Das Mahl dauerte nur etwa eine Viertelstunde und hatte mehr die Bedeutung einer Ceremonie, mit welcher die Gäste willkommen geheißen wurden, als daß es hätte zur Sättigung dienen sollen. Während desselben ließ der König seinen Blick forschend auf den Gästen weilen, und ganz besonders schienen ihn der Pallasch und die Patrontasche des Engländers zu interessieren. Doch sagte er nichts. Stumm stand er wieder auf und winkte den Gästen zum Zeichen, daß sie entlassen seien, mit der Hand. Von neuem brach das Getöse los, indem Humbati laut rief: »Pezulu! Pezulu! Der König steht auf! Der mächtige Elefant hat gespeist!« Worauf alle Hofleute und hiernach alle Krieger den Ruf wiederholten. Unter dem rollenden Donner dieses Rufes schritt der König davon, wobei seine mächtige Gestalt sich in den Hüften wiegte, so daß er ähnlich dem Seemann auf dem Schiffe dahinging. Ihm folgte der Hofstaat, und nur Humbati blieb bei den Gästen zurück. Er gab ihnen Anweisung, ihm zu folgen, und ging voran, um sie zu ihrer Wohnung zu führen.
Im innersten der Straßenringe, welche sich um den freien Platz hinzogen, und nicht weit von diesem entfernt, führte er sie zu einem eingezäunten Raum, worin fünf Hütten standen. Sie waren ähnlich den Hütten der Betschuanen, doch hatten sie mehr die Form eines Bienenkorbes. In diesen Hütten, welche ziemlich geräumig und mit Fellen, Schemeln und anderm Hausgerät versehen waren, sollten die Gäste und die ihnen zugeteilten Diener wohnen. Jeder der Weißen bekam eine Hütte für sich. Auch die Diener fanden sich bereits vor, und zwei Hofbeamte standen bereit, um die nötigen Einrichtungen zu treffen. Doch erfuhren die Gäste, daß sie nur von Zulus umgeben sein würden, mit Ausnahme von Jan, Christian und Kobus, daß aber die ganze Begleitung aus der Schar des Titus Afrikaner fortgeschickt sei. Titus Afrikaner selbst, dessen Benehmen das Mißfallen des Königs erregt hatte, war mit seiner Anhängerschaft nach einer zehn Meilen weit entfernten Missionsstation geschickt worden, wie Humbati erzählte. Nur die Rücksicht auf den Missionar hatte den König abgehalten, ihn und seine Anhänger töten zu lassen. Der Befehl, nach der Missionsstation zu ziehen, war dem Häuptling entgegengesandt worden, so daß dieser Ulundi gar nicht zu Gesicht bekam. Zulukrieger sollten den Wagen herbegleiten. Es that dem Missionar leid, daß er nicht selbst fernerhin auf Titus Afrikaner durch seine Lehre wirken könne, doch mußte er sich wohl oder übel dem Willen des Königs fügen, und er vertraute darauf, daß seine Missionsbrüder das gute Werk fortsetzen würden. Tschetschwajo hatte mehreren Missionsgesellschaften den Aufenthalt in seinem Lande gestattet, duldete jedoch deren Anwesenheit nicht in der eigenen Residenz und in den wichtigsten Garnisonen seiner Armee, da er den verweichlichenden Einfluß der Missionare fürchtete.
Im übrigen zeigte er sich sehr gnädig gegen die Gäste. Während sie am Abend auf dem Hofe vor den Hütten saßen und sich über ihre Lage unterhielten, näherte sich ein Zug von Dienern. Sie trugen Körbe mit Früchten und Korn, Schalen mit Milch und Honig, gebratenes Fleisch von Ochsen und Ziegen an Bratspießen, auch gekochtes Fleisch in Töpfen. Voran gingen zwei Männer, welche eine Urne voll rauchenden Blutes trugen. Die Urne faßte wohl einen Eimer, und das Blut war flüssig, als wäre es eben erst aus den Adern des Ochsen gelaufen; denn durch eine besondere Art des Kochens und der Beimischung bestimmter Gewürze verstanden es die königlichen Köche, das Blut für lange Zeit flüssig zu erhalten. Die Übersendung des Blutes war eine besondere Auszeichnung, wie einer der ihnen zugeteilten Hofbeamten ihnen sagte. Aber der Missionar bat, das Blut wieder fortzutragen, da er und die weißen Männer überhaupt keine Bluttrinker wären. Die Hofbeamten waren sehr verwundert und erwiderten, nichts, was der König sende, dürfe zurückgeschickt werden. In dieser Verlegenheit halfen sich die Zulus aber, indem sie sich selbst über die Urne hermachten und mit Händen, Löffeln und kleinen Schalen binnen kurzem den Inhalt selbst vertilgten. Auch sechs schwarze Mädchen von schlankem Wuchse befanden sich in der Schar der Diener und wurden dem Missionar übergeben, damit er ihre Dienste benutzen solle. Aber der Missionar wies auch dieses Geschenk zurück, indem er sagte, daß er an männlicher Bedienung schon Überfluß habe, und die Hofbeamten erklärten, daß sie die Vermittelung Humbatis anrufen würden, damit der König es nicht übel nähme, wenn die Mädchen zurückgewiesen würden.
Am folgenden Tage erschien unangemeldet der König selbst. Er war von Humbati und Molihabantschi sowie von zwei andern Indunas begleitet. Er trat in des Missionars Hütte ein, wo dieser sich allein befand, und war sehr freundlich. Er legte seine linke Hand auf des Missionars Schulter, die rechte auf die eigene Brust und sagte: »Panda! Ich nenne dich Panda, denn du bist mein Vater gewesen. Du hast mein Herz so weiß wie Milch gemacht. Milch ist heute nicht weiß, mein Herz ist weiß. Ich kann nicht aufhören, mich über die Liebe eines Fremden zu wundern. Du hattest mich nie gesehen, und doch liebtest du mich! Du liebst mich mehr, als mein Volk mich liebt. Du kleidetest mich, als ich nackend war, du speistest mich, als ich hungrig war, du trugst mich an deinem Busen.«
Dann ergriff der König des Missionars rechten Arm und hob ihn die Höhe.
»Dieser Arm,« sagte er, »beschützte mich vor meinen Feinden.«
Der Missionar merkte wohl, daß Tschetschwajo auf den Schutz anspielte, den er den Gesandten des Königs gewährt hatte, und er sah aus den übertriebenen Ausdrücken des Monarchen, daß der feine Humbati, um sich selbst eine hohe Wichtigkeit zu geben, den weißen Gast in ein glänzendes Licht gestellt hatte.
»Ich weiß nicht, daß ich so etwas gethan hätte,« antwortete er. »Ich erinnere mich nicht, dem Könige so große Dienste erwiesen zu haben.«
Der König zeigte auf Humbati und Molihabantschi, welche ihm zu Füßen auf der Erde hockten.
»Dies sind große Männer,« sagte er, »Humbati ist meine rechte Hand. Als ich diese beiden von meinem Angesicht wegsandte, um das Land der weißen Männer zu sehen, da sandte ich meine Augen, meine Ohren, meinen Mund. Was sie sahen, sah ich; was sie hörten, hörte ich; was sie sprachen, das sprach Tschetschwajo. Du hast sie gespeist, als sie hungrig waren, du hast sie gekleidet, als es regnete, und als sie getötet werden sollten, da decktest du sie mit deinem Schilde. Das hast du mir gethan, du thatest es Tschetschwajo, dem Sohne Pandas.«