Traurig aber war es, inmitten dieses Reichtums der Natur auf zahlreiche Spuren zu treffen, welche anzeigten, daß dies Land einst dicht bevölkert gewesen war, während jetzt nur das Brüllen des Löwen ihm Leben gab. An den Abhängen der Hügel lagen ganze Städte in Ruinen, wo einst Tausende inmitten bebauter Felder und blühender Gärten gewohnt haben mußten. Üppiges Gras wucherte über zerfallenen Wänden und Zäunen. Die verwüstenden Einfälle der Mantatis, Matabeles und Zulus hatten den Raubtieren dieses reiche Land zum Jagdgefilde gemacht. Die Löwen, an die Schwelgerei in Menschenfleisch gewöhnt, umgaben mit immer größerer Frechheit den Zug, als ob der menschliche Leib die ihnen gebührende Nahrung sei, und allnächtlich hörte man ihr Gebrüll in der Nähe des Lagers. Einmal ward auch ein Rhinozeros durch das Knallen der langen Peitsche aus seinem Schlummer geweckt und erhob seine graue finster drohende Masse aus dem hohen Grase, so daß die Zugochsen voll Angst und Schrecken gleich Rennpferden davonzustürmen begannen und der Wagen zerbrochen niederstürzte. Vergeblich schlugen Büchsenkugeln auf das dicke Fell des gewaltigen Tieres, es zog in langsamem Trabe ab in den Wald, wo die kleineren Bäume sich krachend beiseite bogen vor seiner Last. Es kostete Mühe und Zeit, den Wagen wiederherzustellen. Oft mußte der Zug in dem wegelosen Lande sehr große Umwege machen, um den Wagen fortbringen zu können und tiefe Schluchten zu vermeiden. Mehrmals mußten Schaufeln und Hacken gebraucht werden, um den Weg fahrbar zu machen.

Am sechsten Reisetage gelangte der Zug zu den ersten Außenposten der Zulus, welche an der Grenze aufgestellt waren, um die Ankunft von Feinden zu erspähen und die Flucht oder den Raub der Viehherden aus dem Innern des Landes heraus zu verhindern. Ehrfurchtsvoll begrüßten die Zulukrieger die herankommenden Gesandten. An eben dieser Stelle, in einem Engpaß zwischen bewaldeten Höhen, bot sich ein Anblick, der selbst den Missionar, obwohl er landeskundig war, überraschte. Ein wunderschöner und riesiger Baum stand im Thale, eine Art von Feigenbaum, der seine belaubten Äste und Zweige nach allen Seiten ausstreckte und eine runde, gewölbte Form gleich einer Linde, nur größer, hatte. Aus dem Grün aber blickten spitze Dächer wie von Hütten hervor, und schwarze Gesichter erschienen zwischen den Zweigen. Mehrere Schwarze saßen auch an den Wurzeln des Baumes. Es zeigte sich, daß der Baum bewohnt war und daß siebzehn kleine Hütten in seinen Ästen zu zählen waren. Die Weißen stiegen neugierig den mit vielen Knoten besetzten Stamm hinan und besuchten die Einwohner, welche dem Stamme der Eingeborenen angehörten, die ehemals das Land bevölkert hatten, nun aber fast ganz ausgerottet waren. Die kleinen Hütten, in welchen ein Mann kaum aufrecht stehen konnte, waren sehr elend ausgestattet. Getrocknetes Gras bedeckte den Fußboden, und ein Speer, ein hölzerner Löffel und ein Topf voll gedörrter Heuschrecken war der einzige Besitz in der Familie, welche sie besuchten. Das Gebäude war so hergestellt, daß aus geraden Brettern eine Plattform gebaut war, auf welcher sich eine spitze Hütte, ähnlich einem Schilderhause, erhob. Doch nahm diese Hütte, welche kaum zwei Meter Durchmesser hatte, nur die Hälfte der Plattform ein, die andere Hälfte gab einen freien Platz vor der Thür. Ein Weib mit einem Kinde an der Brust saß in der Thür, während der Mann und einige Knaben sich in der Nähe auf den Zweigen wiegten. Der Missionar bat um etwas zu essen, und bereitwillig bot ihm die Frau von den Heuschrecken an. Mehrere andere Frauen kamen unterdessen herangeklettert und sprangen von den Nachbarhütten her von Ast zu Ast, hockten in einiger Entfernung nieder und guckten und schwatzten. Der Missionar kostete die Heuschrecken und gab der Frau dann Maiskuchen und getrocknetes Fleisch aus seiner Tasche. Der Lord teilte Tabak unter alle die Leute aus, welche in der Nähe zu sehen waren. Furcht vor den Löwen war es, was diese armseligen Leute zu solchem Wohnen getrieben hatte.

Als die Reise weiterging, erschien das Land immer dichter mit Ruinen von Städten und Dörfern bedeckt. Einige dieser Ruinen waren von erstaunlicher Ausdehnung. Dazu waren Hügel und Thäler sehr reich an Boden und Wasser. Der Boden war an manchen Stellen ganz schwarz, eine fette Erde, die, wohl drei bis sechs Meter tief, von den schnell fließenden Gewässern angeschwemmt, den Granitgrund bedeckte. Noch waren Spuren davon zu finden, daß ehedem Kafferkorn, Wassermelonen, Kürbisse, Bohnen und Hirse hier gewachsen waren. Die Ruinen mancher Städte zeigten Spuren großer Arbeitsamkeit und Ausdauer. Steinerne Einfriedigungen, einige vier, einige bis zu sieben Fuß hoch, waren zu sehen, und diese Mauern waren ohne Mörtel, ohne Richtscheit, ohne Werkzeug ausgeführt. Ein jedes Ding war kreisrund: sowohl die inneren Umwallungen und Zäune, welche jede einzelne Wohnung umgaben, als auch die äußeren Mauern, welche das ganze Dorf oder die ganze Stadt umschlossen, waren im Zirkel aufgebaut. Als der Missionar mit seinen jungen Freunden durch die Trümmerfelder dieser Städte hindurchstrich, fanden sie die Überbleibsel einiger Häuser, welche den Flammen entgangen waren. Diese waren groß und in einer Bauart errichtet, die weit ausgebildeter war als irgend eine andere, welche sie bis jetzt unter den Wohnorten der Eingeborenen Südafrikas gefunden hatten. Die kreisrunden Wände waren gemeiniglich aus einer harten Thonart mit geringer Beimischung von Kuhdünger gebildet und so gut verstrichen und geglättet, indem die äußere Fläche aus feinerem Thon mit Erzstaub vermischt war, daß das Innere der Häuser den Anschein hatte, als wäre es gefirnißt. Mauern und Flure waren hübsch verziert und mit Architraven und Simsen gegliedert. Die Stützen, welche das vorspringende Dach trugen, hatten Säulenform und waren mit Bildwerken verziert, welche Geschmack bezeugten. Doch war alles in einem zerbrechlichen Material ausgeführt, nur das Fundament und die äußeren Einfriedigungen waren von Stein. Alle Häuser trugen ein konisch geformtes Dach, welches so weit vorsprang, daß um das Gebäude herum eine schattige Veranda entstand. Der Bau der Einfriedigungen mußte unendliche Mühe gemacht haben, denn alle Steine waren augenscheinlich auf den Schultern von Menschen herbeigeschleppt, und die Orte, woher sie gebracht worden waren, lagen weit entfernt. Auch die umgebenden Hügel, welche die Spuren der Landwirtschaft zeigten, bewiesen Ausdauer und Fleiß der Bewohner, denn die Instrumente, mit denen sie bearbeitet worden waren und deren manche umherlagen, waren von einfachster, rohester Beschaffenheit. Es waren die Wohnsitze der Bakonis, und Feuer und Schwert hatten die Einwohner und ihre Städte zerstört.

Nachdenklich durchwanderte der Missionar diese Stätten der Verwüstung und dachte zurück an die Zeit, wo diese Hügel und Thäler, die nun ein Bild der Zerstörung und Verödung boten, von den Ausbrüchen heidnischer Lust erfüllt gewesen waren. Nun war nichts übriggeblieben als zertrümmerte, rauchgeschwärzte und von Gras überwucherte Mauern, Steinhaufen und Schutt, vermischt mit den Knochen der Ermordeten, und die weißen Schädel, welche zwischen den Ruinen hier und da vom Boden emporblickten, schienen eine schaurige Geschichte erzählen zu wollen. Raubvögel, Schakale und Löwen sowie giftige Schlangen waren jetzt die einzigen Bewohner der einst lachenden Gefilde.

»Ist es nicht, als ob der Zulukönig sein Land mit einem Gürtel der Verwüstung hätte umgeben wollen?« fragte der Lord den Missionar. »So gingen einst die französischen Heere aus, um die deutschen Nachbarstaaten in eine Einöde zu verwandeln, doch haben die Zulus ihre Sache noch gründlicher verstanden, als die Generale Ludwigs des Vierzehnten.«

Von Zeit zu Zeit traf der Zug auf Viehherden der Zulus, welche auf den Trümmerfeldern weideten, und Leute, die dem vernichteten Volke angehörten, dienten als Knechte bei deren Hirten. Aber wenn die Weißen sich nach früheren Zeiten bei ihnen erkundigen wollten, wichen jene scheu aus, denn sie fürchteten sich, die vornehmen Leute, welche den Reisezug anführten, zu erzürnen. Sie zitterten vor den hochmütigen Zulus, die das Land mit eiserner Rute beherrschten. Auch wurde es offenbar, daß die Eroberer bestrebt waren, ein Dunkel über die Ereignisse zu verbreiten, welche die ringsum sichtbare Verwüstung herbeigeführt hatten, denn Humbati und Molihabantschi traten immer herzu, wenn der Missionar sich mit den Leuten bei den Viehherden unterhalten wollte. Doch war einer unter den Anhängern des Titus Afrikaner, der aus dieser Gegend gebürtig war, ein athletischer, ernst blickender Krieger, welcher mit trübem Blick über die öden Gefilde hinsah. Er erzählte in der Betschuanensprache dem Missionar von der Geschichte seines Vaterlandes. Er beschrieb die frühere Einwohnerschaft desselben als so zahlreich wie die Heuschrecken, reich an Vieh, und als Handelsleute, welche mit den Erzeugnissen ihrer Industrie und Viehzucht selbst entfernt wohnende Völkerstämme versorgt hätten. Er war Zeuge der Einfälle der Matabeles und Mantatis gewesen, welche Wohlstand und Glück der Bewohner gleich einer Sturmflut hinweggeschwemmt hatten, aber nichts — so sagte er — habe an Furchtbarkeit dem Eindringen der Heere Pandas und seines Sohnes Tschetschwajo geglichen. Doch wagte er nur flüsternd und heimlich über diese Dinge zu sprechen.

An einem Morgen, als die Ochsen zusammengetrieben wurden, um angespannt zu werden, hatte der Missionar einen Hügel erstiegen, an dessen Fuße während der Nacht geruht worden war. Er setzte sich eben unter einem Feigenbaume nieder und blickte nach dem Horizont, als jener Begleiter des Titus Afrikaner sich zu ihm stahl, um ihm Antwort auf einige Fragen zu geben, die er gestern wegen der Nähe der Zulus nicht hatte beantworten wollen. Er kauerte neben dem Missionar im Grase nieder, und beide unterhielten sich, als der alte Mann nach einem Trümmerfelde zeigte, welches sich rechter Hand in der Ebene zeigte, und seinen Genossen fragte, was wohl aus den ehemaligen Bewohnern jener Stadt geworden sein möchte. Der Bakoni warf einen Blick dorthin, und nach einer Pause des Brütens sprang er im Übermaß seiner Gefühle in die Höhe, streckte seine rechte Hand in der Richtung der Trümmerstätte aus und rief: »Ich bin es, ich, der dort herrschte.« Er versank von neuem in Nachdenken und fuhr dann fort:

»Dort lebte der große Häuptling vieler Menschen. Er herrschte unter ihnen wie ein König. Er war der Häuptling des blaufarbigen Hornviehes. Es war zahlreich wie der dichte Nebel auf dem Kamme des Gebirges, seine Herden erfüllten die Ebene. Er dachte, die Menge seiner Krieger würde seine Feinde in Schrecken halten. Sein Volk rühmte sich seiner Speere und lachte über die Feigheit derer, welche aus ihren Städten geflohen waren. Ich werde sie schlagen und ihre Schilde an meinem Hügel aufhängen. Unser Stamm ist ein Stamm von Kriegern. Wer hat je unsere Väter unterjocht? Sie waren mächtig in der Schlacht. Wer ist nicht im Besitz der Beute alter Zeiten? Haben nicht unsere Hunde die Herzen der Edelsten unter unseren Feinden gefressen? Die Geier haben die Leichen unserer Feinde zerrissen. So sangen sie und so tanzten sie, bis sie auf jenen Höhen dort drüben den Feind herankommen sahen. Da verschlang die Nacht den Ton ihres Gesanges, da füllten sich ihre Herzen mit Traurigkeit. Sie sahen Wolken aufsteigen von den Gefilden. Es war der Rauch von brennenden Städten. Die Verwirrung eines Wirbelwinds erfaßte das Herz des großen Häuptlings über das blaufarbige Hornvieh. Es erhob sich ein Ruf: Es sind Freunde! Da verkündigten ihre Nähe die nackend einhermarschierenden Zulus. Die Männer ergriffen ihre Waffen und liefen hervor, als gelte es die Jagd auf schnellfüßige Antilopen. Ihr Angriff war wie die Stimme des Blitzstrahls, und ihre Speere erklangen wie der Herbststurm, der den Wald schüttelt. Aber die Zululöwen erhoben den Todesruf und flogen gegen ihre Schlachtopfer. Ihr Ruf war der Ruf des Sieges. Ihr zischender und heulender Schrei verkündigte ihren Fortgang unter den Erschlagenen. Nach einigen Augenblicken nur lagen Hunderte am Boden. Der Klang ihrer Schilde war das Zeichen ihres Triumphs. Unser Volk floh mit seinem Vieh auf die Spitze jenes Berges. Die Zulus drangen in die Stadt mit dem Gebrüll des Löwen, plünderten die Häuser und steckten sie in Brand, durchbohrten die Mütter mit dem Speer und warfen die Kinder in die Flammen. Die Sonne ging unter. Die Sieger kamen aus der rauchenden Ebene hervor, sie verfolgten ihren Lauf und umringten den Abhang jenes Berges. Sie schlachteten Vieh, sie tanzten und sangen, bis die Sonne wieder aufging, dann stiegen sie bergan und töteten, bis ihre Hände müde waren, den Speer zu schwingen.«

Der Bakoni schwieg, raffte eine Handvoll Staub vom Boden auf, blies ihn von der Handfläche weg und sagte: »Das ist alles, was übrigblieb von dem großen Häuptling des blaufarbigen Hornviehs.«

Die Richtung des Weges ward allmählich mehr südlich genommen, und große Wälder wurden durchschritten, mehrere Flüsse mühsam übersetzt. Starke Gewitterstürme überfielen tagelang den Zug und hinderten sein rasches Fortschreiten. Die Regengüsse waren so schwer, daß eine Überschwemmung durch die Ebene flutete. Der reiche schwarze Boden ward so mit Wasser gesättigt, daß es zwei Tage lang unmöglich war, weiterzukommen. Weder Menschen noch Tiere konnten sich darin bewegen. Die Räder des Wagens wurden zu einer Masse von Thon und Lehm und Erde, und nichts konnte diese zähe Masse entfernen. Die Hufe der Ochsen wurden zu riesigen Klumpen, so daß die Tiere sie nicht mehr zu erheben und weiterzusetzen vermochten. Doch die heiße Sonne trocknete alles wieder sehr schnell, und endlich kam der Zug in die Nähe von Ulundi, der Hauptstadt Tschetschwajos.