Des Königs Antlitz leuchtete vor Stolz, als der Lord ihm seine Bewunderung über die Manöver durch den Missionar aussprechen ließ. Er befahl einigen der Krieger näherzukommen und zeigte dem Engländer ihre Bewaffnung. Der große Schild, den alle trugen, war fünf Fuß hoch, aus dem stärksten Ochsenfell gemacht und wog so schwer, daß der Lord einsah, er selber würde nicht imstande sein, ihn zehn Minuten lang zu tragen und dabei zu laufen. Die Speere waren von zähem Holz mit breiten langen Stahlspitzen. Die Assagaien hatten sehr leichte Rohrschäfte und lanzettenförmige Spitzen, oft auch noch Widerhaken hinter der Spitze. Der König erklärte, daß beim Angriff zuerst die Assagaien geschleudert würden, dann aber der starke Speer gebraucht würde, welcher für das Handgemenge bestimmt sei, und daß hierin die Überlegenheit seiner Krieger über alle andern schwarzen Krieger begründet liege. Denn jene schleuderten nur ihre leichten Speere und verließen sich allein auf den Kampf aus der Ferne, weshalb sie auch leichte Schilde führten; aber die Zulus griffen Mann gegen Mann an, und sie könnten keinen Kampf führen ohne zu siegen oder fast alle zu fallen. Um die Schnelligkeit der Truppen zu zeigen, ließ er ein halbes Regiment herankommen und bat den Lord, seinen Rappen zu besteigen und die Schar zu begleiten, während sie einigemal die Ebene auf und nieder liefe. Der Lord stieg auf, und auch Pieter Maritz erhielt die Erlaubnis, mitreiten zu dürfen.
Die Zulus brachen in einem regelmäßig gebildeten Haufen von fünfzig Gliedern zu je zehn Mann auf, und ein »verheirateter Mann« war an ihrer Spitze. Ihre roten Schilde hingen ihnen am linken Arm, und in der linken Hand trugen sie drei Assagaien, den Speer trugen sie auf der rechten Schulter, und die roten Federn auf den Haarkronen nickten im Winde. Sie gingen im Laufschritt ab, und der Lord und Pieter Maritz folgten ihnen zu Pferde. Die Reiter mußten im kurzen Trabe reiten, um mit dem Fußvolk Schritt halten zu können. Glühend brannte die Sonne, und die Waffen der Krieger, ihre Perlenketten, elfenbeinernen und metallenen Ringe blitzten, die weißen Ochsenschwänze auf der Brust und an den Beinen glänzten hell. Zu Anfang ritten die Jünglinge hinter der Kolonne, da ihnen aber der starke Geruch des reichlichen Fettes, womit die Zulus eingerieben waren, gerade ins Gesicht wehte, bogen sie in schnellerer Gangart ab und ritten neben der Truppe. Der Lauf der Krieger blieb immer derselbe. Sie liefen so weit nach Westen, bis der Hügel, auf dem der König stand, kaum noch zu erkennen war, dann wendeten sie nach Süden, beschrieben einen großen Bogen und liefen nach Osten zurück. Die Pferde schnoben stärker, sie fingen an warm zu werden, aber die Zulus blieben in demselben Laufschritt, und kein Stöhnen oder Keuchen war zu hören. Gleichmäßig tönte das Stampfen von tausend nackten Füßen, das Klirren der Ringe und Ketten, und mit immer derselben Schnellkraft bewegten sich die schlanken Beine. Wohl mochten sie auch warm geworden sein, aber es war kein Schweiß auf den glänzenden, schwarzen Leibern und in den Gesichtern zu erkennen, aus deren tiefer Nacht die herrlichen weißen Zähne hervorleuchteten.
»Ob die Kerle wirklich nicht schwitzen?« fragte der Lord den Knaben. »Vielleicht sehen wir nur den Schweiß nicht, weil das Fett die Poren verklebt. Alles glänzt, man weiß nicht, ob es Öl oder Schweiß ist.«
»Ich glaube nicht, daß sie schwitzen,« antwortete Pieter Maritz. »Sehen Sie, Mylord, ihr Atem geht ganz ruhig, und sie rollen die Augen vor lauter Vergnügen über ihre befriedigte Eitelkeit. Sie sind stolz, daß sie sich vor ihrem Könige zeigen dürfen.«
Der Lord sah auf seine Uhr. Der Lauf hatte bereits eine halbe Stunde gedauert und schien eher schneller als langsamer zu werden. Es ging in östlicher Richtung weiter, bis wiederum der König mit seinem Hofstaat kaum noch zu erkennen war, dann bog der »verheiratete Mann« an der Spitze nach Norden, machte einen großen Bogen und führte die Schar dem Könige, nach Westen laufend, wieder vor. Eine volle Stunde war vergangen, als die Kriegerschar wieder vor dem Hügel ankam, und in derselben Ordnung, wie sie abgegangen war, ohne daß ein einziger Mann gestürzt oder zurückgeblieben wäre, lief sie heran. Auf ein Wort hielt sie an und brach in ein furchtbares Gebrüll aus, welches bezeugte, daß sie alle gut bei Atem waren.
Der König lächelte, als der Lord ihm sein Erstaunen aussprach. »Meine Truppen marschieren einen Tag und eine Nacht hindurch, ohne sich auszuruhen,« sagte er stolz. Darauf ließ er einzelne Leute vortreten und mit den Assagaien nach der Scheibe werfen. Ein Ziel von der Größe einer Hand ward aufgestellt, und die Krieger warfen auf eine Entfernung von hundert Schritten. Es mochten wohl die besten Schützen ausgewählt worden sein, denn sie trafen mit nie irrender Sicherheit. Dann erwies der König der Truppe, welche sich vor ihm hatte besonders zeigen dürfen, eine Gnade. Er sandte Humbati den Hügel hinab und ließ ihr sagen, sie sollte heiraten. Es war eine noch junge Truppe, und diese Erlaubnis war eine hohe Gunst, da sie nicht nach der Schlacht, wie sonst üblich gegeben wurde. Die Krieger gerieten in einen wahren Taumel des Entzückens. Sie stimmten den Kriegsgesang an und sprangen mit so gellenden Rufen vom Platze aus in die Höhe und dann wieder auf dieselbe Stelle nieder, daß sie einen schreckenerregenden Anblick boten. Des Lords Rappe und Jager, welche von einigen Zulus am Zaume gehalten wurden, bäumten sich voll Entsetzen auf.
Doch hatte das Manöver einen unerwarteten Schluß, der die Herzen der Weißen mit Grauen erfüllte. Nachdem gegessen worden war, bei welcher Mahlzeit der König und sein Gefolge gebratenes Ochsenfleisch und ein sehr dünnes Bier, die Truppen eine Art von Zwieback aus Kafferkorn und kleine Stücke Kürbis erhielten, brach der König mit einem Teile des Heeres noch weiter nach Norden hin auf. Der andere Teil des Heeres ward entlassen und trennte sich, indem die einzelnen Regimenter für sich abzogen und ihre Dörfer wieder aufsuchten. Der Marsch ging mehrere Stunden weit, und die Weißen fragten sich untereinander, wohin es wohl gehen möge. Gegen Abend sahen sie ein Dorf vor sich liegen, und nun verteilte der König die Truppen so, daß sie das Dorf ringsum einschlossen. Man konnte von weitem erkennen, daß die Bewohner herausliefen und ängstlich hin und her rannten, aber sich nicht von den Hütten entfernten. Mit einem Male stürzten die Krieger Tschetschwajos sich von allen Seiten gegen das Dorf und schrieen dazu in furchtbarer Weise. Wie ein Sturmwind packten sie den dunklen Haufen von Hütten an, und bald verkündeten Angstrufe ein entsetzliches Ereignis. Flammen schlugen aus dem Dorfe auf, und bei ihrem Scheine sah man, daß die Einwohner getötet wurden. Männern und Weibern wurde der Speer durch die Brust gestoßen oder der Schädel mit dem Knopf des Kirri eingeschlagen, und die Kinder wurden in die Flammen geschleudert. Die Weißen schrieen vor Mitleid und Abscheu laut auf, und der Missionar lief vor den König und bat ihn um Schonung. Tschetschwajo war aber nur verwundert über diese Bitte, rührte keine Hand, um dem Gemetzel Einhalt zu thun, und erklärte, das Dorf habe seine Unzufriedenheit erregt, weil dort ein Häuptling herrsche, der seinen Befehlen nicht mit der gehörigen Eile nachkäme. Er vermute, daß meuterische Pläne in dem Dorfe geschmiedet würden.
»O, das ist schrecklich, König, das ist schrecklich!« rief der Missionar empört. »Deine eigenen Unterthanen läßt du eines Verdachts wegen ermorden? Selbst die Weiber und Kinder werden nicht verschont?«
König Tschetschwajo war von einem zahlreichen Gefolge umgeben, welches wie gewöhnlich jede seiner Handlungen mit lautem Beifallsgeschrei begleitete, und dies Hofgesinde hatte soeben beim Anblick des brennenden Dorfes laut gerufen, hier sei die Gerechtigkeit des großen Königs bewundernswert. Als die Schmeichler die Worte des Missionars hörten und seine aufrechte Gestalt vor dem Tyrannen, sein von Entrüstung belebtes Antlitz sahen, befiel sie ein gewaltiger Schrecken. Es wurde stumm in ihrem Kreise, und betroffen wichen sie von dem Manne zurück, den sie sonst als einen Günstling des Herrschers mit der größten Aufmerksamkeit und Demut zu behandeln gewohnt waren. Tschetschwajo selbst richtete einen finstern Blick auf den alten Mann, und eine Sekunde lang bewegte sich seine rechte Faust nach dem Elfenbeingriff des Streitkolbens hin, als wolle er dem kühnen Redner den Kopf einschlagen. Aber er besann sich.
»Mein Vater ist sehr weise,« sagte er, »aber dies sind die Angelegenheiten des Königs, und davon versteht mein Vater nichts.«