Jetzt, als die Begleiter Hand anlegen wollten, ihn vom Felsen hinunterzustoßen, machte sich der Verurteilte mit einer Gebärde des Unwillens aus ihrem Griff los, trat einen Schritt vor, bis an die äußerste Spitze der Höhe, und stürzte sich in weitem Schwunge hinab. Der schwarze Körper tauchte in die Flut ein, für einen Augenblick glänzte noch der goldene Kopfring aus dem blauen Wasser empor, dann sah Pieter Maritz die gräßlichen Rachen mehrerer Alligatoren dort unten erscheinen, und von dem kühnen Manne war jede Spur verloren.
Als der Knabe mit erschüttertem Herzen zurückkehrte, sah er den König inmitten seines Gefolges und der Heerführer unter schattigen Bäumen lagern und speisen. Seine Köche knieten im Hintergrunde um die Feuer herum, und der Geruch gebratenen Fleisches erfüllte die Luft. Die Schmeichler umringten den König und riefen mit leiser Stimme, wie in Verwunderung verloren: »Wo sind die Feinde Tschetschwajos? Sein Atem schlägt in ihr Antlitz wie die Flamme in trockenes Gras! Seine Feinde werden verzehrt von dem Atem des Königs der Könige. Der Vater des Feuers beherrscht den blauen Himmel, er steigt hinauf und sendet seine Blitze aus den Wolken, er läßt den Regen herniederträufeln. Ihr Berge, ihr Wälder und ihr grasreichen Ebenen, hört auf die Stimme Tschetschwajos, des Sohnes Pandas, des Königs des Himmels!«
Gegen seine Gewohnheit schloß sich Humbati diesen schmeichelnden Hofleuten an und pries mit demütiger Gebärde die Größe des Königs. Auch eine Anzahl der Weiber des Königs war aus Ulundi herbeigeführt worden, und sie kauerten um ihn her und reichten ihm knieend die Körbe und Schalen. Er winkte eine von ihnen herbei und erwies ihr die Gnade, seine Füße in ihren Schoß zu stellen und sie als Fußschemel zu benutzen, während er auf einer Rasenbank saß.
Pieter Maritz sah dieser Scene von der Seite zu und war so traurig und so empört über das grausame Gemüt Tschetschwajos, daß er nicht essen mochte und die Speise zurückwies, welche die königlichen Diener ihm anboten. Da bemerkte er, daß ein erbärmlich aussehendes Paar sich dem Kreise näherte. Der Mann hatte ein bekümmertes Gesicht, und sein magerer Leib war elend gekleidet, ganz ohne Schmuck, die Hüften mit einem abgeschabten Ziegenfell umgürtet. In der Hand trug er ein kleines Päckchen, das mit Ziegenfell umwickelt war. Die Frau sah so kümmerlich aus wie der Mann. Mit niedergeschlagenen Augen schlichen sie an das Gefolge heran, als ob sie eine Bitte vortragen wollten. Die Umgebung des Königs schien Erbarmen mit den Leuten zu haben, oder war so eingeschüchtert, daß sie nicht wußte, was sie thun sollte, denn ohne sie gerade heranzuführen, wichen die Hofleute auseinander und ließen das armselige Paar gleichsam unabsichtlich vor den König kommen.
Der König war im Gespräch mit seinem Bruder, als er bemerkte, daß etwa zehn Schritte von ihm die armen Leute niederknieten, doch warf er nur einen flüchtigen Blick auf sie und setzte seine Unterhaltung fort. Da legte der Mann sein Päckchen zu Boden, knüpfte es auf und breitete ein paar elende geschnitzte Dinge, einige Kugeln von Horn, einen verzierten hölzernen Löffel und ein paar messingene Ohrringe, auf dem Boden aus. Dazu fing er an, mit kläglicher Gebärde zu erzählen, er sei vom Lande und wohne im Gebiete der Amatongas, die Zulukrieger aber hätten auf dem Durchmarsche seine beiden Söhne mitgenommen, einen Knaben von zehn und einen Knaben von acht Jahren. Nun biete er dem König das Lösegeld, und bitte, ihm und seiner Frau die Kinder wiederzugeben.
Der König runzelte die Brauen, aber beachtete den Bittsteller weiter nicht, denn er erwog gerade die wichtige Frage des Tragens der Schilde im Feuergefecht und blieb in der Unterhaltung mit Dabulamanzi.
Da zog der arme Mann trübselig noch ein altes abgeschabtes Messer aus seinem Karoß und legte es zu den übrigen Dingen. »Dies ist alles, was wir haben, o König,« sagte er kummervoll. »Wir sind zehn Tage lang gelaufen, meine Frau und ich, um dem König unsere Bitte vorzutragen.«
Aber der König bemerkte ihn noch immer nicht, und das Gefolge fing an, sich zwischen ihn und die Armen zu schieben, in der Besorgnis, etwas Mißfälliges zu begünstigen. Ein schwerer Seufzer drang aus der Brust des armen Mannes hervor, und über die Wangen seiner Frau liefen Thränen. Beide stützten die Köpfe auf die Hände und blickten zu Boden, niedergeschlagen, mutlos, ohne Kraft, ferner zu bitten, noch auch wegzugehen. Sie hatten ihr ganzes bewegliches Besitztum geboten, um ihre Kinder wiederzubekommen. Jetzt traten einige Diener heran, um die Lästigen fortzujagen.
Da stand der Missionar auf und näherte sich ihnen. Er legte seine Hand auf des Mannes Schulter, um dessen Aufmerksamkeit zu erregen, und sprach ein paar freundliche Worte. Dieser starrte in die Höhe, aber beim Anblick des weißen bärtigen Gesichtes stieß er einen Schreckensruf aus. Die Frau sprang empor und schrie ebenfalls vor Angst. Nun ward der König aufmerksam und fragte, was es gäbe.
»Hier sind die ärmsten von des Königs Unterthanen,« sagte der Missionar mit fester Stimme. »Sie wissen, daß der König sein Auge über den Geringsten wie über den Mächtigen wachen läßt, darum wagen sie es, mit einer Bitte zu nahen.«