Tschetschwajo hatte aufmerksam zugehört. Dann schüttelte er den Kopf und sagte: »Du irrst. Mein Vater ist sehr weise, aber er kennt die Engländer nicht genau. Haben sie nicht schon einmal, als Tschetschwajo noch jünger war, mit seiner Hilfe gegen die Buern Krieg geführt? Die Engländer wollen alles Land in Afrika für sich nehmen, und sie wollen die schwarzen Männer zu ihren Knechten machen. Sie wollen ihnen ihre Waffen nehmen und sie weibisch machen. Die Engländer sind Handelsleute. Sie halten ihre Krieger, um ihre Handelsleute zu unterstützen. Denn solange Frieden zwischen ihnen und Tschetschwajo ist, kommen die weißen Männer mit Wagen und Ochsen über die Grenze und verkaufen den Zulus ein Gift, welches sie Rum nennen. Wenn die Krieger Tschetschwajos den Rum im Leibe haben, geht ihre Seele hinaus. Auch die Buern wissen wohl, daß die Engländer etwas anderes im Sinne haben, als das Christentum zu lehren und das Land glücklich zu machen. Denn sie sind erzürnt gegen die Engländer, weil diese ihr Land für das ihrige erklärt haben. Tschetschwajo kann nicht in Frieden leben mit den weißen Männern. Entweder muß er sie töten, oder sie töten ihn. Haben nicht die weißen Männer alles Land, welches sie besitzen, den Schwarzen weggenommen? Denn ehe die weißen Männer kamen, so erzählen unsere weisen Leute, gehörte alles den schwarzen Männern, alles Land bis an das Meer hin.«

Der König war stehen geblieben und blickte nachdenklich vor sich nieder.

»Nicht alle weißen Männer sind schlecht,« sagte er dann. »Du bist gut, du liebst mich. Rede mit dem englischen Induna, wie ich dir gesagt habe, und ich werde dir viele Ochsen und Weiber geben, wenn mein Wunsch in Erfüllung geht. Du liebst mich, und ich werde dich sehr reich und groß machen. Hat der König mit den Engländern vereinigt erst die Buern besiegt, so wird er mit den Buern vereinigt die Engländer besiegen, und dann soll das Vieh, welches meinem Vater gehören wird, nicht mehr zu zählen sein.«

Nach diesen Worten gab er dem Missionar durch eine höfliche Verbeugung zu verstehen, daß er das Gespräch für beendigt halte, und kehrte in den Kreis des Hofstaats zurück, wo das Festmahl auf Matten bereit gestellt wurde.

Der Missionar blickte ihm sinnend nach, wie seine mächtige Gestalt, ehrfurchtsvoll begrüßt, in die Menge der Krieger und Weiber eintrat. Ein phantastisches, zauberhaftes Bild bot sich dem Auge des alten Mannes und fesselte ihn, obwohl er an wunderbare Anblicke in Afrika gewöhnt war. Der Mond war aufgegangen und die Sterne funkelten. Der Himmel strahlte mit einer Klarheit auf die Erde nieder, welche in Europa unbekannt ist. In diesem silbernen Schein, der auf den großen Platz mit Tausenden von Menschen fiel, und das Feuer der Fackeln überstrahlte, sahen die Gestalten der bewaffneten Schwarzen und die vielen Frauen und Mädchen wunderbar aus. Die schwarzen, glänzenden Glieder mit dem blinkenden Schmuck der Waffen und der goldenen und elfenbeinernen Ringe und im Gegensatz zu den roten, weißen und blauen Schilden, den Straußenfedern und den Perlenketten, boten ein Gemälde, das so reich an Farben war und die natürliche Kraft und Geschmeidigkeit der menschlichen Gestalt so lebhaft darstellte, wie der Missionar Ähnliches nie gesehen hatte.

Er ging der mittelsten Gruppe näher, wo seine jungen Freunde, der Lord und Pieter Maritz, in Gesellschaft Molihabantschis und einiger anderer Hofmänner auf einer Rasenbank saßen. Gern hätte er dem jungen Offizier die Nachricht, daß der König ihn entlassen wolle, sogleich mitgeteilt, aber er hatte schon genug von dem überlegten und ceremoniösen Wesen des Hofes kennen gelernt, um zu wissen, daß er klüger thäte, seine wichtige Aufgabe nicht hier vor aller Ohren anzugreifen. Er wußte nicht, wie weit die englische Sprache verstanden würde, und der Anblick so vieler, nicht allein schön geformter, sondern auch intelligenter Gesichter unter dem Hofstaat machte ihn vorsichtig. Er verschob seine Mitteilung auf die Zeit, wo er mit dem Lord allein sein würde, und mischte sich unter die Männer, welche ihn die vornehmsten zu sein deuchten. Er hätte gern noch mehr Aufschlüsse über den Charakter des Königs erhalten, um deutlicher in den Verhältnissen zu sehen. Hatte doch Tschetschwajo noch vor kurzer Zeit Gesandte in das Buernland geschickt, um ein Bündnis mit den Buern gegen England anzubahnen. Nun wollte er mit den Engländern gegen die Buern ziehen?

So fing er denn ein Gespräch mit Humbati und einigen Männern an, welche mit diesem zusammen waren. Er gewahrte aber bald, daß er nicht weit kam. Sie antworteten ihm bereitwillig auf seine Fragen, aber in einer so vorsichtigen Weise, so diplomatisch, daß er bald sah, er habe mit Leuten von scharfem Verstande zu thun. Sie redeten in einem flüsternden Tone, als scheuten sie sich, in der Nähe des Monarchen die Luft zu erschüttern, und alle ihre Worte waren Ehrfurchtsbezeugungen für Tschetschwajo.

»Er ist der König der Könige,« sagten sie, indem sie sich verneigten. »Wer sollte nicht den Sohn Pandas fürchten, der mächtig ist in der Schlacht? Wo sind die Mächtigen vor dem Angesicht unseres großen Königs? Wo ist die Stärke des Waldes vor dem starken Elefanten? Sein Rüssel zerbricht die Äste der Bäume. Der Klang der Schilde kündigt den Sieg von Pandas Sohn.«

Der Missionar machte hier dieselbe Erfahrung, welche er bei den ihm zugeteilten Hofbeamten gemacht hatte: der Despotismus Tschetschwajos, obwohl gewiß von vielen seiner Großen hart empfunden, lag so schwer auf dem ganzen Volke, daß niemand auch nur zu murmeln wagte. Der Missionar begriff, daß die ihm zur Bedienung zugewiesenen Leute mehr seine Wächter und Aufpasser waren und daß sie über seinen Verkehr mit Fremden zu wachen und namentlich zu verhindern hatten, daß eine unerwünschte Mitteilung über den König zu ihm dränge.

»Es ist merkwürdig, welch ein Gemisch von Unwissenheit und Schlauheit in diesen Zulus steckt,« sagte der Missionar zu dem Lord, als er am Abend nach dem Feste mit diesem allein war. »Tschetschwajo ist vollständig unbekannt mit den Machtverhältnissen und Zuständen europäischer Mächte und möchte seine barbarische Politik auf sein Verhältnis zu unsern Landsleuten anwenden. Denken Sie, Mylord, er will Sie mit einem Bündnisvorschlage an den Gouverneur des Kaplandes senden.«