Nach diesen Worten drehte er sich um und ging schnellen Schrittes davon, indem er sich von dem Schauplatz des Strafgerichts entfernte. Sein Hof folgte ihm. Im Weitergehen erteilte er einige Befehle, und mehrere Offiziere liefen eiligst davon und begaben sich zu den Truppen. Der Ton des Kommandos erscholl durch die Reihen hin, und die Weißen sahen, daß die Truppen zusammengezogen wurden und dann das Feld verließen. Nur zweihundertundfünfzig Mann vom Regiment der blauen Schilde folgten dem Könige. Auch die Weißen, welche noch in Betrachtung des furchtbaren, mörderischen Anblicks vertieft stehen geblieben waren, erhielten Weisung, dem Könige zu folgen.

Tschetschwajo ging wohl eine Stunde weit, bis von dem Rauch und Brand des Dorfes nichts mehr zu sehen war. Dann ließ er bei einem Gehölz Halt machen und befahl, das Nachtlager aufzuschlagen. Er war augenscheinlich übler Laune, und die Weißen merkten, daß er sich teilweise schämte, ihnen ein Schauspiel geboten zu haben, von welchem er zu spät merkte, daß es ihnen peinlich sei, daß er aber teilweise auch erzürnt war über den Tadel des Missionars. Das Gefolge schlich stumm um den König herum, indem ein jeder in Angst war, das Gewitter könne sich in einem Blitzschlage auf sein Haupt entladen. Tschetschwajo legte sich, in seinen Löwenmantel gehüllt, in das Gras unter einem Baume, das Gefolge, etwa hundert Männer, ahmte ihm nach, indem es in weitem Kreise um ihn her sich niederlegte, die Diener mit dem Küchengerät lagerten sich etwas weiter entfernt, nachdem sie vorher einige Lagerfeuer angezündet hatten, und die Blauschilde stellten ihre Speere zusammen, legten die Schilde nieder und kauerten sich unter den Bäumen nackend ohne Mäntel oder Decken nieder. Pieter Maritz suchte einen Platz zwischen mehreren hohen Büschen aus und ließ dort von den Dienern die Mäntel zum Lager bereiten und in der Nähe die Pferde anbinden, denn die Weißen hatten sich von ihren Dienern begleiten lassen.

Leise unterhielten sich die Weißen. Sie waren in schmerzlicher Aufregung.

»Da sehen Sie, mein Herr, wie sehr die englische Regierung recht hat, mit diesen wilden Fürsten aufzuräumen,« sagte der Lord. »Ich muß gestehen, daß mir selbst angesichts der königlichen Gastfreundschaft Zweifel gekommen sind, ob ich nicht treulos handelte, indem ich eine Botschaft an den Gouverneur übernähme, von deren Erfolglosigkeit ich doch überzeugt bin. Als Sie mir den Auftrag des Königs überbrachten, da fühlte ich etwas wie Gewissensbisse. Ganz Europa wirft uns vor, daß wir treulos und grausam ein Volk von Wilden und Halbcivilisierten nach dem andern zu Grunde richteten. Aber nun ich dies gesehen habe, mache ich mir keine Sorge mehr um Tschetschwajos Schicksal. Ist er doch wie ein wildes Tier! An mir bebt noch alles. Ich sehe die Gestalten der verzweifelnden Frauen vor mir und sehe die Kinder verbrennen — nie wird sich dieser Anblick aus meinen Augen verwischen lassen.«

Erst spät schliefen die Weißen ein. Doch nach wenigen Stunden schon wurden sie durch einen Lärm geweckt. Das furchtbare Brüllen des Löwen erscholl, und ein gellender Schrei folgte unmittelbar darauf. Nun ward das ganze Lager lebendig.

Als Pieter Maritz aufsprang und sich die Augen gerieben hatte, denn er war noch schlaftrunken und konnte nicht gleich sehen, bemerkte er, daß die Feuer erloschen waren, während der erste Tagesschimmer, ein rotes Flammen am östlichen Horizont, über den Himmel hinzuckte. Offenbar hatten die Diener, von Müdigkeit überwältigt, die Feuer vernachlässigt, diese waren erloschen, und infolgedessen war ein Löwe so dreist geworden, in das Lager einzubrechen. Nur das eine Brüllen und der eine Schrei war zu vernehmen gewesen, jetzt war davon nichts mehr zu hören, und dafür erscholl das Lager vom Klang der Schilde und Speere und von vielen Rufen. Aber unter dem donnernden Ruf der Stimme Tschetschwajos erstarb auch dieser Lärm. Der König war wütend. Schon übelgelaunt am Abend vorher, war er durch den Überfall des Löwen, der ihn aus dem Schlafe geweckt hatte, ganz um seine sonstige Fassung gekommen. Pieter Maritz näherte sich ihm vorsichtig, indem er zwischen Büschen ungesehen hinschlich, und sah den König seinem Gefolge drohen. Gleich darauf sah er die schwarzen Krieger sich versammeln. Er erfuhr, daß ein Löwe eingebrochen sei und einen der Diener erwürgt habe. Durch die zahlreiche Mannschaft sei er sofort verscheucht worden, doch habe er den Getöteten mit sich geschleppt.

Tschetschwajo, außer sich vor Wut, befahl seinen Kriegern, ihm den Löwen lebendig zu bringen. Mit eigener Hand wolle er das Tier töten, das so kühn gewesen sei, in das königliche Lager zu dringen. Und gehorsam legte die Abteilung vom Regiment der blauen Schilde die Speere, Kirris und Schilde ab, um mit bloßen Händen auf die Jagd zu gehen. Sie durften ja das Tier nicht töten, und auch der Schilde entledigten sie sich, um schneller laufen zu können und beide Hände frei zu haben. Dafür rissen sie Weidenzweige ab und nahmen Stricke vom Küchengerät der Diener.

Als Pieter Maritz diese Vorbereitungen sah, lief er eilends zurück, teilte dem Missionar und dem Lord die Sache mit und sattelte Jager. Seine Freunde wollten nicht glauben, daß es wirklich so sei, aber Pieter Maritz irrte sich nicht. Er warf die Büchse über die Schulter, um für den Fall der Not bewehrt zu sein, und ritt aus, um die waffenlosen Jäger zu begleiten. Der Lord verzichtete darauf, mitzureiten, weil er nur seinen Degen hatte und weder sich noch sein Pferd einer möglicherweise sehr großen Gefahr aussetzen wollte.

Als Pieter Maritz aus dem Gehölz hervorkam, wobei er eine Stelle wählte, welche der König nicht überblicken konnte, fand er die Krieger bereits auf dem Marsche. Sie waren in eine lange Kette auseinander gezogen und suchten die Spuren des Löwen im Grase. Kein Murren, keine Weigerung und auch keine Furcht zeigte sich bei ihnen, und da sie ganz unbeschwert von Waffen waren, liefen sie wie Windhunde. Pieter Maritz mußte den stärksten Trab reiten, um ihnen folgen zu können.

Es war Tag geworden, und die grüne Flur war mit rotem Licht übergossen. Weithin schimmerte die Ebene, und nur hier und da standen kleine Gehölze und Haufen von Gestrüpp inmitten der Landschaft. Offenbar steckte der Löwe mit seiner Beute in einem der Dickichte. Sehr weit war er gewiß nicht entflohen, denn er hatte ja den schweren Körper des getöteten Dieners mit sich zu schleppen. Der Plan der Schwarzen war sehr einfach. Nachdem sie die Spuren des Raubtiers gefunden hatten, liefen sie in langer dünner Reihe in der gefundenen Richtung hin, umkreisten unterwegs die Gebüsche und Gehölze und suchten sie ab. Sie gingen dabei mit solcher Kühnheit zu Werke, daß der Knabe sich verwunderte. Er selbst blieb vorsichtig in der Ferne halten, wenn man vor ein Dickicht kam. Aber die Schwarzen hielten nur die Mitte ihrer langen Linie an, um den Löwen nicht vorzeitig zu verscheuchen, schwenkten mit dem rechten und linken Flügel herum, bis sie das Dickicht umklammert hatten und liefen ohne Besinnen hinein, als suchten sie einen Springbock oder ein Gnu. Auf diese Weise verfolgten sie ihren Weg und durchsuchten ein Gehölz nach dem andern. Ihre elastischen schwarzen Glieder waren in beständiger schneller Bewegung, und sie rannten und sprangen mit kaum begreiflicher Kraft.