihr euch nicht?« fragten die schwarzen Krieger. »Denkt ihr nicht, daß er kommen könnte, um euch zu fressen?«
»O nein,« sagten sie, nachdem sie auf den Ton des Brüllens gelauscht hatten. »Es ist keine Gefahr, denn er hat gegessen und geht nun heim, um zu schlafen.«
»Woher wißt ihr, daß er satt ist und schlafen will?«
»Wir leben mit den Löwen,« antworteten die armen Leute, »sie sind unsere tägliche Gesellschaft. Da müssen wir wohl ihre Sprache verstehen.«
Am Tage darauf aber fand ein ernstliches Zusammentreffen mit einem der starken wilden Tiere statt. Der Zug ging an einem dichten Gebüsch hin, und er war lang auseinander gezogen. Die Gesandten und der Missionar nebst Titus Afrikaner und dessen Leuten waren weit voraus, während der schwere Ochsenwagen langsam nachkam. Als nun die Zugtiere schnaufend und ächzend unter unaufhörlichem Rufen der Treiber und dem gellenden Klatschen der langen Peitsche an einer besonders undurchsichtigen Stelle des Dickichts vorüberkamen, sprang plötzlich, obwohl es mitten am Tage und heller Sonnenschein war, ein gewaltiger Löwe aus dem Schatten hervor und einem der stärksten Ochsen auf den Nacken. Mit einem einzigen Schlage seiner Pranke hatte er das Tier getötet und bemühte sich nun, es seitwärts in das Gebüsch zu schleppen, was ihm natürlich nicht gelang, da der Ochse im Geschirr lag. Eine entsetzliche Verwirrung entstand. Alle Ochsen brüllten und bemühten sich, nach verschiedenen Richtungen davonzulaufen. Die Treiber schrieen voll Entsetzen und flüchteten. Während nun die Kaffern mit ihren Speeren herbeiliefen, um das Untier anzugreifen, das mit seinen Zähnen an dem getöteten Ochsen zerrte, hatte Pieter Maritz seine Büchse von der Schulter genommen und schoß vom Sattel aus. Aber seine Kugel streifte den Löwen nur an der Haut, indem sie durch die Mähne fuhr, weil das Tier im Augenblick des Schusses eine Bewegung gemacht hatte. Der Löwe ließ nun von dem Ochsen ab, stieß ein furchtbares Gebrüll aus und kauerte sich nieder, um auf den Knaben zu springen. Pieter Maritz wandte sein Pferd, ritt eilig eine Strecke zurück, sprang ab und zielte von neuem. Der Löwe hatte sich aufgerichtet und sah dem Knaben brüllend entgegen. Die Kugel traf diesmal gerade in den weit geöffneten Rachen und zerschmetterte ihm mehrere Zähne, ohne das Tier jedoch tödlich zu treffen. Außer sich vor Wut, stürzte der Löwe vor, ohne sich um die Kaffern zu bekümmern, die ihn von der Seite her angreifen wollten. Aber schon war Pieter Maritz wieder im Sattel und jagte davon. Der Löwe, gewohnt, im Sprunge anzugreifen, folgte nur eine kurze Strecke und kauerte sich dann von neuem nieder. Seine Brust war mit Blut bedeckt, welches ihm aus dem Rachen floß. Pieter Maritz hielt von neuem das Pferd an, sprang ab und feuerte zwei Schüsse hintereinander ab. Diesmal folgte der Löwe nicht wieder. Eine Kugel hatte ihm die rechte Pranke zerschmettert, die andere ihm die Brust durchbohrt. Aber so zäh war das Leben in diesem starken Tiere, daß es noch einer letzten Kugel bedurfte, die ihm aus der Nähe hinter der Schulter eindrang, um es völlig tot niederzuwerfen. Es war ein ganz alter Löwe, den langes Jagdglück so mutig gemacht hatte, daß er am Tage anzugreifen wagte.
An den folgenden Tagen änderte sich die Landschaft, durch welche der Zug ging. Sie ward hügelig, und die Höhen waren bis zum Gipfel mit Wald bedeckt. Oft zeigten sich Affen und glänzende Vögel in den Bäumen. Die Thäler waren mit immergrünen Pflanzen geschmückt und von hellen Gewässern durchrieselt, welche alle nach mannigfachen Windungen ihren Weg nach dem Indischen Ocean nahmen, der auf der einen Seite die Ostküste Afrikas und die Insel Madagaskar, auf der andern Seite die indische Küste und den Malaiischen Archipel bespült. Oft ward Lord Fitzherbert beim Anblick der Landschaft an Schottlands Hügel und Thäler erinnert, wie er sagte.