Diese Treibjagd stöberte gar manches Wild auf. Kleine Antilopen, welche Taucher genannt werden, da sie plötzlich aus hohem Grase aufzuspringen und dann ebenso schnell in einem Busch zu verschwinden pflegen, wurden viel gesehen. Allerhand Vögel, Perlhühner, wilde Tauben, welche nur so groß wie Lerchen waren und lange Schwänze hatten, Kiebitze, Finken und Wachteln stiegen auf, während die zweihundertundfünfzig Krieger durch das Gras und das Buschwerk hin suchten. Einmal ward sogar das gefleckte Fell eines Leoparden im Gebüsch sichtbar, aber erschrocken vor dem Anblick so vieler Männer zog er sich zurück, und er ward nicht gejagt, da dies nicht befohlen war.

Nachdem schon sechsmal vergeblich ein undurchsichtiges Dickicht abgesucht worden war, kam die Schar vor ein aus hohen Mimosen gebildetes Versteck, in welchem Felsblöcke lagen, die teilweise aus den stacheligen Zweigen mit rotbrauner Färbung hervorblickten. Ohne Zaudern warfen sich die Zulus hinein, indem sie nur die scharfen Stacheln der Akazien vorsichtig umgingen. Es dauerte nicht lange, so ertönte aus dem Innern die tiefe, grollende Stimme des Königs der Tiere. Ein gellender Ruf aus Hunderten von rauhen Kehlen antwortete ihm. Pieter Maritz hielt außerhalb, auf halbe Schußweite vom Saume, und die Büchse lag ihm quer über dem Sattel. Sein Herz klopfte, indem er sich vorstellte, was da drinnen vorgehen möge. Denn jetzt mischten sich brüllende Töne zu wiederholten Malen mit menschlichem Schrei. Plötzlich erschien der Löwe für den Knaben sichtbar auf einem hervorragenden Felsstücke. Es kam dem Knaben vor, als sei das Tier in Verwirrung, denn indem es nach unten blickte, stieß es Schreie aus, die fast wie das Heulen eines Hundes klangen. Aber nach wenigen Sekunden schon erschienen blaue Federn und schwarze Haarkronen auf dem Felsen. Die Zulus kletterten am Felsen empor. Der Löwe schien verwundert und in Furcht zu sein. Er kauerte nieder und sprang mit einem ungeheuern Satze über mehrere Akazien weg, die wohl zwanzig Fuß hoch waren, und kam nun außerhalb des Dickichts zur Erde. Pieter Maritz konnte ihn genau sehen. Er war sehr groß, seine gelbe Mähne war nahe dem Halse sehr dunkel, und schwarze Zotteln hingen an den Beinen. Er peitschte die Erde mit dem Schweif und brüllte wiederholt, indem er auf den verlassenen Schlupfwinkel zurückstarrte. Jager zitterte an allen Gliedern, stieg in die Höhe, und nur mit Mühe vermochte der Knabe ihn auf dem Flecke zu halten. Aber jetzt stürmten die Zulus aus dem Dickicht hervor, voll Angst, daß die Bestie ihnen entfliehen könnte. Sie fürchteten sich mehr vor ihrem Könige als vor den Tatzen und Zähnen des Löwen. Wie Hunde auf den Eber, so warfen sie sich ohne Besinnen auf das starke, wilde Tier.

Ein entsetzlicher Kampf hub an. Mit einem Schlage seiner Tatze hieb der Löwe den vordersten der Angreifer zu Boden, indem er ihm Brust und Leib zerschmetterte. Drei andere warf er in einer raschen Wendung mit Blut bedeckt nieder, und einem fünften zerfleischten seine Zähne den Arm von der Schulter bis zum Ellbogen. Aber die Zulus warfen sich über ihn, ohne nachzulassen. Ihre schwarzen Fäuste packten seine Mähne, seine Tatzen, seinen Schweif, seine Nase, ja sie packten in den Rachen und ergriffen seine Zunge. Ihre Zähne mußten helfen, sie bissen sich wie Tiere in seine Haut und in seine langen Haare ein und hielten ihn ebensowohl mit ihren Gebissen wie mit den Händen fest. Ein schrecklicher Knäuel wälzte sich am Boden. Die gelbe Form des Tieres war wie erdrückt unter schwarzen Gliedern, doch steckte eine so unbändige Kraft in dem Löwen, daß er noch zweimal in die Höhe kam und sich oberhalb der schwarzen Leiber wälzte. Aber die Zulus ließen nicht los, und nach einem Ringen, das mehrere Minuten dauerte, lag der Löwe, an allen vier Pranken fest geschnürt, machtlos am Boden. Ein Strick verschloß auch seinen Rachen, so daß nur noch ein dumpfes Stöhnen aus seiner Brust hervordringen konnte. Aber außer drei Toten lagen noch sechs schwer verwundete Männer neben dem Untier im Grase.

Die Zulus stießen ein Jubelgeheul aus. Sie liefen in das Dickicht zurück und holten die Überreste des vom Löwen fortgeschleppten Dieners heraus, zum Beweise dafür, daß sie ihrem Könige den richtigen Löwen brächten. Dann legten sie die Verwundeten auf Tragbahren und trugen sie zum Lager zurück, den Löwen aber schleiften sie an einem Stricke über das Gras hin.

Tschetschwajo saß auf seinem Schilde inmitten seines Hofstaats, als der Zug herankam. Demütig trat der Anführer vor ihn und meldete, man bringe den Löwen. Tschetschwajo erhob sich und befahl, den Löwen auf die Füße zu stellen und ihm die Fessel vom Rachen zu nehmen. Gehorsam führten die Krieger den Befehl aus. Dem Löwen wurden die Bande so weit gelockert, daß er stehen konnte, und als er den Rachen wieder öffnen konnte, stieß er ein mehr klagendes als drohendes Gebrüll aus. Er war etwas betäubt und schwankte auf den Füßen, auch hatte er unzählige kleine blutige Flecken auf dem Fell, aber er hatte keine schwere Wunde.

Tschetschwajo sah den Löwen an, und seine Augen bekamen einen wilden Ausdruck. Der Missionar beobachtete ihn und bemerkte, wie die kleinen Adern im Weißen des Auges sich mit Blut füllten. Noch niemals war ihm so deutlich wie in diesem Augenblick die Wildheit des Königs aufgefallen, der, indem er dem Löwen gegenüberstand, sich selbst als löwenähnlich zeigte. Denn er fühlte sich von dem Tiere beleidigt, er zürnte ihm, als sei es seinesgleichen. Er trat dem Löwen nahe und schleuderte ihm Verwünschungen zu, er drohte dem Tiere und bestrafte es mit Worten. Endlich aber erhob er den schweren Elfenbeinstab und schlug dem Tiere damit über den Kopf, daß es ingrimmig aufheulte, und auf des Königs Wink stießen ihm einige Herren vom Hofe den Speer in die Rippen und töteten ihn vollends.

Ein lautes Triumphgeschrei ertönte. »Der König hat gestraft! Der mächtige Elefant hat sich gerächt! Stark ist die Hand des Königs der Könige! Pezulu! Pezulu!« rief der Hofstaat und riefen die Blauschilde.

Dem Könige selbst schien die Bestrafung des Tieres das Herz erleichtert zu haben. Sein Gesicht wurde freundlicher, er lud zum Essen ein und unterhielt sich mit dem Missionar. Durch diesen ließ er dann dem Lord mitteilen, er gedenke ihm zu Ehren eine Elefantenjagd abzuhalten. Nach dem Frühstück sollte aufgebrochen werden.

Die ehemals so zahlreichen großen Dickhäuter hatten im südlichen Afrika unter den beständigen Verfolgungen der Menschen so sehr gelitten, daß weder der Lord noch auch Pieter Maritz jemals einen Elefanten zu sehen bekommen hatten. So versetzte die Nachricht der bevorstehenden Jagd beide in große und freudige Aufregung. Der Missionar nahm an dieser Freude jedoch keinen Teil. Er erzählte, daß er oft Elefanten gesehen habe und oft an der Jagd auf sie teilgenommen habe zu früheren Zeiten, wo diese Tiere noch das Gebiet des Transvaallandes und Oranje-Freistaates durchzogen. Aber immer habe es ihm leid gethan, wenn er hätte sehen müssen, daß so gewaltige und so kluge Tiere nur um ihrer Stoßzähne willen hätten sterben müssen, ja oft sogar nur aus Grausamkeit von eifrigen Jägern erlegt worden seien. »Wenn Raubtiere gejagt werden,« sagte der Missionar, »so finde ich es recht und gut, und auch die Jagd auf eßbares Wild ist notwendig. Aber Elefantenjagd hat mir immer Unbehagen verursacht.«

Der Lord und Pieter Maritz dachten anders und sahen der Jagd mit Spannung entgegen. Nur darüber waren sie nicht erfreut, daß sie selbst schwerlich anders wie als Zuschauer würden teilnehmen können. Der Lord war ganz ohne Waffen, da sein Pallasch nicht gerechnet werden konnte, Pieter Maritz aber durfte mit dem kleinen Kaliber seiner Büchse auch nicht darauf zählen, die Haut des Elefanten wirksam zu durchbohren. Beide waren sehr begierig, zu sehen, wie der König seine Jagd einrichten werde.