»Du kennst den Mann nicht,« sagte Brunhild, »das ist ein Shylock; o, der Vater ist in fürchterliche Hände gerathen und um meinetwillen!«
Beide Mädchen mußten weinen. Nach einiger Zeit sagte Hedwig: »Aber unser Klagen nützt nichts, wir müssen auf Mittel denken, dem Vater zu helfen.«
»Ich habe mir schon den Kopf zerbrochen,« sagte Brunhild, »aber ich sehe keinen Ausweg. Ich war heimlich in der Stadt und wollte dem Goldschmied meinen ganzen Schmuck geben; er nahm ihn nicht, in fünf Tagen wolle er den Wechsel baar gedeckt sehen, sagte er.«
»Halt! ich hab's!« rief Hedwig, »der Gewerkenausschuß hat meinem Ferdinand 300 Thaler Belohnung für die Befahrung des alten Schachtes zugesichert, 100 Thaler hat er in der Sparcasse, das sind 400 Thaler, die muß er dem Vater leihen!«
»Wird er das wohl thun?«
»So gewiß, als es Dein Baron thun würde, wenn Du ihn darum bätest. Aber bei Euch vornehmen Leuten liegt ewig noch eine Scheidewand zwischen den Seelen, wenn Ihr Euch auch noch so sehr liebt!«
»Ich hätte wahrlich nicht den Muth, an meinen Alexis solch eine Bitte zu richten.«
»Das kommt von der Unnatur her, in die Du hineingezwängt worden bist; es ist ein Wunder, daß Du noch so gut und lieb geblieben. Ich hoffe, wenn Du erst ganz bei Deinem Alexis sein wirst, wird die gesunde Natur bei Dir wieder zu ihrem vollen Rechte kommen. Gräme Dich also nicht mehr um den Vater, fünf Tage noch hat es Zeit mit dem Wechsel, da ist er gedeckt.«
Brunhild umschlang die edle Schwester und ergoß zum ersten Mal ihr ganzes volles Herz vor einer verwandten Frauenseele. Gleich darauf erschien der Baron und brachte die Nachricht, eine Tante von ihm sei angekommen, wolle aber noch heute nach Schloß Scharfenstein, wohin sie geladen worden. Und da er selbst seine Braut dort noch vorzustellen habe, so wolle er mit ihr die Tante begleiten. Die Schichtmeisterin fand es von selbst verständlich, daß Brunhild von der Partie war, und diese glaubte jetzt ohne Angst um den Vater, sich auf ein paar Tage entfernen zu dürfen.
Als Ferdinand ausfuhr, gab Hedwig ihm eine Strecke weit das Geleit und theilte ihm die Bedrängniß ihres Vaters mit. Er war mit Freude zur Hülfe bereit. »Morgen wird mir wahrscheinlich das Geld für die Fahrt ausgezahlt,« sagte er, »wenn nicht, so gehe ich übermorgen früh in die Stadt und dem Mickley nicht vom Halse, bis ich das Geld habe. Dann ist die Sache abgemacht. Aber sag' Deinem Vater nichts davon, Du weißt, ich liebe es nicht, über solche Dinge viel Geräusch zu machen. Uebermorgen bringe ich Dir den quittirten Wechsel.«