Der König wandte sich mit triumphierendem Blicke zu dem Missionar. »Mein Vater hat nur einen Teil der Krieger Tschetschwajos gesehen,« sagte er. »Nun wird er einen andern Teil sehen. Dabulamanzi herrscht in Mainze-kanze. Sage dem englischen Induna, Mainze-kanze bedeute: Laßt den Feind kommen.«
Als der königliche Zug den Abhang des Berges hinabschritt und sich den Kriegshaufen näherte, sahen die Weißen ein, warum die Kraale am Vereinigungspunkte der Flüsse einen so stolzen Namen führten: wiederum standen wohl zehntausend Krieger aufmarschiert, diese aber führten sämtlich Gewehre. Dabulamanzis Armee war in zwei Reihen aufgestellt, zwischen welchen der königliche Zug hinschritt, von donnerndem Kriegsgesang empfangen und begleitet. Auch diese Truppen waren in Regimenter abgeteilt, welche sich durch Farben voneinander unterschieden, und es waren vier Regimenter Amatongas dabei, ein Volksstamm nördlich von den Zulus wohnend, der die Oberherrschaft Tschetschwajos anerkannte. Auffallend war bei ihnen besonders ihr Kopfputz. Einige Regimenter trugen weiße oder gefleckte Stirnbänder von Ochsenfell oder Tigerfell. Diese Bänder waren hinter dem Kopfe zusammengebunden, und weiße Ochsenschwänze hingen daran herunter, so daß das Haar gleich einer weißen Perücke seitwärts und hinten bis auf Schultern und Nacken herabfiel. Über dem handbreiten Stirnband stand die schwarze Haarkrone empor und war mit Federbüschen geziert. Es sah aus, als trügen diese Krieger Helme oder hohe Mützen. Ein Regiment trug wirklich Mützen. Aus schwarzem oder fleckigem Fell von Raubtieren waren Kopfbedeckungen hergestellt, welche mit hohem Federschmuck verziert waren und sehr kriegerisch aussahen. Die Brust dieser Krieger war ganz mit weißen Haarbüscheln bedeckt, die vom Halsschmuck herabhingen. Dies war das »Regiment des Königs«, wie Humbati den Weißen erklärte, eine auserwählte Schar von fünfzehnhundert Mann, welche ein jüngerer Bruder Humbatis befehligte. Sämtliche Krieger trugen in der linken Hand den großen Schild, die Assagaien und auch noch den starken Speer, in der rechten Hand aber den Hinterlader.
Der König mit seinem Gefolge durchschritt die langen Reihen und ging dann in den nächstliegenden Kraal. Diesen wollte er den Weißen zeigen, während die Armee sich zum Manöver ordnete. Er führte seine Gäste zu mehreren größeren Gebäuden, welche unähnlich der Bauart der Zulus nach europäischer Weise aufgeführt waren. Ja aus dem einen ragte ein hoher Schornstein empor, aus welchem Rauch aufstieg. Zu ihrer Verwunderung wurden die Gäste eines weißen Mannes gewahr, der den König in der Thür des größten Gebäudes empfing. Es waren eine Pulverfabrik, eine Patronenfabrik und ein Magazin voller Gewehre, was sie hier erblickten. Schwarze Arbeiter stellten unter Leitung des Weißen die Munition für die Gewehre her.
Die Gäste versuchten, mit dem europäischen Landsmann sich zu unterhalten, aber dieser war, wie es schien, unangenehm berührt durch den Anblick von Landsleuten und antwortete ihnen nur kurz und mürrisch. Auch war nicht zu entdecken, welcher Nation er angehörte. Er sprach englisch und holländisch mit gleicher Fertigkeit. Der Missionar vermutete, er sei ein Verbrecher, der die Heimat oder eine Strafanstalt in den Kolonien geflohen habe.
Nachdem der König voll Stolz seine Fabriken gezeigt hatte, wobei er oft den Blick auf dem Lord ruhen ließ, als ob er ihn fragen wollte, welchen Eindruck solche Hilfsmittel auf ihn machten, führte er die Gäste wieder zu den Truppen und nahm mit ihnen eine erhöhte Aufstellung, von der aus das Manöver zu übersehen war. Dabulamanzi ließ die Regimenter ihre Bewegungen ausführen und ritt dabei seinen mit einem Tigerfell gesattelten Fuchs.
Es war aber kein sehr glänzendes Manöver. Soweit die Regimenter freilich Bewegungen ausführten, welche denen glichen, die schon von der Armee bei Ulundi gemacht worden waren, so weit ging alles gut, und selbst die unverhältnismäßig schwere Bewaffnung, indem zum Schilde und zu den Speeren noch das Gewehr hinzukam, schien die Krieger nicht schwerfällig zu machen. Sie rannten mit großer Schnelligkeit und Ausdauer, wobei sie das Gewehr so trugen wie ehedem den starken Speer. Aber als nun die neue Kampfweise gezeigt werden sollte, welche der Bewaffnung mit dem Hinterlader angemessen war, da entstand Unordnung. Dabulamanzi ließ eine Reihe von Scheiben in der Entfernung aufstellen. Diese Scheiben waren offenbar unter Leitung des weißen Fabrikdirektors entstanden, denn sie waren europäischen Scheiben ähnlich und stellten zum Teil Buern dar. Dann mußte ein Regiment nach dem andern die Scheiben angreifen und aus der Ferne danach schießen. Bei diesen Angriffen aber lockerten sich die Glieder, weil keine Ordnung zwischen Schießen und Laufen herzustellen war. Den Zulus war die alte Fechtweise so in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie sich in die neue nicht finden konnten. Wenn die vorderen Glieder stehen blieben, um zu feuern, so wurden sie von den hinteren Gliedern überrannt. Zuweilen feuerten auch die hinteren Glieder, ohne zu bedenken, daß Leute vor ihnen waren, denn der Rauch und Knall berauschte die Zulus. Und weil mit scharfen Patronen gefeuert wurde, fielen mehrere Krieger, von hinten erschossen, nieder. Die Regimenter lösten sich in wilde Haufen auf. Dazu waren die Schilde und Speere beim Schießen hinderlich. Die Leute wußten sich dabei nicht zu benehmen. Bald stützten sie die Mündung auf den Schild und schossen mit der rechten Hand allein, als hätten sie eine Pistole, bald warfen sie Schild und Speere zu Boden, zielten mit beiden Händen, aber hatten dann Aufenthalt, um ihre andern Waffen wiederaufzunehmen. König Tschetschwajo wurde sehr ernst, als er diese Unordnung sah, und ließ das Manöver sehr bald aufhören. Dann entfernte er sich von seinem Gefolge und besprach sich lange mit Dabulamanzi. Die Truppen ruhten während dessen und aßen ihr gewöhnliches Mahl, Kafferkorn und Kürbis, und die Toten und Verwundeten wurden weggetragen.
Pieter Maritz und der Lord gingen an die ruhenden Truppen hinan und betrachteten deren Gewehre. Es waren lauter Hinterlader, aber sie waren von verschiedenen Systemen, hier hatte eine Abteilung Zündnadelgewehre, dort Chassepots, dort Enfieldbüchsen, und aus dieser Ungleichheit wie aus dem schlechten Zustande der Gewehre war zu erkennen, daß es alte Waffen waren, die von Händlern aufgekauft worden waren. Das Reich Tschetschwajos erstreckte sich bis nahe an die Delagoabai im Norden, und der König mochte wohl für Gold, Elfenbein, Straußenfedern und Vieh von den Portugiesen die Gewehre gekauft haben. Doch war es auch möglich, daß er sie aus andern Quellen bezog, denn sein Reich grenzte im Osten überall an das Meer, und außerdem kamen die Smauser aus den englischen Besitzungen und aus den Buernländern zu ihm. Humbati erklärte den jungen Leuten auf ihr Befragen nach der Taktik der Zulus, daß es eine schwierige und immer wieder erwogene Frage sei, ob die Krieger Schild und Speer neben dem Gewehre führen sollten oder nicht. Der Prinz Dabulamanzi sei der Ansicht, daß sie nur Gewehre und Patrontasche führen sollten, aber der König sei der Ansicht, es sei gegen die Zulunatur, ohne Schild und Speer zu kämpfen. Schild und Speer, sagte Humbati, seien ebensowohl Ehrenzeichen wie Waffen, und ein Zulugemüt werde sich nur schwer an den Gedanken gewöhnen, ohne diese beiden Stücke leben oder gar fechten zu können.
Jetzt ließ Dabulamanzi, nachdem seine Unterredung mit dem König beendigt war, das prächtige Regiment antreten, welches nach dem Könige genannt wurde und dessen eigentliche Garde war. Es waren lauter ältere Männer, von etwa vierzig Jahren, und viele von ihnen waren von wahrhaft prachtvollem Wuchse, breitschulterig, hochgewachsen, mit schwellenden Muskeln. Der Prinz ließ die Schilde und Speere reihenweise in das Gras legen, und dann mußte der Induna, Humbatis jüngerer Bruder, das Regiment zum Angriff gegen die Scheiben führen. In drei Haufen, ein jeder fünfhundert Mann stark, lief die Garde vor. Zwischen den Kolonnen war ein Raum von etwa fünfzig Schritten, und die Kolonnen selbst waren zehn Mann breit und fünfzig Glieder tief. In gehöriger Entfernung sollten die vorderen Glieder schießen.
Aber der Angriff fiel nicht gut aus. Die Zulus waren wie verstört, als sie mit den Gewehren allein anstürmten, und während die vorderen Glieder zu feuern anfingen, bemächtigte sich der Kolonne große Aufregung. Die vorderen Glieder blieben nur zum Teil stehen, zum Teil feuerten sie im Laufen, die hinteren Glieder lockerten sich, indem sie stutzten und sich seitwärts wandten. Sie fürchteten, die vorn Stehenden von hinten umzurennen, wußten aber nicht, was sie selbst machen sollten. Mehrere Leute der vorderen Glieder wurden wieder von ihren Hintermännern erschossen. Alle brüllten das Angriffsgeheul, und dieser Lärm, mit dem Knall der Schüsse vereinigt, schien sie rasend zu machen. Nur wenige Schüsse trafen die Scheiben, und bald waren die drei Kolonnen nur noch drei wilde, regellose, brüllende Haufen. Der König machte ein finsteres Gesicht, und Prinz Dabulamanzi ließ das Regiment halten.
Die Kolonnen wurden wieder geordnet und zurückgeführt, dann aber wurden zwanzig Männer herausgesucht, welche einzeln nach der Scheibe schießen sollten. Sie wurden zweihundert Schritte entfernt von einem Buer, der aus Papier gemacht und bemalt war, aufgestellt und schossen der Reihe nach. Der König, der Prinz und das Gefolge stellten sich dazu, und die Weißen standen dicht hinter dem König. Die ausgewählten Leute gehörten wahrscheinlich zu den besten Schützen, und sie schossen sehr gut. Der Zulu, welcher die Treffer anzeigte, und der andere Mann, welcher die Löcher verklebte, standen nur zehn Schritte von der Scheibe ohne jeden deckenden Schutz; nach jedem Schuß ward auf Kopf oder Brust der Figur gezeigt.