Zahlreiche Dörfer in der Nähe und vielfache Rauchsäulen in der Ferne, welche eine dichte Bevölkerung anzeigten, bereiteten die Reisenden auf den Anblick der Stadt des Zulukönigs vor. Humbati entfernte sich vom Zuge und ging ihm mit sechs Kriegern voran, um dem König den Besuch vorher anzumelden.
Der Wagen hatte einen Umweg zu machen, um die Furt durch einen kleinen Fluß zu finden, der diesseits der königlichen Residenz floß, und Molihabantschi machte den Vorschlag, die Weißen möchten mit ihm den geraden Weg machen, damit nicht eine Verzögerung entstände, während Titus Afrikaner mit seinen Leuten den Wagen begleiten und erst später eintreffen solle. Er schien ängstlich zu sein, daß der König vergeblich warten könnte. So stieg denn der Missionar am Tage nach der Entfernung Humbatis zu Pferde, und, von den Kafferkriegern begleitet, zogen die Weißen unter Führung Molihabantschis geradeaus, durchschwammen den Fluß und nahmen den kürzesten Weg nach der Hauptstadt. Am Flusse waren wohl hundert Leute versammelt, Einwohner benachbarter Ortschaften, und badeten, als die Reiter herankamen. Sie gerieten sichtlich in Schrecken bei dem Anblick der weißen Gesichter und Pferde und flohen in großer Hast. Dies zeigte den Reisenden, daß fremder Besuch weißer Farbe und daß Pferde hier eine seltene Erscheinung sein müßten.
Nach einigen Stunden, etwa um drei Uhr nachmittags, sahen sie das weite, von Hügeln und Bergen eingefaßte Thal vor sich, in welchem Ulundi, die Residenz des Königs, lag. An den grünen Hängen erblickten sie von weitem mehrere nebeneinander liegende dunkle Kreise, welche gleich großen Kränzen auf einer Wiese aussahen. Sie erfuhren, daß dies die Militärkraale, Garnisonen der Armee des Königs, seien. »Jener Kreis dort ist Umlambongwemja, der Kraal des verstorbenen Königs Panda, der darauffolgende ist Quikazi, der dritte ist Undabakaombi und der vierte ist Ulundi, wo der große Elefant wohnt,« sagte Molihabantschi erklärend.
Sie nahmen den Weg auf den letztgenannten Kraal, die Residenzstadt. Doch kein hervorragendes Gebäude zeigte die Stadt an, sondern nur der ausgedehnte Kreis von Rauchfähnchen, welche über konischen Dächern wehten, und eine große Menge von niedrigen dunklen Hütten. Auch war viel Volk am Wege zu sehen, welches durch das Gerücht von der Ankunft der Fremden herbeigelockt war. Die Residenz zeigte sich ihrer Form nach als eine Anzahl von Ringen, die ineinander steckten. Jeder Ring ward von einer Reihe Hütten gebildet, und inmitten des Ganzen war ein gewaltig großer freier Raum. Schon von fern war ein Blitzen und Funkeln in dem freien Raume und an dessen Rande zu bemerken. Die Reisenden konnten dies erkennen, da sie von der Höhe ihrer Pferde herab über die Zäune und Einfriedigungen hinwegsahen. Als sie dann bis in den äußersten Ring der Hütten gekommen waren, näherten sich ihnen einige Männer, welche vom Hofe zu sein schienen. Ihre Frisuren waren seltsam künstlich. Der eine hatte zwei hohe Spitzen von verklebtem Haar auf dem Kopfe, in welche hinein über der Stirn ein rundes Stück Elfenbein, so groß wie ein Fünfmarkstück, gelegt war. Der andere hatte unzählige kleine Wellen aus seinem Haar gebildet. Bei jedem war der Kopfputz anders. Sie trugen goldene Ringe sowie kostbare Mäntel von Affenfell und Kniebänder, von denen vor dem Schienbein weiße Ochsenschwänze herabbaumelten. Sie begrüßten Molihabantschi und die Weißen mit Verbeugungen und führten sie auf dem ferneren Wege. In der Nähe des großen freien Platzes standen auf jeder Seite wohl fünfhundert Krieger in vollem Waffenschmuck, welche Spalier bildeten, zwischen welchem die Fremden dahinzogen. Diese Krieger trugen sämtlich hohe, spitze Schilde, die ihnen vom Kinn bis zu den Füßen reichten, so daß sie den ganzen Körper schützen konnten. Die Schilde waren von Leder und verziert, und alle gleichmäßig rot bemalt. Außerdem trugen sie mehrere leichte Assagaien und einen stärkeren Speer mit blinkenden Eisenspitzen, dazu eine kurze Keule, den Kirri. Ihr Kopf war mit roten Federn, und Hals, Brust, Arme und Beine waren mit Behängen von Ochsenschweifen verziert. Sie standen unbeweglich in doppelter Reihe hintereinander, genau gerichtet, und Schilde und Lanzen in derselben Weise haltend. Nicht eine Feder rührte sich auf ihrem Kopfe, und nur die dunklen Augen rollten, und prachtvolle weiße Zähne leuchteten hier und da aus den schwarzen Gesichtern, welche im Gegensatze zu den andern Völkern Südafrikas einen Bart um Kinn, Wangen und Lippen hatten. Alle trugen die Haarkrone oben auf dem Haupte, während rundum über den Ohren und am Hinterkopfe alles Haar wegrasiert war. Die Haarkrone war mit Perlenketten umwunden. Es waren schöne, große Gestalten, alle von einer Größe, stark von Muskeln und glänzend von Fett.
Als die Weißen diesen lebenden Heckengang passiert hatten, traten sie in den weiten freien Platz ein, und sahen sich voll Überraschung um. Soweit ihr Auge umherblickte, fiel es auf Schilde, Speerspitzen und Kriegsfedern. Dichte Haufen von Kriegern umsäumten den Platz, Mann an Mann stehend, mehrere Glieder tief, unbeweglich und schweigend. Wohl zehntausend Mann mochten es nach der Schätzung des Engländers sein. Sie schienen in Regimenter abgeteilt und diese Regimenter durch Farben unterschieden zu sein. Denn hier war alles blau, Schilde und Federn, dort ebenso weiß, dort rot, dort schwarz und dort gelb, dort wieder gestreift, indem Rot und Weiß quer über den Schild gelegt waren. Überall aber blitzten über der rechten Schulter die breiten Spitzen der Speere.
Inmitten des tiefen Schweigens, welches über dem Platze lag, als sei es Mitternacht, ertönte jetzt ein Kommando hinter den Pferden, und das Rasseln vieler Speere und Schilde war zu vernehmen. Die tausend Krieger mit roten Schilden, welche Spalier gebildet hatten, zogen in vollkommen geordneten Zügen hinter den Gästen in den großen Platz ein und schlossen den Ausgang. Sie marschierten im Gleichschritt, machten Halt und Wendungen, daß alles ein Tritt, ein Schlag und ein Klirren war.
»Goddam!« rief der Lord voll Erstaunen, »diese Niggers exerzieren besser als die Garden der Königin!«
Jetzt wurde den Gästen bedeutet, sie möchten vom Pferde steigen. Sie kamen dieser Anordnung der Herren vom Hofe nach und faßten die Tiere am Zügel. Gleich darauf erhob sich gleichzeitig aus allen Teilen des weiten Platzes der Kriegsgesang, und die Pferde schnaubten ängstlich, als nach dem tiefen Schweigen plötzlich dieser mächtige Ton anhob. Es war eine Art von Harmonie in dem Gesange, und sämtliche Krieger stampften den Takt mit den Füßen, aber im ganzen rollte der Gesang wie Donner, der langhin hallend über die Erde zieht, und er hatte einen hohlen, erschütternden Klang, da die Krieger den Schildrand vor den Mund hielten und mit voller Kraft ihrer Lungen in die Wölbung hineinbrüllten. Nur an bestimmten Stellen ward dieser donnernde Klang von einer Musik unterbrochen, welche aus der Hölle selbst hervorzukommen schien. Das war, als wenn das Ächzen der Sterbenden auf dem Schlachtfelde nachgeahmt würde und sich mit diesem Ächzen die gellenden und zischenden Jubelrufe der Sieger vermischten.
Auf einmal aber hörte der Gesang auf, und wiederum trat eine Pause der Totenstille ein.
Die Fremden sahen sich verwundert um und fragten sich mit Blicken, was dies zu bedeuten habe, als nunmehr ihnen gegenüber die Reihen der Krieger sich öffneten und der Monarch erschien.