Dabei blieb es. Als Hedwig bei ihrer Rückkehr dem Vater unter der Hausthür begegnete, flüsterte sie ihm zu: »Hoffe und vertraue, es ist Hülfe nah!«
Er sah ihr forschend in das mondbeglänzte Gesicht. Ihr Auge schwamm in Thränen, aber ihren Mund umspielte ein seliges Lächeln. Er streichelte ihr die Stirn und sagte: »Du sprichst wie ein Engel, – ach –« aber das Dazwischentreten seiner Frau schloß ihm den Mund.
»Wo steckst Du denn so lange?« herrschte sie Hedwig zu, »geh' doch an Deine Arbeit!« Dann wollte sie mit dem Gatten ein Gespräch anknüpfen, aber der machte sich unwillig los. – »Du bist mein Dämon!« sagte er und ging in seine Schreibstube, wo er sich wieder einschloß.
Hier lagen die Terzerole frei auf dem Tische. »Heute noch nicht!« sprach er und verbarg sie nochmals, »die Engelsstimme hat noch einmal Hoffnung in mein Herz gesenkt. Hoffe und vertraue, es ist Hülfe nahe! so sprach das verkannte, verstoßene Kind, – o wie hab' ich das an ihm verdient? – Weiß sie meine Lage und hat sie den Ferdinand zur Hülfe aufgefordert? Der könnte helfen; aber ich selbst hätte nicht den Muth, den edlen Menschen anzusprechen, den wir erst zu verderben getrachtet. O Gott! wie gerecht bist Du! Den wir verderben wollten, der ist mit Ehre gekrönt, und er trägt den Lohn davon, der unser hätte werden können. Jetzt wären wir gerettet, – o Weib! Weib!« – Er versank eine Zeit lang in trübes Brüten; nach und nach wurden seine Züge weicher und Thränen entquollen seinen Augen. – »O Gott! o Gott! wie tief bin ich gefallen!« rief er aus und sank auf seine Kniee zum brünstigen Gebete.
Der folgende Tag verging ziemlich still im Huthause, nur daß zwischen den beiden Gatten wieder ein verdrießlicher Auftritt stattfand, nach welchem der Schichtmeister sich in sein Zimmer schloß, und seine Frau von Stunde zu Stunde widerwärtiger gegen ihre Umgebung wurde. Niemand hatte darunter mehr zu leiden als Hedwig, doch trug sie Alles mit stiller Geduld; sie fühlte, daß ihre Tyrannin der elendere und beklagenswerthere Theil war.
Da Ferdinand an diesem Tage das ihm zugesicherte Geschenk nicht erhielt, so machte er sich den folgenden Morgen auf den Weg nach der Stadt, um es zu fordern. Es bedurfte nur eines Wortes bei dem biedern Gelbgießer, um diesen zur Zahlung zu vermögen. Dreihundert baare Thaler wurden dem armen Bergmann zugezählt, – eine Summe, die er nie beisammen gesehen, geschweige denn sein genannt hatte! Was würde der Sparcassenmann für Augen machen, wenn er eine solche Einlage brächte. Aber was machte er für welche, als der sparsame Knappe sein ganzes Guthaben verlangte und auch nicht eher vom Platze wich, bis er es hatte! Froh wie Gott ging Ferdinand dann zu dem Goldschmied und erklärte, von dem Schichtmeister abgeschickt zu sein, den Wechsel einzulösen.
Der Goldschmied riß erstaunt die Augen auf, wollte Bedenklichkeiten erheben, aber Ferdinand hatte in seinem Wesen so etwas Gebietendes, daß der Wucherer sich gezwungen fühlte, den Wechsel herbeizuschaffen, zu quittiren und Ferdinand einzuhändigen. Kaum war dies geschehen, als die Ladenthür aufging und außer dem Bergschreiber und dem Bergamtsdiener einen Gerichtsactuar und den Gerichtsfrohn einließ. »Da finden wir die Compagnons gleich beisammen,« sagte der Bergschreiber. »Im Namen des Gesetzes erkläre ich diese beiden Herren für Gefangene!« sagte der Actuar; »ich hoffe, Sie werden sich Ihr Loos nicht durch Widersetzlichkeit erschweren!«
Der Goldschmied bebte wie ein Espenblatt, indeß Ferdinand sich blos verwunderte. »Da muß ein Irrthum walten,« sagte er, »und der wird sich bald aufklären; ich gebe mich ruhig gefangen.« Der Goldschmied erhob allerlei Einwände; seine Frau kam herbeigeheult und wollte ihn nicht fortbringen lassen. Es half aber Alles nichts, die Verhaftung wurde vollzogen.
Der Vetter des Doctors war rasch zu Werke gegangen, aber er würde seinen Zweck nicht so bald erreicht haben, hätte nicht die von den Geschwistern des Lehrburschen vom Gelbgießer Mickley verschleppte Silberstufe ihren Weg schon vorher in die Hände des Bergamtsboten gefunden gehabt. Dieser hatte nachgeforscht, woher die Stufe gekommen; und als nun sein Schwager ihm mittheilte, welche Entdeckung er in der alten Jacobszeche gemacht, da hatte es gar keiner Weitläufigkeiten bedurft; jener war in die Bergkanzlei gegangen und hatte dem Bergschreiber Anzeige erstattet. Es war sofort eine bergamtliche Untersuchung der Jacobszeche vorgenommen und dort das vom Doctor dahin getragene Erz gefunden worden.
Mit großer Verwunderung sah der Gelbgießer Mickley seinen Schützling in Gesellschaft der Bergamts- und Gerichtspersonen sammt dem Goldschmied über den Markt nach dem Rathhause gehen. Bald erfuhr er die Bedeutung dieses Aufzuges. Sogleich zog er sich an und eilte aufs Rathhaus, um dem Gericht seine Bürgschaft für Ferdinand anzutragen. Der Richter erlaubte ihm nur, den Gefangenen in Beisein eines Actuars zu besuchen. Ferdinand empfing den edlen Freund mit einer Miene, welche das unerschütterliche Vertrauen, das dieser in ihn setzte, bestätigte. Er erzählte den Hergang der Verhaftung. Der Gelbgießer fragte, ob er etwas für ihn thun könne. Ferdinand bat ihn, seiner Mutter in beruhigender Weise wissen zu lassen, wo er sich befinde, und seiner Braut mitzutheilen, daß der Wechsel eingelöst, ihm aber vom Gericht abgenommen wäre.