»Gut! gut!« sagte Mickley, »jetzt entsinn' ich mich, daß ich den alten Steiger Meier in seiner letzten Zeit ein paar Mal bei dem Goldschmied habe aus- und eingehen sehen, und nach dem letzten Mal stürzte er plötzlich in den Schacht. Ich hatte schon damals meine Gedanken darüber, aber ich wollte dem alten Mann nicht Unrecht thun. Wir gehen jetzt stracks aufs Stadtgericht; da will ich gleich den Antrag stellen, daß alle Papiere des Goldschmieds durchsucht werden!«
So geschah es; auch wirkte der wackere Bürger für Hedwig die Erlaubniß aus, den Gefangenen zu sprechen.
Mittlerweile war auf dem Huthause der Doctor Meier erschienen und hatte der Schichtmeisterin triumphirend zugerufen: »Die Falle ist zu, der Fuchs gefangen!« Diesen Zuruf hörte der in der Küche seine Pfeife anzündende Hutmann. Dieser war bei Mickley's Anwesenheit und Fortgehen mit Hedwig im Walde gewesen, wußte daher noch nichts von Ferdinands Verhaftung. Doch fiel ihm die Aeußerung des Doctors auf, und er brachte sie gleich in Zusammenhang mit Hedwigs ganz außerordentlichem Gang in die Stadt. Seine Aufmerksamkeit wurde noch mehr erregt durch den Jubel, mit dem die Schichtmeisterin den Ruf des Doctors aufnahm. »Also der Fuchs ist unschädlich gemacht?« rief sie, – »o Sie sind der Schutzgeist meines Hauses!« – »Gott behüt' uns vor solchem Schutzgeist!« sprach der Greis bei sich; »da ist ein Bubenstück gegen meinen Steiger ausgeführt worden!« Er konnte nicht hören, was die Beiden weiter verhandelten. Der Doctor entfernte sich bald, und der Greis beschloß, auf seine Schwiegertochter Acht zu haben.
Es war nach Tisch. Der argwöhnische Alte raubte sich heute sein gewohntes Mittagsschläfchen, um auf Alles zu merken, was im Hause vorging. Doch hielt er sich still in seinem Stübchen. Gerade unter diesem befand sich die Scheidebank und die damit verbundene Erzkammer. Die Scheidearbeit ruhte heute; daher war die Scheidebank verschlossen. Der Schichtmeister brauchte die Scheidearbeiter zur Ausbesserung des Pumpwerks im Schacht. Dennoch vernahm der Hutmann auf einmal ein Geräusch in der Scheidebank oder Erzkammer. Er schlich sich hinaus und verbarg sich auf der Treppe. Bald darauf ging die in die Hausflur führende Thür der Erzkammer auf, und die Schichtmeisterin trat mit einem verdeckten Handkorbe heraus, der ihr sichtlich sehr schwer wurde. Sie betrat damit die dunkle Treppe und wurde ihren Schwiegervater erst gewahr, als sie dicht vor ihm stand.
»Ei, Frau Tochter! was für schwere Spitzen, Hauben oder Tücher tragen Sie denn da?« redete er sie an, und ehe sie es hindern konnte, hatte er den Deckel aufgehoben, und die schönsten Erzstufen blinkten ihm entgegen. »Ich hätte nicht gedacht, daß meine Sohnsfrau sich so gut auf Erz verstände; wahrlich! die besten Stufen hat sie sich herausgeklaubt, – kommen Sie doch gefälligst mit herauf, Madame, wir wollen uns oben die Dingelchen bei Licht besehen. Nur keine Umstände, sonst ruf' ich die Leute vom Göpel herüber und sage ihnen, bei wem sie sich bedanken mögen, daß sie zu keiner Lohnverbesserung kommen können.«
Vernichtet folgte die Frau dem strengen Greise auf sein Zimmer. Er schloß hinter ihr ab. »Jetzt, Du Weib des Unheils, bekenne: was wolltest Du mit dem Erz thun?« Die Frau schwieg lange; aber endlich beichtete sie unter strömenden Thränen. Es kam ein seltsames Gemisch von wirklicher Mutterzärtlichkeit, Eigenliebe und Hoffart, wie es nur in der seichten Lache der Halbbildung möglich ist, zum Vorschein. Und als sie ein umfassendes Bekenntniß abgelegt hatte, und das ganze Gerüst ihres Hochmuths zusammengebrochen war und sie mit ihm, da sprach der Greis: »Unglückselige Frau! Du hast fürchterlich gefrevelt. Du hast uns Alle an einen Abgrund gebracht, von dem ich keine Rettung sehe, wenn Gott nicht ein Wunder thut!«
»Mutter! Mutter!« rief jetzt eine Kinderstimme von unten. Der Greis öffnete die Thür und fragte hinaus, was die Mutter solle. »Es ist ein Mann da,« lautete die Antwort. Der Hutmann ging hinab; es war der Gerichtsbote, der den Schichtmeister auf das Stadtgericht beschied.
»Was soll er dort?« fragte der Greis voll banger Ahnung.
»Er soll als Zeuge aussagen, ob er dem Steiger Bergner aufgetragen, für ihn einen Wechsel zu bezahlen?«